Home Design BIO 26 in Ljubljana – Design im Zeitalter der Informationskrise

BIO 26 in Ljubljana – Design im Zeitalter der Informationskrise

von Markus Schraml

 

Die 26. Designbiennale in Ljubljana – BIO 26| Common Knowledge – widmet sich einem Thema, das wie kein anderes unsere Zeit prägt: der Umgang mit Informationen. Kurator Thomas Geisler und Assistenzkuratorin Aline Lara Rezende definierten als ihren Ausgangspunkt Wissen als Allgemeingut und luden sechs interdisziplinäre Designteams ein, renommierte Wissensinstitutionen in der slowenischen Hauptstadt aufzusuchen und Projekte zu entwickeln, die sich mit Fragen wie „Was wissen wir wirklich?“ oder „Wie gehen wir mit Wissen als Ressource um?“ beschäftigen. Dem BIO 26-Team ging es darum, Bereiche in den Fokus zu rücken, die in hohem Maße Innovationen und kreative Ansätze brauchen. Mit welchen Strategien können Designschaffende positiv auf die aktuelle Informationskrise einwirken? In Zeiten, in denen eine unmögliche Wortkombination wie „alternative Fakten“ en vogue geworden ist, geht es vor allem um die Frage nach gesichertem, verlässlichem Wissen und den Möglichkeiten der vertrauenswürdigen Orientierung in diesem Dschungel der rasanten digitalen Datenflut.

Die Designbiennale in Ljubljana hat eine über 50-jährige Geschichte, in der größtenteils die industrielle Produktion thematisiert wurde. Erst spät öffnete sich die Veranstaltung experimentelleren Designzugängen. Für die 26. Ausgabe besuchten Designer*innen ein Museum, eine Bibliothek, die Universität, eine Tageszeitung, den Botanischen Garten und ein Seniorenheim. „Wir verstehen all diese Orte als Wissensfabriken, deren Rohstoffe entweder Daten, Artefakte oder das Wissen von Mensch oder der Natur bis hin zur künstlichen Intelligenz sein können“, sagt Kurator Thomas Geisler. Ganz in diesem Sinne lautet das Motto der Biennale „Common Knowledge“. Die Untersuchungen der Rolle von Design in der aktuellen Informationskrise, ihre demokratiepolitischen und gesellschaftlichen Auswirkungen und Zusammenhänge können in den Ausstellungen sowie Installationen der BIO 26| Common Knowledge noch bis zum 9. Februar 2020 in Ljubljana besucht werden.

Im formfaktor-Interview spricht Thomas Geisler, der in seinem Hauptberuf das Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden leitet, über ethische Fragestellungen für Designer*innen, die Grausligkeiten von Social Media und wirft einen erklärenden Blick auf die slowenische Designszene.

formfaktor: Was sind Ihrer Meinung nach die bedrohlichsten Problemfelder der derzeitigen Informationskrise?

Thomas Geisler: Wir leben seit geraumer Zeit in der proklamierten Informations- bzw. Wissensgesellschaft, neue Technologien und die Digitalisierung ermöglichen es uns, mehr als je zuvor Daten zu sammeln, zu speichern und zu verarbeiten. Scheinbar stößt jedoch der Mensch an die Grenzen seiner Kapazitäten mit diesen Datenvolumen und -geschwindigkeiten umgehen zu können – Stichwort „Big Data“: Künstliche Intelligenz und Algorithmen mögen hier einen Ausweg bieten, aber sie kommen auch zu einem hohen Preis wie dauerhafter Datenabsaugung, Überwachung oder dem Kontrollverlust. Daten werden als das neue Gold bzw. als neue Währung gehandelt – menschheitsgeschichtlich befinden wir uns im Zeitalter der Daten. Meiner Ansicht nach haben wir einen wertvollen Rohstoff entdeckt, der uns zwar berauscht, den wir aber noch nicht richtig einzusetzen wissen.

formfaktor: Wie sind das Internet und vor allem Social Media-Kanäle in Bezug auf diese Krise einzuordnen?

Thomas Geisler: In Vorbereitung für die Biennale sind wir auf die Essaysammlung „World Brain“ des britischen Science-Fiction-Autors H.G. Wells gestoßen. 1938 erschienen, beschreibt er die utopische Idee einer Universalenzyklopädie, die die Menschheit mit gleichem Wissensstand davon abhalten soll, gegeneinander Kriege zu führen und global weisere Entscheidungen zu treffen. Das Gegenteil hat sich ereignet. Wells Vision hat sich später mit dem World Wide Web und Wikipedia in ähnlicher Weise realisiert. Was sich im Zuge der Digitalisierung und dem freien Zugang zum Internet entwickelt hat, beschreibt der britische Künstler und Autor James Bridle in „New Dark Age“ – als ein neues Mittelalter mit anderen Waffen. Die Social-Media-Plattformen sind ein Katalysator, um Propaganda, Fake News und andere Grausligkeiten ungefiltert in die Welt hinauszublasen. Die Idee eines demokratischen Mediums wird laufend korrumpiert, faktisches Wissen mit einem Tweet diskreditiert. Das ist per se nichts Neues. Jedes Medium wurde dahingehend missbraucht, von der Zeitung bis hin zu Radio und TV. Neu hingegen ist die Verstärkerwirkung, da es sich nicht mehr nur um Einwegbotschaften handelt und die Dynamik der Verbreitung kaum mehr zu steuern ist. Sich heute eine eigenständige Meinung zu bilden ist die wahre Herausforderung – bei vielen scheitert es schon an der Motivation. Ein kritischer Umgang mit dem Internet sollte daher frühzeitig in der Erziehung und den Lehrplänen verankert sein. Es lohnt sich auch Marshall McLuhans „The Medium is the Message“ wieder zu lesen. Die zentrale Ausstellung der Biennale besucht all diese historischen und zeitgenössischen Referenzen. Zunächst müssen wir auch verstehen, was mit der Informationskrise gemeint ist.

 

formfaktor: Jasper Morrison hat gesagt: „Der Designer ist der Hüter einer wahrheitsgemäßen physischen Umgebung.“ Welche Rolle kann Design spielen – im Hinblick auf die Themenbereiche „Wissen“ und „Wahrheit“?

Thomas Geisler: Die Organisation und Darstellung von Daten und Informationen, aber auch Prozessen, ist von jeher eine Domäne von Design, ob in Produkten, Visualisierungen oder der Schaffung von Interfaces. Trotzdem geht es heute nicht nur mehr darum, Knöpfe oder Grafiken zu gestalten. Die Aufgaben und Inhalte sind komplexer und bedürfen in vielen Fällen disziplinübergreifende Ansätze. Design kann hier auch eine wichtige moderierende Rolle einnehmen, gerade weil Prozesse Informations- und Kommunikationsgetrieben sind und anfällig für Missverständnisse, Fehlinterpretationen oder Manipulationen. In Erweiterung zu Morrison – der vor allem Produktdesigner ist – geht es schon lange nicht mehr nur um die „physische Umgebung“. Die Gestaltung von Interaktion und die Verschmelzung des Analogen und Virtuellen erweitern die Aufgabengebiete für Designschaffende enorm. Dabei unterliegen Designer denselben ethischen Fragestellungen, wie jede andere Berufsgruppe auch. Hier lässt sich aber auch ein Umdenken bei einer jüngeren Generation von Gestaltern feststellen, die sich lieber in den Dienst einer „guten Sache“ stellen, ob sozial oder ökologisch, und sich nicht nur mehr dem Kommerz willfährig ergeben: ob das die Arbeit für eine unabhängige Medienplattform ist oder die Entwicklung von Erzeugnissen, die für die Kreislaufwirtschaft geeignet sind. Überhaupt gehört das Hinterfragen der eigenen Praxis zum goldenen Weg zur Erlangung von Wissen und Wahrheit. Das Forschungsprojekt „Ore Stream“ des Amsterdamer Designstudios Formafantasma zum Umgang mit Elektroschrott ist ein solches Beispiel. Die gute Nachricht ist, es gibt Millionen-Aufgaben für Designer.

formfaktor: Als Kurator sind Sie voreingenommen und lieben alle Ihre Kinder, aber nennen Sie bitte ein, zwei Projekte, die das diesjährige Thema besonders spannend aufgreifen?

Thomas Geisler: Als guten Vater bringen Sie mich nicht dazu, eines meiner Kinder zu bevorzugen (grinst). Grundsätzlich gilt, dass die Biennale ein Gesamtangebot ist. Die sechs Auftragsprojekte, die in Kooperation mit Institutionen in der ganzen Stadt verstreut zu finden sind, werden von einer zentralen Ausstellung im MAO – Museum für Architektur und Design begleitet, die das Thema der Informationskrise mit historischen und zeitgenössischen Arbeiten aufbereitet und die Auftragsarbeiten einbettet. Es empfiehlt sich also, einen Besuch dort zu beginnen. Zudem haben wir ein umfangreiches Begleitprogramm in Zusammenarbeit mit Beteiligten aus Europa und der ganzen Welt erarbeitet. Hierfür wurde eigens ein Leerstand im Stadtzentrum, eine Unterführung mit ehemaligen Geschäftslokalen als Schauräume mit Ausstellungen, Präsentationen und Workshops bespielt. Die Ajdovščina-Unterführung wird als öffentlicher Raum zur Wissensvermittlung und als Marktplatz des Wissens genutzt. Dort findet sich eine temporäre Bibliothek ebenso wie ein Blumenladen mit dem Titel „Green Refuge“, wo ich verwaiste Pflanzen hinbringen oder abholen kann und dabei jede Menge über deren Pflege erfahre. Demnächst eröffnen wir eine Kooperationsausstellung mit dem ZKM Karlsruhe und dem Goethe Institut in Ljubljana zum Thema „Data and the Sovereign“, in der sich Künstler und Designer mit dem Umgang von Daten beschäftigen. Das Programm ist vielseitig und umfangreich, aber auch überschaubar, der Blick auf die Website und ein Besuch in Ljubljana lohnt sich.

 

formfaktor: Welchen Stellenwert hat Design in Ljubljana und in Slowenien generell? Wie würden Sie die dortige Designszene international einordnen?

Thomas Geisler: Von Anbeginn war es uns ein Anliegen mit der lokalen Designszene zu arbeiten. Mit dem Grafik-Kollektiv „Ljudje“ rund um Miha Artnak haben wir einen genialen Partner gefunden, die visuelle Identität der Biennale zu transportieren. Die farbenfrohen Infografiken konterkarieren die teils erschreckenden Statistiken, die darin abzulesen sind, erzeugen aber Aufmerksamkeit für die Inhalte. Sie haben sich aber auch mit der visuellen Sprache der BIO bis hin zu ihrem Ursprung im Jugoslawien der 1960er Jahre auseinandergesetzt. Das MAO verfügt über eine reichhaltige Sammlung über Design, Architektur und Grafik aus all diesen Dekaden – Teile davon sind in einer Art „Wunderkammer“ in der Zentralausstellung zur BIO zu sehen. Die BIO war in ihren Ursprüngen als Messe für Industriedesign konzipiert, Exportgeschäfte sollten angekurbelt werden. Die Sportmarke Alpina kennt man, ebenso die Haushaltsgeräte von Gorenje und andere. Als blockfreier Staat war es quasi ein neutraler Boden, wo sich Ost und West begegnen konnten. Slowenische Designer wie Niko Kralj oder Saša Mächtig prägten das Design im industriellen Aufschwung in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die verspielten Objekte von Nika Zupac fallen einem ein, wenn es um experimentellere Ansätze aus jüngerer Zeit geht. Slowenien ist ein kleines Land mit einem kleinen Markt, weshalb mit der Unabhängigkeit und dem Niedergang der staatlichen Unternehmen, viele Produktionsstätten wegfielen oder abwanderten. Auch ein Grund weshalb sich die BIO neu orientieren musste. Heute versteht sie sich mehr als Sprungbrett im globalen Netzwerk und als experimentelles Labor für aktuelle Fragestellungen im post-industriellen Design. In allen Projektteams und im Begleitprogramm, die wir in einem international ausgeschriebenen Wettbewerb und zwei Designathons vor Ort zusammengestellt haben, haben sich auch spannende und junge Designtalente aus Slowenien qualifiziert. In Ljubljana gibt es die Möglichkeit an der Universität Design, Mode und Architektur zu studieren, die Erfahrungen sammeln aber alle schon längst im Ausland, der Design Academy in Eindhoven oder dem RCA in London. Wer Ljubljana besucht, wird den Bauten von Jože Plečnik, einem Schüler von Otto Wagner, begegnen. Wie kaum ein anderer hat er das frühe moderne Stadtbild geprägt, seine gestalterischen Zitate finden sich in Generationen von Designern und Architekten nach ihm. Ein Besuch seines Wohnhauses und Ateliers lohnt sich, ebenso die National- und Universitätsbibliothek, ein wahrer Tempel des Wissens, den wir mit einem Auftragsprojekt im Rahmen der BIO etwas niederschwelliger und zugänglicher gestalten wollten. „Neue Funktionen für veraltete Strukturen“ lautete der Auftrag. Die Bibliothek als sozialer Lernort der das schwere Tor zum Wissensschatz mit Büchern und Artefakten per Zufallsalgorithmus öffnet, ist die Antwort des Designteams, das unter dem Mentoring des niederländischen Designstudios Commonplace arbeitete.

 

formfaktor: Wie kann eine Basis (wieder)geschaffen werden, auf die alle Menschen – egal mit welchem Gedankengerüst oder politischen Einstellung – Vertrauen können?

Thomas Geisler: Mit der BIO sind wir bemüht eine kohäsive, jedoch nicht umfassende Diskussion über die universale Informationskrise zu entfachen. Wir sind keine Epistemologen, keine Wissenschaftstheoretiker, uns interessiert die Betrachtung aus der Perspektive des Designs. Als Hilfestellung haben wir uns entschlossen mit der Daten-Informationen-Wissen-Weisheit-Pyramide (englisch DIKW-Pyramid) zu arbeiten. Ursprünglich von dem Informations- und Organisationstheoretiker Russell L. Ackoff rezipiert, dient die Pyramide uns als Basis für die Struktur der zentralen Ausstellung im MAO, der Auftragsprojekte in Kooperation mit Partnerinstitutionen in Ljubljana, sowie für das Begleitprogramm. Ackoffs Essay From Data to Wisdom von 1989 zeigt auf anschauliche Weise, wo das System zusammenbricht. Durch die Überlast an Daten und Informationen kommt es zu Fehlern bei Bearbeitung, Analyse, Filterung und Verstehen. In der heutigen Wissensgesellschaft sind wir konfrontiert mit manipulierten Nachrichten und alternativen Fakten. Darauf wird es auch keine einfache Antwort geben. Um ein Problem zu lösen, muss es jedoch zuerst verstanden werden. Design- und Kunstschaffende bieten dafür hilfreiche Strategien. Design und Kunst können Menschen dabei unterstützen, die Welt kritisch zu betrachten, sie bringen Menschen zusammen und haben die Instrumente, relevante und bedeutende Erkenntnisse sichtbar zu machen. Mit „Common Knowledge“ verstehen wir Wissen als Allgemeingut, es geht um das Zugänglichmachen und Teilen quer durch alle Schichten der Gesellschaft: Offenheit schafft im besten Fall Vertrauen. Wells Utopie eines „World Brain“ hat immer noch Relevanz.

Die BIO 26| Common Knowledge läuft noch bis zum 9. Februar 2020. (Die Hauptausstellung im MAO hat bis 23. Februar geöffnet, danach reist sie nach Dresden und wird im dortigen Kunstgewerbemuseum auf Schloss Pillnitz von 27. 6. – 1. 11. 2020 zu sehen sein.) Nähere Informationen zu den einzelnen Projekten finden Sie unter diesem LINK. Die Ausstellung „The Data and the Sovereign“ in der Kresija Gallery in Ljubljana startet am 16. Januar.


Im Rahmen eines sogenannten Designathons wurden während einer dreitägigen Working Session die Projekte für die 26. Designbiennale ausgesucht. Im Folgenden einige Videos, in denen die Mentoren der einzelnen Projekte über ihre Arbeit sprechen. Zunächst das Duo von Bureau d’études über das Tageszeitungs-Projekt.

 

Futurefarmers haben als Mentoren das Projekt im Botanischen Garten betreut.

 

In diesem Video spricht Mentorin Kathrina Dankl über das Seniorenheim-Projekt.

 

Das niederländische Designstudio Commonplace betreute das Projekt in der Bibliothek.

 

Mentor Paolo Patelli teilt seine Gedanken über das Museumsprojekt der BIO 26.

 

Auch die Universität ist eine „Wissensfabrik“: Apolonija Šusteršič spricht in diesem Video über das diesbezügliche Projekt.


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