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London Design Festival 2019

Design in der Stadt des Big Business

Als größte Wirtschaftsmetropole Europas hat London auch eine starke Kreativszene, darunter viele Hersteller, die den Interieurbereich bedienen. Andererseits zieht es Firmen aus der ganzen Welt und speziell aus Kontinentaleuropa an die Themse. Die Vielfältigkeit dieses Aufeinandertreffens spiegelte sich beim diesjährigen London Design Festival in unterschiedlichsten Ausformungen wider. Über eine Woche lang verwandelte sich Central London zur Welthauptstadt des Designs, was sie eigentlich immer ist, aber zu diesem Anlass explizit feiert. Nicht nur die Hotspots 100% Design, designjunction und London Design Fair zeigten sowohl heimische als auch internationale Möbel, Textilien, Leuchten und Accessoires, auch in den (Einkaufs)Straßen, den Design Districts wurde am Aufmerksamkeitskuchen des Festivals mitgenascht. Den Charme des London Design Festivals macht sein dezentraler Charakter aus. Es gibt nicht einen, sondern viele Orte, die einen Besuch lohnen.

 

Let‘s talk about design

Der Wert des Handwerks, (Bio)Materialien und Nachhaltigkeit waren nur einige der Schwerpunkte. Vor allem in den zahlreichen Talks wurden Klimafreundlichkeit und notwendige Veränderungen in den Produktionsprozessen thematisiert. So sprach Yves Béhar (fuseproject) beim Global Design Forum im V&A Museum über das Gleichgewicht von kommerziellen und sozialen Projekten sowie über seinen Designansatz, der kommerzielle Aufträge mit Democratic Design verbindet, um Menschen eine lebenswertere Zukunft zu ermöglichen. London Design Medal Gewinnerin (für das Lebenswerk) Vivienne Westwood, bekannte Aktivistin für Nachhaltigkeit, kritisierte einmal mehr den ausufernden Konsum und forderte eine Nachhaltigkeitsrevolution, um dem Klimawandel zu begegnen. Ella Doran stellte im Rahmen des Talk-Programms der designjunction ihr Sheep To Seat, Fleece To Floor-Projekt vor, mit dem sie dem Konzept der Kreislaufwirtschaft folgt. Einen besonderen Aspekt in diesem Konzept griff der 100% Design-Talk „The importance of restoration in a circular economy“ auf. Nachhaltigkeit bedeutet auch, Dinge nicht wegzuwerfen, sondern sie von Generation zu Generation weiterzugeben. Das ist allerdings nur möglich, wenn Produkte qualitativ hochwertig sind. Und selbst dann wird es hin und wieder notwendig sein, restauratorische Maßnahmen zu ergreifen, um die guten Stücke weiter „am Leben“ zu erhalten. Nachwuchsdesignerinnen verfolgen in ihren Entwürfen und Projekten fast ausnahmslos nachhaltige Ansätze. Das junge Team von Sofa Forlife etwa hat ein modulares Sofa entworfen, das sich in 10 Minuten zusammen- oder abbauen und leicht transportiert lässt. Die Teile können gewaschen, ausgetauscht und ersetzt werden, wodurch sich das Sofa veränderten Gewohnheiten anpassen lässt. Im Gespräch erzählt Gründerin Saskia von der Schwierigkeit in allen Details nachhaltig und ressourcenschonend zu agieren, um ein Produkt zu entwickeln, das der von vielen Designern angestrebten Kreislaufwirtschaft entspricht. Als Projekt an der Glasgow School of Art 2017 gestartet, befindet sich das Sofa in kontinuierlicher Weiterentwicklung, sagt Saskia, und es werde in zwei Jahren noch sehr viel ökologischer sein. Jeder Schritt ein kleiner Baustein, hin zu einer Zukunft, in der Abfall ein Konzept der Vergangenheit ist. Ab Oktober 2019 wird für das Sofa Forlife eine Kickstarter-Kampagne gestartet.

 

Materialien: Abfallrecycling und Zellwachstum

In Bezug auf die Veränderung von Produktionsprozessen und der Ausbeutung von Ressourcen spielen neue, innovative Materialien eine wesentliche Rolle. So wurden etwa bei 100% Design in der Grand Hall von Olympia London im Rahmen der Ausstellung Material Studio 30 innovative Materialien und ihre Macher vorgestellt. In der Zusammenstellung der Designagentur MaterialDriven waren zum Beispiel Lösungsansätze für das Problem der enormen Menge an Verpackungsmaterialien vertreten. Mi Zhou entwickelte eine Verpackung für Shampoos und Seifen, die aus Seife besteht und deshalb genau wie das Produkt selbst verwendet werden kann. Ein Team des RCA und Imperial College London arbeitet an einer Alternative zu Beton, die biologisch abbaubar und wiederverwendbar ist. Finite ist ein Verbundmaterial aus Wüstensand und verwendet eine neue Art von Bindemittel, mit dem diese Art des Sandes leichter nutzbar wird. TheBreath wiederum ist ein patentiertes Gewebe von Anemotech, das schädliche Partikel wie Formaldehyd, Benzol oder VOCs aus der Luft absorbieren kann. Das Material of the Year der London Design Fair 2019 war Biomaterial. Unter dem Gesichtspunkt der Verwertung von organischen Abfällen, wie etwa aus der Kartoffelindustrie (Chip[s] Board), Maisschalen (Fernando Laposse), Leuchten aus Überresten der Lebensmittelindustrie (High Society) oder ungenutzten Palmblättern vom Baum der Betelnuss (Studio Tjeerd Veenhoven), zeigte die Ausstellung eine kleine Auswahl der Möglichkeiten, wie aus Abfall oder bisher nicht Genutztem hochwertige Produkte entstehen können. Der Niederländer Tjeerd Veenhoven arbeitet seit 2011 an der Entwicklung von „Palmleather“. Die Blätter stammen nicht von Ölpalmen, sondern von Blättern, die von der in Indien weitverbreiteten Areca-Palme fallen. Dieses Material ist extrem billig und für jeden verfügbar. Veenhovens streben war und ist es, nicht nur ein ökologisches Material zu kreieren, – übrigens lange bevor das Wort Nachhaltigkeit in aller Munde war – sondern auch soziales Unternehmertum sowie Design für die 99 % zu unterstützen. Die Technologie, um das Rohmaterial zu verarbeiten, wird Open Source zur Verfügung gestellt. Für Veenhoven geht es um die tatsächliche Wirkung: „Eine Innovation ist wenig wert, wenn sie nicht in das reelle Leben der Menschen implementiert wird. Auch mit Palmleather ist das nicht anders. 2010 habe ich in meinem Studio in Groningen die ersten Tests gemacht und die Technologie über die Jahre weiterentwickelt. Aber die größte Herausforderung ist es, eine Wertschöpfungskette für ein komplett neues Material aufzubauen.“ Aus dem lederähnlichen Material kann von billigen Sandalen bis zu High-End-Konsumgütern alles hergestellt werden. Seit 2017 gibt es neben den Produktionsstätten in Südindien auch eine Fabrik in der Dominikanischen Republik. Aus den dortigen, etwas anderen Palmblättern werden die Palmleather Rugs produziert, die international erfolgreich sind. Das Wort Biodesign ist zu einem Hype geworden und war nicht nur in Shoreditch zu hören, sondern auch beim Global Design Forum im V&A Museum und vor allem bei der Veranstaltung Biodesign Here Now im Container-Dorf Open Cell direkt neben dem Shepherd‘s Bush Market. Dort setzten sich die Teilnehmer in Form von Talks, Fashion Show und vielen Präsentationen auf unterschiedlichste Art mit dem Thema Biodesign auseinander. Grundsätzlich ging es hier nicht um das Upcycling von organischen Abfällen oder bisher nicht verarbeiteten Biomaterialien, sondern um das biotechnologische Herstellen von Materialien auf zellularer Ebene. Dafür werden Zellen auf DNS-Basis entworfen, um maßgeschneiderte Mikroorganismen zu erschaffen, die Kollagenproteine produzieren. Das heißt, dieses Biomaterial wächst. Im englischen Fachjargon spricht man hierbei von Biofabrication.

Einen detaillierten Bericht über die vielfältigen Ansätze in diesem Bereich sowie ein Exklusivinterview mit Biodesign-Ikone Suzanne Lee können Sie demnächst auf formfaktor lesen.

 

London als Designhauptstadt

Sicher, in den Messehallen geht es hauptsächlich ums Geschäft, aber nicht ausschließlich. Auch dem Nachwuchs wird Raum gegeben. Und das bedeutet: Neue Ideen, völlig andere Herangehensweisen und ein Bewusstsein, dass man die Zukunft selbst und anders als bisher gestalten kann und muss. London ist dafür der richtige Ort. Ein Ort des Designs, mit einer lebendigen, äußerst produktiven Kreativszene, die in ihrer Art einzigartig ist. Menschen unterschiedlicher Herkunft tragen maßgeblich dazu bei. In der britischen Hauptstadt herrscht nahezu bedingungsloser Unternehmergeist. Tom Dixon ist das beste Beispiel für diese Verbindung aus Kreativität und Geschäftssinn. Zum London Design Festival verwandelte er sein Coal Office in King‘s Cross zu einem Ort für alle Sinne. Für ihn liegt das Geheimnis von London als Designstadt in seiner schieren Größe: „Es geht auch um Vielfalt. London ist sehr kosmopolitisch. Jeder Teil der Welt ist hier vertreten und auch jede Art von Big Business. Egal ob Design, Autodesign, Finanz, Kriminalität, Industrie, Technologie, Handwerk oder Kunst. Wenn sich all diese Dinge überschneiden, dann passiert Kreativität. Deshalb ist London eine kreative Stadt“, sagt Dixon

Ben Rigby, Co-Gründer des Licht-Spezialisten Haberdashery sieht London als einen starken Magneten, der sehr viele unterschiedliche Menschen anzieht und sagt: „Wir haben immer Designer aus der ganzen Welt angestellt. Dadurch bekommen wir sehr viele verschiedene Einflüsse und London war immer ein Schmelztiegel der Ideen. Alles bewegt sich hier sehr schnell. Das macht viel Spaß.“ Auf der 100% Design präsentierte Haberdashery zwei neue Leuchten, die ganz dem Hauptthema des Unternehmens folgen, Erinnerungen aus Licht zu gestalten. Bei After Dark und Introvert Extrovert geht es hauptsächlich um Storytelling, die modernste Technologie bleibt im Hintergrund. Das Unternehmen war nicht nur bei 100% Design vertreten, sondern gestaltete auch eine Installation mit ihrer preisgekrönten Dawn to Dusk-Leuchte im Lighttunnel der designjunction. Das Gebiet dieses Events ist weitläufig, mit unterschiedlichen Gebäuden und Aufbauten, die verschiedene Ausstellungen beherbergen. Im Zentrum liegt der von Thomas Heatherwick 2014 gestaltete Coal Drops Yard, unter dessen beiden geschwungenen Dächern Martino Gamper seine Disco Carbonara für das Festival platziert hat. Unweit davon sprechen wir mit Mark Gordon, dem Organisator der designjunction über London als Ort einer lebendigen Designszene. Er meint, die Ursache dafür, dass Architektur und Design einen so hohen Stellenwert und internationales Ansehen genießen, läge in seiner Willkommenskultur: „Sehr viele verschiedene Kulturen werden hier einfach willkommen geheißen. London ist eine sehr vibrierende Stadt, die die Menschen einfach anzieht. Zum Beispiel wird das Central Saint Martins College nicht nur von Briten besucht, sondern auch von Studenten aus Europa und Amerika. London ist einfach sehr sehr cool. Hier gibt es alles. Egal, was man anfangen möchte, hier findet man Kooperationspartner dafür. Jeder arbeitet mit anderen zusammen. Und das ist auch hier bei designjunction ganz gut zu sehen. Es ist ein Treffpunkt für Design. Zum Beispiel haben wir den tollen Handwerker Bim Burton, der eine faszinierende Idee hatte, mit dem Unternehmen Kaldewei zusammengebracht. Und daraus ist etwas sehr Schönes entstanden. London ist sehr progressiv und das möge lange so bleiben.“

 

Neben den Hotspots des London Design Festivals mit Installationen und Messehallen, spielt sich das Geschehen in den Design Districts häufig in kleinen Shops, Showrooms und Galerien ab. Aber auch größere, fixe Einrichtungen nehmen daran teil, wie etwa das Design Centre Chelsea Harbour. Auf mehreren Etagen und in 120 Showrooms geht es in erster Linie um Wohntextilien: Vorhänge, Tapeten, Farben, Bezugsstoffe, Fliesen. Anlässlich des Festivals eröffnete Kvadrat hier einen neuen Schauraum, der neben Kvadrat und Kinnasand auch die 2018 erworbene Marke Sahco präsentieren wird. Der dänische Textilriese will damit seine Position auf dem Wohntextilien-Markt stärken und hat dafür das Konzept Kvadrat at Home entwickelt. Als Kreativteam für die neue Marke Sahco fungieren Anna Ebbesen (Design Director), die seit 2011 für Kvadrat arbeitet und die sehr erfolgreiche Kooperation mit Raf Simons betreut hat, und der belgische Architekt Vincent van Duysen als Art Director. Im Talk zur Eröffnung in Chelsea sprechen beide sehr enthusiastisch über ihre intensive Zusammenarbeit für die neue Kollektion von Sahco, die im Januar 2020 auf den Markt kommen soll. Am Rande der Veranstaltung sprach formfaktor mit Kvadrat-CEO Anders Byriel über die Bedeutung von London. Byriel: „Irgendwie ist London speziell im Kommunikationsdesign und bei Marken extrem stark. Vielleicht der wichtigste Ort auf der Welt. Der Grund dafür liegt wahrscheinlich in der kulturellen Vielfalt. London zieht sehr viel Talent an. Und trotz des Brexits fühlt man sich hier sehr willkommen. Die Menschen sind hier sehr tolerant. Es ist egal, woher man kommt, man wird freundlich empfangen. Selbst in dieser Zeit besteht diese große Freundlichkeit und auch Exklusivität. Das ist die Kraft Londons.“

 

Was die Kreativszene über den Brexit denkt

Nun ist es gefallen – das Schlagwort über das man weder in London noch sonst wo in Europa noch gerne spricht. Zu lange wird daran schon herumgedoktert und ein Ende scheint nicht in Sicht. Aber was denken die Kreativen, die Designer aus Großbritannien und die angereisten Ausländer über den Brexit? Wird er die Branche schwächen? Was wird sich ändern oder hat sich vielleicht schon geändert? Anders Byriel meint: „Meiner Meinung nach hat die Kreativwirtschaft keine Grenzen. Wir sind wie eine globale Subkultur. Da gibt es sehr starke Verbindungen. Deshalb glaube ich, dass sich nichts verändern wird. Wir bei Kvadrat haben 32 eingetragene Unternehmen weltweit, wobei Großbritannien ein sehr wichtiger Markt ist. Also in unseren Kooperationen sehen wir keine Veränderungen. Es geht auch nicht nur um Europa, für mich sind wir alle Teil einer globalen Subkultur. Allerdings stellen wir in Großbritannien sehr viel her. Die beiden führenden Länder, die in Europa Wolle verarbeiten, sind Italien und Großbritannien. Wahrscheinlich sind wir der größte Wolle-Verarbeiter im Vereinigten Königreich. Wir besitzen eine eigene Fabrik hier. Dieser Teil unseres Geschäfts, macht uns natürlich schon Sorgen. Wir beobachten die Situation sehr sorgfältig und je nachdem, wie sich das Ganze entwickelt, könnte es sein, dass wir unsere Produktion teilweise nach Kontinentaleuropa verlagern.“ Auch Anders Byriel weiß, dass die Londoner selbst nicht für den Brexit gestimmt haben. Diese Stimmen kamen vom Land, dort wo die Fabrik von Kvadrat steht. Byriel ist sich bewusst, dass die Arbeiter dort höchstwahrscheinlich für den Brexit waren. Auch Ben Rigby von Haberdashery ist kein Freund des Brexit und doch kann er ihm in leicht sarkastischer Weise etwas abgewinnen: „Es wird unsere Produkte wahrscheinlich billiger für den Export machen, weil das Pfund sinkt. Wir hoffen natürlich, dass es unser Geschäft überhaupt nicht verändert, weil wir sehr stark nach Europa gehen und versuchen dort einen Markt für uns aufzubauen. Es ist frustrierend, dass es jetzt schwieriger wird, zu reisen. Die Schlangen bei der Einreise werden länger werden. Der Handel wird mühsamer. Wir versuchen das Ganze zu ignorieren und arbeiten einfach weiter daran, Beziehungen aufzubauen. Aber ich und meine Firma sind am Boden zerstört, dass wir Europa verlassen werden, denn die Hälfte meines Teams kommt aus Europa.“

Mark Gorden, der Organisator der designjunction ist ebenfalls kein Fan des Brexit, denn „wir sind keine Binnenmarkt-Industrie, wir haben keine Binnen-Kultur hier, wir sind international. Das Schöne an Design ist, dass es auf Ideen keinen Zoll gibt. Ich glaube, dass Menschen weiter hierher kommen werden. Da wird sich über Nacht sicher nichts ändern. Es wird bestimmte Herausforderungen geben, natürlich, aber wir werden uns anpassen und sie überwinden. Wir sind Kreativ-Leute, wir haben Vorstellungskraft. Ich wünschte, es wäre anders gekommen, aber es macht mir für unser Geschäft keine Angst. Wir werden sicher nicht aufhören, großartige Ideen zu haben.“ Tom Dixon glaubt, dass der Einfluss dieser politischen Entwicklung auf sein Unternehmen begrenzt bleibt. „Wir produzieren nicht sehr viel in Großbritannien, nur ein paar Prozent. Andererseits verkaufen wir in 70 Länder. Wir waren immer sehr international ausgerichtet. Selbst sehr früh in meiner Karriere habe ich mehr nach Deutschland und Japan verkauft als hier in Großbritannien. Das war in Zeiten der Rezession in den frühen 80er Jahren. Damals war London nicht international. Es gab keine Kreativität. Das heißt, ich musste hinausgehen und mich woanders hin orientieren. Also für mich ist es kein Problem, aber ich mache mir um alle anderen Sorgen. Unser Geschäft ist ja nicht britisch, sondern international. Ich sehe zwar immer Möglichkeiten in Veränderungen, aber der Brexit ist sehr traurig, vor allem wegen dieser ganzen Uneinigkeit. Es ist Zeit, sich zu vereinen, nicht zu trennen“, kritisiert Dixon. Andererseits ist London für viele Firmen der Möbel- und Designbranche ein enorm wichtiger Ort, um sich zu präsentieren. Das zeigt auch die neue I-MADE-Ausstellung, die in ihrer ersten Ausgabe in der Londoner Saatchi Gallery Station machte. Hier war italienisches Design vom feinsten versammelt, kuratiert von niemand geringem als Giulio Cappellini. Er zeigt sich vom Brexit unbeeindruckt und glaubt nicht, dass er die Möbelindustrie stark beeinflussen wird: „Speziell wenn wir von London sprechen, denn für uns geht es hier nicht nur um den britischen, sondern um den internationalen Markt, weil die ansässigen Architekturstudios weltweit arbeiten. Deshalb bleibt es für uns wichtig, die Produkte hier in London zu bewerben. Ich halte London für die wichtigste Stadt in ganz Europa, um Designprodukte zu promoten.“

Italienisches Design in der Saatchi Gallery

Für die erste Ausgabe von I-MADE wurde also London nicht zufällig gewählt, sondern ganz pragmatisch, weil es der wichtigste Ort ist, um für italienisches Design Werbung zu machen. Darum geht es in dieser Ausstellung, die einen schönen Überblick über die Designindustrie Italiens bietet, wenn auch einige sehr bekannte Marken fehlen. Aber das ist den persönlichen Vorlieben des Kurators geschuldet. Giulio Cappellini meint zu seiner Auswahl: „Das war nicht einfach, vor allem am Anfang. Ehrlich gesagt, bin ich meinem Herzen gefolgt und suchte jene Dinge aus, die ich wirklich mag. Was ich mir selbst ins Wohnzimmer stellen würde.“ Dazu zählen etwa der Arco Table von Henry Timi, Stoffe von Limonta, der D.153.1-Sessel von Gio Ponti (Molteni&C), Leuchten von Luceplan oder das aktuelle Gogan Sofa, das Patricia Urquiola für Moroso designt hat. Für I-MADE Direktorin Elena Foschi ist London die Kreativ-Hauptstadt der Welt. „Wir sehen I-MADE als eine Brücke zwischen Kunsthandwerkern, Designer, Produzenten und den Besuchern und sehen es als eine Plattform, um ein weltweites Publikum darüber aufzuklären, was italienisches Design, Herstellung und Handwerk bedeuten“, erklärt Foschi. Ein Teil der Ausstellung trägt den Titel: „Take a seat“. Cappellini: „Es geht um die Geschichte des Sitzens im italienischen Design. Beginnend beim klassischen Poltrona Frau Sessel von vor 100 Jahren bis zu sehr zeitgenössischen Entwürfen.“ Gezeigt werden aber nicht nur Möbel, sondern auch technisches Equipment, Modelle von Booten und Objekte, die sich an der Grenze zwischen Design und Kunst bewegen. „Die Idee dahinter ist, das beste italienische Design zu zeigen, egal, ob es von einem großen Unternehmen oder von einem kleinen Kunsthandwerksbetrieb kommt. Für mich geht es vor allem um die Qualität. Qualität im Handwerk oder in der Technologie“, betont Cappellini. Auf die Frage, welche Maßnahmen die italienische Möbelindustrie treffen muss, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein, sagt er: „Sicherlich müssen wir auf die neuen Bedürfnisse der Endkonsumenten achten. Sie dürfen nicht vergessen, dass sich in der Vergangenheit, die meisten Unternehmen auf den privaten Einrichtungsmarkt konzentriert haben. Aber seit einigen Jahren wird der Contract-Bereich immer wichtiger: Hotels, Restaurants, Lounges, Flughäfen usw. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, ist vor allem eines wichtig: Innovation, Innovation, Innovation – im Hinblick auf Formen, Materialien und Technologie. Außerdem müssen wir den Markt mit Produkten bedienen, die ein gutes Preis/Leistungsverhältnis bieten.“

London ist eine der weltweit wichtigsten Städte für die Kreativszene. Die wirtschaftliche Kraft der Metropole schafft Raum und Möglichkeiten für neue Ideen. Für innovative Designer*innen ist es leichter als anderswo, Kooperationspartner für vielversprechende Projekte zu finden. Der Spirit der Stadt wird von Weltoffenheit und starker Unternehmerkultur bestimmt. All dies wurde beim London Design Festival spürbar und macht Hoffnung für die Zukunft – egal welche Fehlentscheidungen auch auf politischer Ebene getroffen werden.

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