Home Kitchen Die Küche als Lebensraum – Marc O. Eckert (bulthaup) über eine Branche im Umbruch

Die Küche als Lebensraum – Marc O. Eckert (bulthaup) über eine Branche im Umbruch

von Markus Schraml
bulthaup Küchenwerkbank

Wer kann sich nicht an die wilden Partys von früher erinnern, die in tollen Wohnungen stattfanden, wo sich aber im Lauf des Abends die lustigsten Momente in der Küche abspielten. Dass die Küche nicht nur das Zentrum bei ausgelassenen Feierlichkeiten sein kann, beweist die Entwicklung der Branche in den letzten Jahren. Die Küche öffnete sich hin zum Wohnraum und rückte aus der Peripherie, wo die Hausfrau hinter verschlossener Glastür werkte, in den Fokus. Eigentlich genau dort hin, wo sie von ihrer Bedeutung her schon immer war. Diese Entwicklung setzt sich fort, wie beispielsweise beim deutschen Premium-Küchenhersteller bulthaup zu beobachten ist. Aus Anlass der EuroCucina 2024 in Mailand präsentierte das Unternehmen seine Vorstellung einer modernen Küche im Innenhof der Pinacoteca di Brera.

Unter dem provokant-eindeutigen Titel „There is no kitchen“ hatte bulthaup einen Pavillon errichtet, der voller Licht war und helle Lebensfreude ausstrahlte. Marc O. Eckert, der das wirtschaftlich unabhängige Familienunternehmen in dritter Generation leitet, spricht davon, dass diese Markenpräsentation Optimismus für die Zukunft vermitteln soll. Im FORMFAKTOR-Interview fand er klare Worte für die derzeitigen Herausforderungen der Branche, erläuterte die Veränderungen im Konsumverhalten der Menschen und schätzte die Rolle der Küche in Zukunft als noch wichtiger ein.


FORMFAKTOR: Was ist das Geheimnis des Erfolges? Dass man die Marke ganz eindeutig positioniert, um sich von den Mitbewerbern abzuheben?

Marc O. Eckert: Absolut. Darum geht es. Man darf nicht ständig nach links und dann wieder nach rechts springen, einmal hier etwas ändern und dann wieder da, sondern es ist wichtig, dass man eine ganz klare Haltung und Überzeugung hat. Wir sagen immer: Man sagt 99 Mal Nein und einmal Ja. Dann haben die Produkte eine Klarheit, natürlich auch eine Qualität in der Materialität und von der Verarbeitung her. Und ich glaube, das spüren die Menschen: diese Konsequenz, diese Klarheit, diese Qualität, die in die Tiefe geht. Darin findet sich die Seele zurecht und fühlt sich wohl. Weniger ist mehr: Es geht darum, nicht viel zu machen, aber das, was Du machst, muss eine absolut glasklare Konsequenz haben – in allem.

Die neue, modulare bulthaup-Kücheninsel kann unterschiedlich ausgeführt werden: Mit Platte aus rostfreiem Stahl, Stahlbeinen und Massivholzverkleidung oder Massivholzplatte und Holzbeinen in Eiche sowie Silk Lack Oberflächen. © bulthaup

FORMFAKTOR: Wie sieht es mit der wirtschaftlichen Situation in der Küchenbranche derzeit aus?

Marc O. Eckert: Ich glaube, dass die Welt seit Corona aus den Fugen geraten ist. Die Menschen spüren irgendwo diese Unsicherheit, diese Instabilität. Sie spüren, dass mit dieser Welt etwas nicht mehr stimmt. Dann gibt es natürlich die faktische Situation, dass die Babyboomer-Generation abgetreten ist. Das heißt, es fehlt überall an Menschen – auf den Baustellen, bei den Handwerkern – auch in der Service-Industrie. Die Welt ändert sich gerade massiv und ich denke, dass die Menschen drei oder fünf Mal überlegen, was sie bauen, ob sie renovieren, welche Küche sie wollen. Aber wenn sie eine Entscheidung treffen, dann gehen sie auf tiefgreifende Qualität. Und hier kommt bulthaup ins Spiel. Aber es sind andere Zeiten. Es gibt nicht mehr alles im Übermaß und Überfluss – was gut ist für den Planeten, aber es existiert eben eine abwartende Haltung. Früher dauerte ein Küchen-Entscheidungsprozess drei Monate, heute sechs, teilweise neun Monate. Und dann bekommst Du keine Handwerker. Es ist alles sehr zäh geworden, aber es hat mehr Tiefe, mehr Substanz.

FORMFAKTOR: Bleiben wir dabei: Wie sieht es in puncto Fachkräftemangel, Energiepreise, Lieferketten aus?

Marc O. Eckert: Es ist wie in anderen Branchen auch. Die Lieferanten-Landschaft hat sich verändert. Es ist zäh geworden. Ich kann es nur mit diesem Begriff beschreiben. bulthaup ist in seinem Marktsegment sehr weit oben – also im Premiumbereich. Ich glaube, dass bei Menschen, die im Premiumbereich unterwegs sind, die Entscheidungen zwar länger dauern, aber wenn sie sich entscheiden, dann für Qualität. Aber in den unteren oder mittleren Segmenten, dort wo das Geschäft über Preis und über Rabatte läuft, sieht man mittlerweile wahre Rabatt-Schlachten. Das hat damit zu tun, dass die Hersteller im Lauf der Zeit enorme Kapazitäten aufgebaut haben und die müssen sie füllen. Wie macht man das, wenn die Nachfrage nachlässt – mit Rabatten. Ich glaube, dass sich die gesamte Branche in einem massiven Umbruch befindet. Sie sortiert sich neu.

FORMFAKTOR: Und von Konsumentenseite?

Marc O. Eckert: Die Frage ist, was wollen die Menschen. Wollen sie noch die klassische Einbauküche – weiße Fronten vor weißen Wänden, oder haben die Menschen mittlerweile andere Lebensmodelle und dadurch auch andere Vorstellungen von Küche. Wer kocht wirklich noch? Wofür braucht man den vielen Stauraum? Es ist ein massiver Denkprozess im Gange, oder besser gesagt, eine Nachdenklichkeit.

FORMFAKTOR: Wie sehen zukünftige Entwicklungen im Küchenbereich aus. Im Hinblick auf Ästhetik, Technologie und Raumplanung. Wohin geht die Reise?

Marc O. Eckert: Die Küche ist wie eh und je das Zentrum des Heims. Um das Feuer herum versammelte sich die Familie. Der Küchentisch ist das schlagende Herz der Familie. Ich glaube, dass Küche von der Bedeutung her nicht der Ort der Produktion von Speisen ist, sondern sie ist der Ort, an dem alle möglichen sozialen Aktivitäten stattfinden. Die Küche wird eine immer zentralere Rolle im Leben der Menschen spielen. Es ist der Ort, wo mit den Händen gearbeitet wird, wo über alles gesprochen wird, wo die Kinder ihre Hausaufgaben machen. Das heißt, ich glaube, dass die Küche noch mehr aus der Ecke ins Zentrum des Hauses, der Wohnung rücken wird.

FORMFAKTOR: Ein richtiger Lebensmittelpunkt …

Marc O. Eckert: … Ja, und deshalb sollten wir eine Küche auch skalierbar und erweiterbar machen. Wie sich das Leben der Menschen verändert, so soll sich auch die Küche verändern können. Sie soll „mitwachsen“. Und zwar nicht im Sinne von mehr Stauraum, sondern indem man verschiedenste Angebote schafft, wo die Menschen verweilen, sitzen, zur Ruhe kommen können, wo eben das Leben stattfindet und wo sie sagen: Hier bin ich zu Hause, hier fühle ich mich wohl.

Danke für das Gespräch!



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