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Croisette mit neuem Beleuchtungsdesign von Alain Gilles

von Markus Schraml
Croisette Cannes, Beleuchtungssystem

Eine der weltweit bekanntesten Strandpromenaden, die Croisette in Cannes, ist seit Kurzem mit einem neuen Beleuchtungssystem ausgestattet. Nach einem Wettbewerb wurde ein Konsortium bestehend aus dem Spezialisten für öffentliche Beleuchtungen Technilum, den Lichtprofis von Agence ON und dem belgischen Designstudio Alain Gilles mit Gestaltung und Umsetzung beauftragt. Das Ziel der Stadt Cannes war ein klareres, hochwertigeres Erscheinungsbild der Promenade. Erreicht werden sollte dies mit der Integration einer Vielzahl von Funktionen in die Lichtmasten sowie einem Design, das Eleganz und Zeitlosigkeit ausstrahlt.

Das Design von Alain Gilles entsprach den Vorstellungen der Jury am besten. Es legt Wert auf schlanke Einheitlichkeit und dennoch ist der Mast in einen oberen und unteren Abschnitt geteilt. Der untere Teil fügt sich in den oberen wie ein Schwert in seine Scheide ein. Dies verleiht dem 6,5 hohen Mast eine einmalige Dynamik. Im oberen Teil des Mastes sind hauptsächlich Elemente untergebracht, die die visuelle Signatur der Croisette definieren: Emblem, Flagge, Leuchtfeuer sowie einige Funktionen zur Verbesserung der öffentlichen Sicherheit wie Überwachungskameras oder Lautsprecher, über die zum Beispiel Tsunami-Warnungen verlautbart werden können. Die Namensschilder mit den Bezeichnungen der Strände sind nun senkrecht platziert und die Schrift wurde vereinheitlicht, was zu einem hochwertigen Erscheinungsbild beiträgt. Die Flaggen wiederum sind der individuellen Gestaltung der jeweiligen Strände bzw. Einrichtungen vorbehalten. Der untere Teil des Mastes verfügt über Funktionen, mit denen Personen direkt interagieren können, wie Menühalter und Briefkasten. Das Designteam um Alain Gilles hatte hier einen schwierigen Spagat zu meistern – zwischen der Unterbringung zahlreicher Funktionen und der Beibehaltung eines schlanken, zeitlosen und doch charakterstarken Designs, das der Bedeutung des Ortes gerecht werden würde. Die Masten markieren auch die Eingänge zu den Stränden und verfügen über ein Lichtdesign, dass die Schönheit der Bucht in den Abendstunden unterstreicht.

Im formfaktor-Exklusivinterview spricht Alain Gilles über die Herausforderungen für einen so ikonischen Ort wie die Croisette zu designen und über sein Bestreben, Dinge zu gestalten, die gut altern.

formfaktor: Für Projekte wie die Beleuchtung der Croisette in Cannes braucht es wahrscheinlich viel Ausdauer. Wie lange hat es tatsächlich vom Start bis zur Umsetzung gedauert?

Alain Gilles: Nun, für eine solche Art von Projekt mit internationalem Wettbewerb und allem, was damit verbunden ist, ging es eigentlich ziemlich schnell. Die Stadt arbeitete bereits an der Umgestaltung ihrer Strandrestaurants. Der französische Architekt Jean-Michelle Wilmotte hatte schon einen Masterplan erstellt, der den allgemeinen Stil der neuen Strandrestaurants und Bars definierte. Die Arbeiten an der ersten Phase dieses Projekts standen kurz bevor, sodass sie die neue Beleuchtung so schnell wie möglich haben wollten, um diesen Teil der Renovierung der Croisette abzuschließen. Es ging darum, diese neue optimierte High-End-Vision der Architektur der Strandrestaurants hervorzuheben.

formfaktor: Das heißt, das Ganze war ziemlich stressig.

Alain Gilles: Anfang September 2018 reichten wir unsere Teilnahme zur Ausschreibung der Stadt Cannes als Konsortium ein: Technilum als Entwickler und Hersteller der öffentlichen Beleuchtung, Agence ON als Lichtdesigner und wir als Hauptdesigner. Schließlich wurden wir aus den drei Teams ausgewählt und kamen in die zweite Phase des Wettbewerbs. Von da an hatten wir etwas weniger als anderthalb Monate Zeit, um erste Vorschläge zu machen. Angesichts der Tatsache, dass wir bereits mit einigen anderen Projekten beschäftigt waren, dass es eine anspruchsvolle Aufgabe war und dass es für uns als Designer das erste Mal war, dass wir an einer öffentlichen Beleuchtung arbeiteten, war das eine sehr kurze Zeitspanne.

formfaktor: Wie haben Sie es geschafft, diese vielen Funktionen unterzubringen und dennoch ein elegantes Design zu kreieren?

Alain Gilles: Ursprünglich suchte die Stadt Cannes, wie auch in der Ausschreibung angegeben, nach einem Design, das gleichzeitig stark und ikonisch, aber auch zurückhaltend sein sollte – im Bewusstsein, dass dies ein wenig gegensätzlich ist. Außerdem sollte diese Beleuchtung in etwa zehn unterschiedliche Funktionen am Mast selbst integrieren, damit die Promenade der Croisette weniger überladen und somit ansprechender und hochwertiger aussehen würde. Uns war schnell klar, dass der Mast trotz der großen Anzahl an Funktionen verständlich bleiben und so schlank wie möglich sein musste, weil ein schlanker Beleuchtungsmast in der Regel eleganter aussieht als ein dicker. Wir haben das Know-how von Technilum, die für ihre hochwertigen öffentlichen Beleuchtungen bekannt sind, genutzt, um einen großen Teil der Funktionen im Mast oder im Schild (auf dem der Name jedes Strandes steht) zu integrieren bzw. zu verstecken. Ich wünschte nur, wir hätten den Lautsprecher noch besser verstecken können, aber leider war kein kleinerer hochwertiger Lautsprecher verfügbar, sodass er teilweise sichtbar bleibt. Um den Mast schlank wirken zu lassen, haben wir die zusätzlichen Elemente so mit dem Mast verbunden, dass wir eine visuelle Lücke gelassen haben. So kann der Mast immer noch als ein einziges durchgehendes Element gelesen werden.

Für die „zeitlose“ Seite des Designs schien es uns wichtig, dass das Design gut altert, da es höchstwahrscheinlich für die nächsten 30 Jahre dort sein wird. Die zentralen Schlüssel zum Projekt waren wirklich die Proportionen und die Ausgewogenheit. So ist beispielsweise das Flaggen-Element auf das Schild-Element ausgerichtet, um vom Auge als ein grafisches Element gelesen zu werden und den gesamten Mast dadurch einfacher und leichter lesbar zu machen und damit auch optisch leichter aussehen zu lassen. Was den Menühalter und den Briefkasten betrifft, so sind ihre visuellen Gewichte tendenziell das visuelle Gegengewicht des jeweils anderen. Die Tatsache, dass jeder Strandeingang durch zwei sehr nahe beieinander liegende Masten definiert wird, war auch ein wichtiger Faktor bei der Gestaltung. Es macht diese Masten zu einer Art Tor, gleichzeitig werden die einzelnen Elemente dadurch sehr schnell redundant. Wichtig ist, dass die Beleuchtungsmasten eine Richtung haben, die durch das Spot Light vorgegeben ist, das dieses sehr spezifische Texturlicht ergibt, das von Agence On entworfen wurde. Was man nicht sieht, ist die Fülle von Technologie, die im Inneren des Mastes liegt und die es Technilum erlaubte, den größten Teil der Elemente nahtlos miteinander zu verbinden.

formfaktor: Wie wichtig ist dieses Projekt in Cannes innerhalb Ihrer Arbeit? Und wie unterscheidet es sich von Ihren „normalen“ Projekten?

Alain Gilles: Für uns als Studio ist es ein wichtiges Projekt, denn es ist das erste Mal, dass wir uns auf das Gebiet der öffentlichen Aufträge und der öffentlichen Beleuchtung vorgewagt haben. Es war auch das erste Mal, dass wir an einem internationalen Wettbewerb teilgenommen haben, weil wir von Technilum freundlicherweise eingeladen wurden, Teil ihres Teams zu sein. Natürlich ist es umso bedeutender, weil es eben die Croisette in Cannes ist. Nur wenige Orte sind international so bekannt wie die Croisette und nur wenige haben ein so glamouröses Image. Das machte das Projekt umso schwieriger, da die Stadt sicherstellen wollte, genau das richtige Projekt für solch einen ikonischen Ort zu finden. Es war auch sehr unterschiedlich zu den anderen Arten von Projekten, die wir normalerweise machen. Im Allgemeinen schlagen wir einem Unternehmen entweder ein Projekt vor oder wir reagieren auf eine Anfrage – nach einem Gespräch mit dem Eigentümer des Unternehmens. Wir haben also viel Freiheit und im Allgemeinen steckt auch eine menschliche Beziehung dahinter. Im Fall einer internationalen Umsetzung wie dieser ist das Ganze höchst unpersönlich und alle Anforderungen stehen in der Projektbeschreibung. Was ich persönlich am schwierigsten fand, war die Tatsache, dass ich nicht die Gelegenheit hatte, mit dem Bürgermeister und seinem Team zu sprechen, bevor ich für ihre Stadt etwas entworfen habe. Ich wäre gerne mit ihnen die Croisette entlang gegangen und hätte gehört, wie ihre Vision der Stadt aussieht. Allerdings stand in der Ausschreibung im Detail, was die Stadt mit der Überarbeitung der Croisette erreichen möchte – Aber es ist nicht dasselbe.

formfaktor: Was waren denn die konkreten Vorstellungen der Stadt Cannes?

Alain Gilles: Die Stadt hatte eine sehr umfangreiche Studie durchgeführt, darüber, was die verschiedenen Stakeholder von dem Projekt erwarten und welche Wünsche sie haben. Das ging von dem, was die Stadt wollte, den Bars und Restaurants am Strand, den Leuten, die Veranstaltungen organisieren bis hinunter zum Postboten. Diese ganzen Bedürfnisse gingen nicht unbedingt alle in die gleiche Richtung, daher war es auch unsere Aufgabe, Prioritäten zu setzen und manchmal zu entscheiden, einige der Wünsche fallen zu lassen oder zu optimieren, wenn wir dachten, dass sie mit dem Projekt nicht vereinbar wären. Das beinhaltet natürlich das Risiko, für eine Nichtbeachtung sanktioniert zu werden. Es gab selbstverständlich auch Erwartungen seitens Technilum und Agence On. Als Designer muss man irgendwann Entscheidungen treffen und das Risiko für das Team übernehmen. Um ehrlich zu sein, haben wir zunächst zwei unterschiedliche Designvorschläge gemacht. Aber die Stadt war damit nicht zufrieden. Die Art des Wettbewerbs bot der Stadt die Möglichkeit, Kommentare zu den ersten Vorschlägen der drei Teams abzugeben. Wir haben viele Kommentare erhalten und nicht alle gingen in die gleiche Richtung. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Stadt beschlossen, zwei Hauptfunktionen hinzuzufügen. Weil diese neuen Funktionen einen erheblichen Einfluss auf das Design haben würden, beschloss ich, zum Zeichenbrett zurückzukehren und ein drittes finales Konzept zu erstellen. Mit diesem neuen Konzept haben wir schließlich den Wettbewerb gewonnen, da es allen gefallen hat.

formfaktor: Was waren Ihre ersten Ideen für dieses Projekt?

Alain Gilles: Zuallererst wollte ich etwas machen, das auffällig und menschlich ist und das gut altert. Die Idee, dass etwas gut altert, berücksichtige ich bei meinen Designs immer. Letztendlich glaube ich, dass wir etwas geschaffen haben, das wiedererkennbar ist, dass die Landschaft der Bucht von Cannes sanft neu definiert, aber auch das Erlebnis auf der Promenade bereichert. Es ist hochwertig und luxuriös, aber nicht auf opulente Weise, sondern liegt in der Stärke des Materials und in der Präzision der Ausführung. Es ist warm und menschlich und hoffentlich zeitlos. Es ist vor allem eine Gestaltung, bei der Design auch im Detail steckt.

formfaktor: Sie haben schon mehrfach ihre Partner bei diesem Projekt erwähnt. Was haben Sie durch die Zusammenarbeit in Bezug auf die Möglichkeiten des Lichts gelernt?

Alain Gilles: Die Arbeit mit der Lichtagentur „Agence ON“ aus Paris war sehr interessant, da sie einen ganz anderen Ansatz haben als ich. Sie haben eine sehr subtile Herangehensweise an die Beleuchtung und an die Programmierung von Lichtanimationen. Aber was sie wirklich von anderen Lichtdesignern unterscheidet, ist ihre spezielle Herangehensweise an die Lichttextur. In mehreren Projekten haben sie eine spezielle Technik entwickelt, um eine Lichttextur mit eher archaischen Mitteln wie extrem dicken Gläsern und Texturgläsern zu projizieren, die das Licht auf leicht unvorhersehbare Weise verändern und so immer unterschiedliche Muster auf dem Boden erzeugen. Bei der Beleuchtung der Croisette kreiert ein eigener Projektor den Effekt, wenn Sonnenlicht vom Meer reflektiert wird.

formfaktor: In der Pressemitteilung zu diesem Projekt wurde von dem spezifischen Cannes Lifestyle gesprochen. Wie ist das gemeint?

Alain Gilles: Das „einzigartige Cannes-Erlebnis“ besteht darin, dass, wenn man einmal in diesen mehr oder weniger exklusiven Restaurants am Strand ist, völlig darauf vergisst, dass man sich im Zentrum der Stadt befindet, nicht weit weg von der Straße. Man ist wie in einem schützenden Kokon, in dem die Architektur der Restaurants, die Pergolen und die sehr großen Sonnenschirme einen vollständig von der Stadt abschotten. Man ist in einer anderen Welt, einer gemütlichen Welt, umgeben von gutem Essen, schönen Möbeln, dem Sand des Strandes, dem blauen Mittelmeer und der wunderschönen Krümmung der Bucht … Man verliert sich darin – ein bisschen wie in den Casinos von Las Vegas – und könnte Tage in dieser Parallelwelt verbringen. Jedes Paar von Beleuchtungsmasten ist ein Eingangstor zu diesem einzigartigen Erlebnis. Die Masten sind einerseits funktional, zum Beispiel durch den Menühalter, der die Speisen der Restaurants präsentiert und die Menschen durch klare Informationen zum Betreten anregt, wie wir bereits in diesem ersten Sommer gesehen haben. Andererseits vermitteln die Masten ein Gefühl der Qualität, Raffinesse und Modernität. Durch einige sehr subtile Details stellt der Mast auch eine Verbindung zu einigen der hochwertigen Art déco-Paläste her, die sich entlang der Croisette befinden. Mit Elementen wie der Stütze des Menühalters oder der goldfarbigen Nummerierung – das fällt kaum auf, denn es geht bei der neuen Croisette darum, subtiler, dezenter, hochwertiger und dennoch für alle offen zu sein.

formfaktor: Öffentliche Beleuchtungen gelingen nicht immer. Es gibt nicht wenige negative Beispiele. Was muss für Sie ein ideales zeitgemäßes öffentliches Beleuchtungsdesign beinhalten?

Alain Gilles: Es ist schwierig, diese Frage unter dem Gesichtspunkt des Produktdesigns zu beantworten, weil das physische Objekt immer für den jeweiligen Ort und für das, was eine Stadt über sich selbst sagen möchte, spezifisch richtig sein muss. Aber ich bin mir sicher, dass abgesehen von der Ästhetik des Objekts, die Intensität Lichts, die Farbe und Weichheit des Lichts genau passend sein muss, ansonsten wird es eine sehr schlechte, unpassende Beleuchtung sein.


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