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Der Weg zur Kreislaufwirtschaft – 3 Days of Design

von Markus Schraml
3 Days of Design

Einen Blick nach Skandinavien zu werfen, bedeutet, in die Zukunft zu schauen. In die Zukunft von Produktionsprozessen und der sorgsamen Verwendung von Ressourcen. Die 3 Days of Design 2020 in Kopenhagen standen im Zeichen von Nachhaltigkeit und den Schritten, die in Richtung Kreislaufwirtschaft unternommen werden (müssen). Mit 5,8 Millionen Einwohner*innen ist Dänemark ein kleines Land und gleichzeitig ein Big Player in der Möbelherstellung. Die Anzahl sowohl traditionsreicher Unternehmen als auch Newcomern in diesem Bereich ist vor allem in der Hauptstadt enorm hoch. Und die globale Bedeutung der skandinavischen Designsprache (bei Möbeln vor allem der dänischen) gehört zu den ganz großen Einflussgrößen in der Gestaltungsgeschichte.

Aufgrund der Coronavirus-Krise wurden heuer die meisten Messen abgesagt, wodurch den 3 Days of Design eine gesteigerte Bedeutung zukam. In den vielen Showrooms, Studios und externen Ausstellungsflächen wurden nicht nur die Neuheiten der Saison präsentiert, sondern auch die Ergebnisse von Sonderprojekten gezeigt. Ein Schwerpunkt vor allem im Hinblick auf das Veranstaltungsthema „Circular Economy“ waren die Diskussionsrunden und Vorträge von Unternehmenseigentümer*innen, die ihre Maßnahmen in Bezug auf mehr Nachhaltigkeit in ihren Produkten vermittelten. Im Hotel Villa Copenhagen zeigte Mater, ein Unternehmen, das sich seit 2006 mit umweltbewusster, ethischer Produktionsweise von Möbeln beschäftigt, seine neuesten Entwürfe und gewährte Einblick in seine spezifische Herangehensweise. Die Live gestreamten Design Talks fanden im Pakhus 11 statt, wo der Lifestyle&DesignCluster eine Ausstellung mit 27 Marken bzw. Designer*innen unter dem Titel „Circular furniture and interior design“ organisiert hatte. Dort diskutierte unter anderem Henrik Marstrand, CEO und Gründer von Mater mit Branchenkollegen wie Maria Fryd Wehler (Wehlers) und Henrik Taudorf Lorensen (TAKT) über „Circular business models“. Unternehmen, die sich einer kreislauffähigen Produktionsweise verschrieben haben, könnten auch mit Wettbewerbsvorteilen punkten, so die übereinstimmende Aussage der Teilnehmer*innen. Tatsächlich ist der Markt für wirklich nachhaltige Produkte in den letzten Jahren gewachsen. Für eine steigende, vor allem junge Käuferschicht werde die ökologische Glaubwürdigkeit einer Marke zu einem entscheidenden Kaufkriterium. Das sei auf jeden Fall die Zukunft, dennoch sei man noch weit davon entfernt, alle Aspekte zufriedenstellend umweltfreundlich bedienen zu können, meinte etwa Joachim Kornbek Hansen von MENU im Design Talk „Danish Design 2.0“. Und Jesper Pandoro (Skagerak) betonte in der Gesprächsrunde über „Certifications“, das es im Kern vor allem um die richtige Einstellung ginge, die ein Unternehmen gegenüber der Gesellschaft und der Umwelt einnehme. Außerdem könne Nachhaltigkeit nicht einfach in einer Abteilung der Firma platziert werden, sondern das Unternehmen in seiner Gesamtheit müsse diese mittragen.

Eine bemerkenswerte Ausstellung war im Den Frie Centre of Contemporary Art unter dem Titel „Material Matters x TMI“ zu sehen. Die von TMI (Træ- og Møbelindustrien / Vereinigung der dänischen Holz- und Möbelindustrie) organisierte Schau mit 17 dänischen Möbelmarken war ein Abbild der Gesamtstruktur der Hersteller-Landschaft in Dänemark, die aus sehr vielen traditionsreichen Unternehmen wie Fritz Hansen, Eilersen oder PP Møbler besteht, aber auch vergleichsweise vielen aufstrebenden jungen Firmen wie August Sandgren, Montarsu oder Re Beds. Während Nachwuchsunternehmen großteils mit einem ökologischen Anspruch gegründet wurden und Themen wie die Wiederverwertung von Stoffen oder nachhaltige Produktionsprozesse in ihre Grundphilosophie integriert haben, versuchen die etablierten Unternehmen ihre Prozesse umzustellen, ökologisch verträglichere Materialien zu verwenden und ihren CO2-Fußabdruck zu minimieren. Im hohen Norden gibt es kaum ein (Möbel)unternehmen, das die Zeichen der Zeit nicht erkannt hätte. Und teilweise werden wirklich erhebliche Anstrengungen unternommen, um ein Teil der Lösung und nicht des Problems zu sein. Interessant waren diesbezüglich die Ausführungen von Kasper Holst Pedersen von PP Møbler. Er sprach unter anderem über Pferdehaar als Ersatz für Polyurethanschaum und über sein Bestreben, Lack oder Farbe durch in der Natur vorhandene chemische Reaktionen zu ersetzen.

Zurück zur Ausstellung „Circular furniture and interior design“ im Pakhus 11. Die 27 Marken / Designer*innen plus 11 Künstler*innen lieferten Antworten auf die Frage: „Wie kann dänisches Design Hand in Hand mit den Herausforderungen bzgl. Klima und Ressourcenknappheit funktionieren?“ Eines der teilnehmenden Unternehmen war TAKT. Der vor wenigen Jahren von Henrik Taudorf Lorensen gegründete Möbelhersteller hat es sich von Anfang an auf die Fahnen geheftet, die Art, wie Möbel designt, gebaut und verkauft werden, völlig neu zu denken. Und zwar so, dass die Produktion den Planeten nicht nur nicht negativ beeinflusst, sondern einen absoluten Mehrwert für die Menschen darstellt. Deshalb sind alle Möbel, die das Unternehmen verkauft, zu 100 % öko-zertifiziert. Das Holz stammt aus nachhaltiger Forstwirtschaft. Es wird ausschließlich wasserbasierter Lack verwendet und die Möbel können in ihre Grundelemente zerlegt werden, damit man sie recycelen oder Einzelteile problemlos austauschen kann. Ebenfalls in dieser Schau vertreten war Wehlers, ein Pionier in der Verwendung von Abfallmaterialien für die Möbelproduktion. Mit R.U.M. (kurz für Re-Used Materials) produziert Wehlers einen Stuhl, der zur Gänze aus Ozean-Plastik und recyceltem Stahl besteht. In Zusammenarbeit mit CF Møller Design ist es Maria Fryd Wehler und ihrem Team gelungen, ein Möbel zu fertigen, das auf upgecycelten Fischernetzen basiert. Damit ist das Unternehmen seinem Ziel einen weiteren Schritt näher gekommen, ihre Möbel immer und immer wiederzuverwenden, zu reparieren und zu recyceln – während ihrer Lebensspanne und darüber hinaus. Kreislaufwirtschaft ist hier ein immanenter Teil der Design- und Produktionslösungen. Auch wenn viele dänische Möbelhersteller noch lange nicht soweit sind, zirkulär zu produzieren, ist das entsprechende Mindset bei den meisten vorhanden. Dazu kommt ein Vorteil dänischer Designmöbel – sie halten sehr sehr lange und erfüllen dadurch zumindest diesen Aspekt von Nachhaltigkeit.

Traditionsfirmen und Newcomer: Möbel-Neuheiten der 3 Days of Design.

Künstler Marco Evaristti über seine Arbeit für und mit Askman Design.

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