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Die Kontrolle bewahren: Zukunftsszenarien 2021 von frog

von Markus Schraml
Zum zehnten Mal veröffentlicht frog den Trend Report. „Remote Control“ lautet eines der drei Szenarien, die dafür entwickelt wurden. © frog

frog ist eines der einflussreichsten Designunternehmen, das weltweit tätig ist und nicht nur Produkte gestaltet, sondern ganze Strategien entwickelt, die Firmen helfen, zukunftsfähige Marken und Images aufzubauen. Unter dem Titel „Three Scenes from the Future“ präsentiert frog nun einen Einblick in die Trends 2021. Wie jedes Jahr spekulieren Mitarbeiter*innen (frogs genannt) in den 17 Büros rund um den Globus darüber, was die Zukunft bringen könnte. Die Ausgangsposition für Prognosen war diesmal einzigartig: „Der rasche Wandel und die Unsicherheit von 2020, die sich aus einer globalen Gesundheitskrise sowie aus sozialen und politischen Umwälzungen aller Art ergaben, waren beispiellos, unergründbar und in vielerlei Hinsicht unwirklich“, schreiben die Designexperten*innen.

Welche Produkte, Dienstleistungen und Erlebnisse werden die zukünftige Welt prägen, lautet die zentrale Frage. Um sie zu beantworten, stellten sich frogs aus unterschiedlichen Ländern nicht nur die gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen vor, sondern auch die zukünftigen Welten, die daraus entstehen werden. Es geht um Dinge wie die rasche Einführung und Annahme der Fernarbeit, veränderte Konsumgewohnheiten und generell Realitäten, die ungewohnt und verzerrt wirken. Dazu entwickelten frog-Mitarbeiter*innen aus Deutschland, Frankreich, Indien, Italien, Spanien und den USA drei Szenerien: In „Remote Control“ geht es um das Verschwinden der Grenze zwischen Heim und Büro. Dadurch müssten sich Unternehmen und Organisationen besonders anstrengen, bessere Werkzeuge zur Verfügung zu stellen, um das Arbeitserlebnis der Mitarbeiter*innen zu steigern. „Technologie wird in Möbel eingebettet werden, um kontinuierliche Videokonferenzen und letztendlich die gemeinsame Nutzung des virtuellen Raums zu ermöglichen“, meint Mariano Cucchi, Associate Design Director in Mailand. Durch Augmented und Virtual Reality Tools werden sich die Möglichkeiten und Arten der Zusammenarbeit enorm verbessern, meinen die Designer*innen. Virtuelle Konferenzräume, dreidimensionale Modelle, die gemeinsam in Echtzeit visualisiert und bearbeitet werden können, würden die Arbeitsumgebung verbessern und den Workflow effizienter machen. „Wir müssen die neue Mitarbeitererfahrung so gestalten, dass die Fernarbeiter*innen unterstützt werden, damit sie weiterhin als Team zusammenarbeiten und sich mit ihren Kolleg*innen und dem Unternehmen verbunden fühlen können“, sagt Jona Moore, VP für Technologie bei frog in Austin (Texas). Und Siddhartha Sen Choudhary, Design Director in Dehli (Indien), ergänzt: „Die Industrie wird Möglichkeiten der Fernarbeit erkunden, an die wir heute noch nicht denken. Mit 5G High-Speed Internet kann Arbeit, die bisher vor Ort erledigt wurde, aus der Ferne geschehen und Menschen müssen nicht mehr unter gefährlichen Bedingungen arbeiten.“

Eine Gefahr in dieser Entwicklung sehen die Autor*innen in einer möglichen technologischen Entfremdung. Viel Zeit in virtuellen Umgebungen zu verbringen, – auch wenn diese immer besser werden – kann soziale Spaltungen vertiefen oder sogar neue entstehen lassen. Deshalb sind Anker in der reellen Welt wichtig.

Was ist real?

Dieser Gedanke führt direkt zu einer Szenerie, die von den Designer*innen „Reality Check“ getauft wurde und wo es darum geht, die Kontrolle über das individuelle digitale Erlebnis zu behalten. Ein Trend geht dabei den umgekehrten Weg, nämlich von der Online- in die reelle Welt. Genauso wie wir kontrollieren, was wir online sehen, könnten wir in Zukunft bestimmen, was bzw. wie wir die Offline-Welt sehen. Denkt man die Filter bei Snapchat, Instagram oder TikTok weiter, so könnte es nur eine Frage der Zeit sein, bis wir die reale Welt um uns herum mit digitalen Tools formen. Dabei fungieren diese Überlagerungen einerseits als Vermittler zwischen uns und unserer physischen Umgebung, andererseits werden diese digitalen Bilder, die wir in die wirkliche Welt projizieren, dazu führen, generell zu hinterfragen, was „real“ überhaupt bedeutet. Adam Wrigley, Principal Mechanical Engineer bei frog New York, beschreibt dies so: „In einer Welt fotorealistischer Filter, die über ein ausgereiftes AR-System laufen, kann eine Person durch eine Welt gehen, die seltsam sauber und voller seltsam schöner Menschen ist. Ein anderer kann gleichzeitig eine Cyberpunk-Blade-Runner-Welt sehen. Ein anderer wiederum könnte in eine mystische Fantasiewelt mit Elfen und wandelnden Bäumen eintauchen.“

Im Szenario „Reality Check“, geht es darum, was Realität bedeutet und wie wir sie wahrnehmen (wollen). © frog

Noch weiter in die Zukunft gedacht, könnte es Usus sein, neuronale Implantate zu tragen, die in Echtzeit erweitern, was wir sehen, wissen und denken. Die direkte Verbindung von eigenem Gehirn und Computer wird letztendlich auch Fragen aufwerfen, was das Selbst eigentlich ausmacht. „Stellen Sie sich einen neuronalen Skill-Chip vor, der direkt mit dem Gehirn verbunden werden und jeden zum Experten für jedes Thema machen kann. Diese Chips könnten uns helfen, kreatives Denken zu fördern, je nachdem wie sie programmiert sind“, stellt sich Simone Serasini, Organisationsdesignerin von frog Madrid vor. Es ist allerdings nur ein kleiner Gedankenschritt, sich vorzustellen, was in dieser schönen Neuen Chip-Welt schiefgehen könnte. Kann etwa ein Nervenimplantat in den falschen Händen zu einer Lobotomie führen? Oder könnten Hacker unsere Gedanken und unsere Wahrnehmung verfälschen oder sogar neu programmieren? In einer Welt, die voll von Technologien wie AR, VR und neuronalen Chips ist, muss der Menschen selbst entscheiden können, wie viel Kontrolle er aufgibt. Es wird ratsam sein, ausführliche Diskussionen über neue Technologien in der Gesellschaft zu führen. Außerdem sollten entsprechende Geräte immer mit einem Aus-Schalter versehen werden.

Verantwortungsvolles Handeln

Ein weiterer Trend, den die frog-Designer*innen ausmachen, zielt auf die Veränderung des Verbraucher*innenverhaltens hin zu ethischem Konsum ab. In Zukunft sollte es nicht mehr möglich sein, dass Unternehmen nur daran denken, ein Produkt zu verkaufen. Vielmehr müssten alle Auswirkungen, die mit dem Erzeugnis in Verbindung stehen, berücksichtigt werden. Designer*innen haben hier die Verantwortung, ein neues Konsumenten-Paradigma aufzubauen, indem die Geschichte eines Produkts genauso wichtig ist wie das Preisschild. „Länder auf der ganzen Welt werden nicht mehr das BIP als die einzig tragfähige Erfolgsmetrik betrachten, sondern Metriken berücksichtigen, die andere Wohlstandsmaßstäbe wie die Gesundheit der Menschen und des Planeten priorisieren“, glaubt Leonardo Kubrak Maciel, Stratege bei frog München. „Radical responsibility“ lautet diese Szenerie, in der die frogs Veränderungen in Produktion und Marketing in den Fokus stellen. Unternehmen müssten in Zukunft die Geschichte eines Produkts vermittelt, damit die Verbraucher*innen die Waren, Arbeitskraft und Dienstleistungen, die in jedem Kauf enthalten sind, identifizieren und danach eine Kaufentscheidung treffen können. Hier geht es weniger um die für Google & Co so wertvollen Konsumenten-Daten, sondern um einen näheren Blick auf Produkte und Geschäftspraktiken. Sydney Morrison, Business Development Associate bei fog New York, sieht darin eine neue Ebene des Engagements. „Ähnlich wie Lebensmittelprodukte standardisierte Zulassungen durchlaufen, müssen Unternehmen Fragen beantworten, die potenziellen Kunden ethische Informationen zu ihren Produkten und Dienstleistungen liefern.“

Es geht um nichts weniger als die Veränderung von Herstellungsprozessen, den Umgang mit Ressourcen und das Konsumentenverhalten. Um darauf einen entscheidenden Einfluss auszuüben, müssen Designer*innen, Forscher*innen, Technolog*innen und Unternehmen zusammenarbeiten. Produkte müssen gründlich erforscht, gestaltet und hergestellt werden, um einen dauerhaften Mehrwert zu bieten und gleichzeitig die geringsten Auswirkungen auf den Planeten zu haben. „Unternehmen werden der Menschheit Priorität einräumen, mit einer Mission, die sowohl ihren Mitarbeiter*innen als auch der Gesellschaft insgesamt gerecht wird“, hofft Benjamin Holmgren, Senior Strategist, Org Activation bei frog Lyon (Frankreich). Generell muss von allen Seiten mehr Verantwortung übernommen werden. Wenn Menschen genaueren Einblick in die Herkunft und Herstellung der Produkte erhalten, können sie entsprechende Entscheidungen treffen. Das wiederum zwingt Firmen dazu, weiterzudenken und die Verantwortung für ein Produkt auszudehnen, im Prinzip bis zu seinem Lebensende und darüber hinaus.

Das Szenario „Radical Responsibility“ zielt auf die ethische Verantwortung von Unternehmen und Konsument*innen ab. © frog

frogs Trend Report 2021 prognostiziert (einmal mehr) eine Zukunft, in der neue Technologien eine entscheidende Rolle spielen werden. Die Verbindung von Mensch und Technologie, das Verschwimmen von online und offline und neue Verhaltensweisen bei Konsument*innen und Unternehmen, wo wiederum Technologie sehr wichtig sein wird, sollen die Schöne Neue Welt bestimmen. Bei allen Möglichkeiten, die sich hier eröffnen, müssen mündige Bürger*innen darauf achten, die Kontrolle über ihr Leben, ihre Realität zu bewahren.


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