Home Climate Change Digitalität und Kreislauf: die Fakten im großen Maßstab

Digitalität und Kreislauf: die Fakten im großen Maßstab

von Markus Schraml
Digital & Circular, Massebestand

Am 29. Juli war der „Earth Overshoot Day 2021“, also der Welterschöpfungstag. Seit diesem Tag, der heuer einen Monat früher als noch vergangenes Jahr begangen wurde, verbrauchen die Menschen mehr natürliche Ressourcen als nachwachsen können. Wir leben also seit ein paar Tagen über unsere Verhältnisse und dürften nichts mehr verbrauchen, damit unsere Lebensweise nachhaltig wäre. Verantwortlich für diese Situation ist ein lineares Wirtschaftssystem, in dem man Ressourcen extrahiert, damit Dinge produziert und diese nach Gebrauch als Abfall entsorgt. Oder wie es in der Einleitung der Ausstellung „Digital & Circular“ heißt: „Während die Natur keinen Müll produziert, sondern in Kreisläufen lebt, hat die fossile Industrialisierung das zerstörerische Gegenmodell der linearen Wirtschaft und Gesellschaft des take-make-waste entwickelt.“

Die Ausstellung im Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) ist Teil der Vienna Biennale 2021, einer Initiative von MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein, der damit die „Klimafürsorge“ in den Fokus rückt. Mit den Mitteln von Kunst und Design wird das Verhältnis des Menschen zur Natur hinterfragt und Lösungsansätze für eine nachhaltige Lebensweise präsentiert. Konkret wird bei „Digital & Circular“ das Potenzial von digitalen Tools für die notwendigen Veränderungen untersucht. Zunächst geht es dabei um ein Transparentmachen der Stoffströme. Im „Internet der Dinge“ werden Daten gesammelt, die über Herkunft und Eigenschaften von Rohstoffen Auskunft geben und in welchen Produkten und Services sie gebunden sind. Mittels Apps könnten diese Informationen verständlich aufbereitet und für alle zugänglich gemacht werden. Außerdem ist dieses Wissen um die Lebenszyklen von Produkten wichtig, damit man Ressourcen effektiv in Kreisläufen halten kann.

Transparenz durch digitale Daten

In der globalisierten Handelswelt spannen sich Lieferketten und Materialflüsse über den ganzen Globus. Die entsprechenden Daten werden zwar vereinzelt aufgezeichnet, aber nicht geteilt. Es fehlt eine globale Perspektive und Steuerung. Dabei sind die Technologien (z. B.: Blockchain) bereits vorhanden: Daten können nach einheitlichen Standards gesammelt, aufbereitet, verkettet und in einem dezentralen Netzwerk verfügbar gemacht werden. Sensoren sammeln die Daten, „lernende Maschinen“ analysieren sie und Künstliche Intelligenzen verarbeiten sie weiter. Mittels moderner Technologien könnten aus diesem Meer von Daten beispielsweise CO2-Fußabdrücke oder die wahren Kosten von Produkten über digitale Nachweise transparent gemacht werden.

„Ein solches digitales Abbild der stofflichen menschlichen Welt würde nicht nur für einzelne Akteur*innen Prozessoptimierungen, Einsparungen an Ressourcen und viele neue Geschäftsmodelle ermöglichen, sondern ein erstmaliges Erkennen der durch uns Menschen bedingten Materieflüsse auf der Erde und ihre Weiterentwicklung in Richtung von Kreisläufen“, schreiben die Ausstellungsmacher von „Digital & Circular“. An der Ideenfindung des Einführungsteils der Ausstellung waren hochkarätige Institutionen beteiligt, wie das AIT (Austrian Institute of Technology), das Potsdam-Institut für Klimaforschung oder das Wegener Center for Climate and Global Change der Universität Graz.

Ausstellungsansicht MAK-Säulenhalle (1. Stock). Auf mehreren Tafeln werden die Erkenntnisse der Online-Panels zur Kreislaufgesellschaft zusammengefasst. © Mona Heiß/MAK

Der weitere Weg der Schau führt in den Kunstblättersaal des MAK, wo die Kreativen von EOOS NEXT und Process – Studio for Art and Design vier Installationen zeigen, die wichtige Aspekte der Kreislaufwirtschaft thematisieren. Es wurden digitale Daten und wissenschaftliche Erhebungen dazu verwendet, um Materialströme und -bestände auf neue Art darzustellen. Harald Gründl, Gründer von EOOS NEXT, dem Designstudio, das für das Konzept der Ausstellung federführend verantwortlich zeichnet, sagt während des Ausstellungsrundgangs: „Das Interessante an diesem Projekt war, die Perspektive von einem kleinen Maßstab auf einen sehr großen zu verändern. Bei der Recherche bin ich auf die Arbeitsgruppe Helmut Haberls an der BOKU Wien gestoßen. Wenn sich jemand mit Kreislaufströmen auskennt, dann er. Dort wird international an den wirklich ganz großen Materialströmen rund um die Welt geforscht. Helmut Haberl hat uns von einem Projekt erzählt, das sie im vergangenen Jahr gemeinsam mit der Abteilung Fernerkundung der Humboldt-Universität Berlin gemacht haben.“

Die technische Masse der Menschenwelt

Für dieses Projekt wurden zwei Satelliten des europäischen Weltraumprogramms „Kopernikus“ verwendet, die unaufhörlich Daten sammeln: einer Radardaten, der andere visuelle Daten. Die Humboldt-Universität erhob diese Daten für Deutschland und Österreich. Konkret entsteht dabei alle fünf Tage ein Bild. Dieser „Snapshot“ wurde für die Ausstellung verwendet und mittels Machine Learning neu interpretiert. Übrigens ist die Genauigkeit mit 10 x 10 Metern einmalig in der Fernerkundung. Process Studio hat daraus eine sehr hoch aufgelöste Karte von Österreich erstellt. „Das Ziel war, einen Weg zu finden, wie man die Massenströme, die schon verbaut sind, ermitteln kann. Es wird dazu eine Landkarte verwendet und mithilfe der Radardaten werden diese flachen Daten in die Höhe extrahiert. Außerdem wurde ein Algorithmus verwendet, der die Massen berechnet. Also welche Materialien sind verbaut – in den Häusern, in den Infrastrukturen“, erläutert Gründl. So war es das erste Mal möglich, zu dokumentieren, wie viel Masse an Straßen und Infrastrukturen und wie viel Masse an Häusern es insgesamt gibt.

Ausstellungsansicht: Rechts im Bild eine der von Process erstellten, hoch aufgelösten Karten. © Mona Heiß/MAK

Eine Tatsache, die mit diesen Daten auch verdeutlicht werden konnte, war, dass in Österreich im Vergleich zu Deutschland in der Relation sehr viel mehr Masse verbaut ist. In einem nächsten Schritt wird in der Ausstellung diese technische Masse der Biomasse gegenübergestellt. Das erschreckende Ergebnis: Die von den Menschen weltweit bis heute angehäuften Materialbestände in Gebäuden und Infrastrukturen entsprechen etwa der Biomasse der Landpflanzen der Erde. Ein Artikel in „Nature“ zeigte bereits im letzten Jahr auf, dass es weltweit doppelt so viel Plastik wie Tiere gibt und die Masse an Gebäuden und Infrastruktur die Biomasse bereits überholt hat. Österreich sticht als Negativbeispiel auch in diesem Vergleich heraus. In der Alpenrepublik gibt es bereits doppelt so viel Masse in Häusern und Infrastrukturen wie Biomasse.

Die Kugelbahn der Durchsatzökonomie

Neben der enorm detailgenauen Landkarte veranschaulichen die Designer das Ungleichgewicht auch in Form einer Kugelbahn-Installation für Österreich. Die Grundlage dafür bilden ebenfalls die Datenerhebungen der BOKU. Die bewegten Materialströme werden in diesem Modell mit den schon angehäuften Materialbeständen systemisch vernetzt. Es zeigt sich, dass der größte Materialstrom nicht zu Müll oder recycelt wird, sondern in Bestände wandert. Jedes Jahr kommen große Mengen an Materialien zu dem bereits Bestehenden dazu. „Die Kern-Message von Helmut Haberl ist, dass unser Problem das Stockpiling ist, also das immer mehr und mehr und mehr anhäufen. Sein Tipp ist, dass man mit dem Vorhandenen auskommt und nichts mehr dazukommt“, sagt Gründl. Haberl schlägt also aufgrund seiner Forschungen das Modell der Kreislaufwirtschaft vor.

EOOS NEXT, Kreislaufuhr, 2021, Kugelbahn (Holz, Kunststoff, Lack, Metall, elektronische Bauteile), MAK-Kunstblättersaal. © Mona Heiß/MAK

Änderung des Systems

Die größte Schwierigkeit bei der Einführung eines zirkulären Modells stellt die Notwendigkeit dar, das derzeitige lineare System aufzugeben. Dies sei aber wichtig, betont Harald Gründl: „Die Struktur eines Systems ist System-bestimmend. Und der Trugschluss ist, dass man das System so umbauen könnte, dass es besser funktioniert. Aber wenn das System gleich bleibt, wird dabei am Ende immer das Gleiche herauskommen. Es wird aber derzeit von höchster Stelle ignoriert und verschwiegen, dass man unser System hinterfragen und neu aufsetzen muss, weil die dafür entwickelten Geschäftsmodelle so gut funktionieren.“

Zukunft durch Ökointelligenz

Die Kraft von digitalen Tools liegt vor allem in der Möglichkeit, Sachverhalte transparent zu machen und leicht verständlich darzustellen. Designer*innen sind prädestiniert dafür, dies mit ihren Fertigkeiten umzusetzen. Mit der Transparenz kommt das Wissen und damit dann endgültig die Erkenntnis, dass Veränderungen notwendig sind – und zwar rasch. Neben neuen Geschäftsmodellen, die auf Zirkularität aufbauen und Regularien von politischer Seite wird es vor allem eine Einstellungsänderung in den Köpfen der Menschen brauchen. Die Ausstellungsmacher sprechen deshalb von individueller Verantwortung sowie persönlichem Engagement und von der Ausbildung eines sechsten menschlichen Sinns – der Ökointelligenz.

Die Ausstellung „Digital & Circular“ im Wiener MAK läuft noch bis 3. Oktober 2021.


Weitere TOP-Artikel

Diese Website verwendet Cookies. Bitte akzeptieren Sie, um fortzufahren. Akzeptieren Informieren