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Earth Day 2020: Singapur, die grüne Stadt

von Markus Schraml
WOHA Self-Sufficient City

Der „Tag der Erde“ gibt alljährlich am 22. April Anlass, über den Stellenwert und Zustand der Natur auf unserem Planeten nachzudenken. 2020 feiern dieser Tag und diese Umweltbewegung fünfzigstes Jubiläum. In einer Zeit, in der COVID-19 einen Großteil der Menschen in Bann und Isolation hält, wurden die weit größeren, tiefer gehenden Probleme, wie Klimawandel und Verlust von Biodiversität in den (medialen) Hintergrund gedrängt. Sie bestehen aber weiter und verlangen drängender denn je nach Gegenmaßnahmen. Als Denis Hayes 1970 den ersten Earth Day in den USA organisierte, führte das im darauffolgenden Jahrzehnt zu einer Reihe von Gesetzen, wie den Clean Air Act oder den Clean Water Act. 50 Jahre später müssen Vorbilder für eine nachhaltige Zukunft (zumindest auf politischer Ebene) in anderen Weltgegenden gesucht werden.

Singapur ist eine der Galionsfiguren für eine Stadtentwicklung, die höchste Urbanität mit Natur verknüpft. Die Politiker im Stadtstaat haben früh erkannt, dass eine Verbindung aus Design und wirtschaftlichem Fortschritt dann zu mehr Lebensqualität führt, wenn sie auf Grundlage „grüner“ Politik passiert. Diese Einstellung geht auf den ersten Premierminister und Gründungsvater von Singapur Lee Kuan Yew zurück, der den Schlüssel für den Erfolg seiner Stadt darin sah, die grünste und dadurch lebenswerteste Stadt Asiens zu werden und sich damit von seinen Nachbarn abzugrenzen. Trotz der futuristischen Skyline Singapurs, besteht fast die Hälfte der Stadtfläche aus Wäldern, Mangroven und anderen gestalteten Grüngebieten. Deshalb wird Singapur häufig als „Gartenstadt“ bezeichnet. Doch die Stadtplaner gehen heute noch einen Schritt weiter und sehen ihre Heimat als „Stadt in einem Garten“. Eine starke Aussage, denn sie drückt den Vorrang der Natur im urbanen Raum aus.

WOHA, Vorreiter für „grüne“ Architektur

Bedenkt man dieses Mindset der politischen Entscheidungsträger, wundert es nicht, dass sich gerade in Singapur ökologisch-nachhaltig ausgerichtete Architekturbüros und Designstudios häufen. So rückt die Zukunftsvision von grünen Städten in den Projekten von WOHA in greifbare Nähe. Unter anderem hat das progressive Architekturbüro kürzlich das Konzept „Self-Sufficient City“ (autarke Stadt) für eine neue Stadt im Norden von Jakarta (Indonesien) entwickelt. Auf einem 730 Ha großen Areal für 210.000 Menschen soll die Bebauung auf eine Höhe von 60 Metern begrenzt werden und das Ganze intensiv mit Sekundärregenwald bepflanzt sein. Die Autarkie dieser tropischen Öko-Stadt mitten in einem Wald ist in erster Linie im Hinblick auf die Energieversorgung gewährleistet – dank einer drei Quadratkilometer großen Solar-Überdachung. Außerdem wird Biomasse-Energie aus Abfällen generiert, um die öffentliche Beleuchtung, Straßenbahnlinien und Ladestationen für E-Autos anzutreiben. 100 % des Wassers, das für Toiletten und Bewässerung benötigt wird, soll aus Regenwasser gewonnen werden. Auf sogenannten „Sky Fields“ werden an die 55.000 kg Gemüse angebaut, womit die Bevölkerung zumindest einen Teil ihres Bedarfs decken kann.

Mit einem weiteren aktuellen Projekt für die BRAC-Universität soll ein völlig verschmutztes Ödland in Dhaka (Bangladesch) gereinigt und in einen innovativen, nachhaltigen tropischen Campus verwandelt werden. Das Konzept reagiert auf das heiße, feuchte Monsunklima der Region. Der neue Campus wird über einen öffentlichen Park, Universitätseinrichtungen sowie ein 13-stöckiges Gebäude mit grünen Wänden und einer riesigen Photovoltaik-Anlage auf dem Dach verfügen. Richard Hassell, der WOHA im Jahr 1994 gemeinsam mit Wong Mun Summ gegründet hat, sagt als einer der Vorreiter für nachhaltige Konzepte im Bauwesen: „Was wir im Moment sehen, ist eine massive kollektive Anstrengung, um die Ausbreitung von COVID-19 zu stoppen. Es zeigt, wie das Verständnis für die Bedeutung des Gemeinwohls auflebt. Wir hoffen, dass diese kollektive Anstrengung nach dem Ende der globalen Gesundheitskrise auf die Gesundheit unseres Planeten übertragen wird.“

WOW – Absolute Naturnähe

Das ebenfalls in Singapur ansässige Büro WOW Architects wurde mit der Gestaltung für ein Öko-Ressort mit 24 Baumhäusern in Form von Samenkapseln in Mandai (Singapur) beauftragt. Das für Mandai Press Holdings entworfene biophile Design integriert das Ressort vollkommen in die umliegende Natur. Die Gebäude folgen der vorhandenen Vegetation, den Baumlinien und der natürlichen Topografie. Wo immer möglich, wird das Ressort mehrere Meter über dem Boden angelegt, damit sich einheimische Wildtiere durch das Gebiet bewegen können. Trotz dieses Konzepts müssen einige Bäume gefällt werden. Immerhin bleiben mehr als die Hälfte der Bäume auf dem Gelände erhalten und durch zusätzliche, umfangreiche Neupflanzungen auf Dächern und Fassaden soll die biologische Vielfalt vor Ort sogar verbessert werden. Letztendlich soll die Anzahl der Bäume im Vergleich zu heute verdoppelt werden.

Der Anspruch, das erste Super Low Energy-Ressort in Singapur zu sein, wird durch eine Reihe von Maßnahmen verdeutlicht. Darunter der Einsatz von natürlicher Belüftung und Sonnenkollektoren. Die Baumhäuser werden auch über eine passive Quelllüftung verfügen. Dabei wird die Luft mit gekühltem Wasser anstelle herkömmlicher Klimaanlagentechnik gekühlt.

Nomen est omen: Forest & Whale

Das 2016 von Gustavo Maggio und Wendy Chua gegründet Designstudio Forest & Whale beschäftigt sich vorrangig mit Social Design und Pädagogik, mit dem Ziel, Kindern und Jugendlichen Kreativität zu vermitteln. Mit dem Projekt „Harvesting Colours from Nature“ hat das in Singapur und Buenos Aires ansässige Studio eine Reihe von Workshops für das Red Dot Design Museum konzipiert. Es geht darum, die Neugier der Kinder für die Natur, speziell Flora zu wecken. Dazu wurden in den Workshops Farb- und Textkompositionen etwa aus den Adern eines Blattes oder den Sporen eines Farns erstellt und mittels Makrolinse auf dem Tablet oder Smartphone genauer betrachtet. Die Designer kombinierten also Technologie mit sensorischer Naturerfahrung, um den Kindern den Wert der Natur näher zu bringen.

Diesen ökologischen Ansatz verfolgen Maggio und Chua auch bei ihren Produktdesigns. Das Duo hat für The Rug Maker die Kollektion Tropicals entworfen, wofür beispielsweise übrig gebliebenes Wollgarn verwendet wurde. Oder eine Zitronenpresse für EKOBO: Der Entsafter besteht aus Bambusfasern und zu 100 % Melaminbindemittel.

Think global, act local – Roger&Sons

Die singapurischen Designer von Roger&Sons haben das „Local Tree Project“ initiiert. Dabei wird auf den riesigen Vorrat von ungenutzten Stämmen gefällter Bäume zurückgegriffen, die für die Stadtentwicklung keine Verwendung fanden. Das Projekt nutzt diese Stämme, um hochwertige, handgefertigte Möbel und Gegenstände zu kreieren. Es wird also bereits vorhandenes Material verwendet und nicht neues importiert. Die Designer nützen jeden Teil des Baumes, um Abfall zu minimieren. Beginnend bei den Stämmen selbst über das Sägemehl bis hin zu den Holzspänen, die als Dünger, Verpackungsmaterial oder zum Aufsaugen verwendet werden.

Der Welttag der Erde ist eine Erinnerung daran, verantwortlich zu handeln, was immer das im Einzelfall ist. Für uns bedeutet es, lokal zu sein. Wir versuchen, das, was es in unserer Region gibt, zu nutzen und zu feiern, anstatt Dinge über den ganzen Globus zu verschicken, um funktionelle Objekte zu kreieren“, sagt Lincoln Yeo, Leiter der Nachhaltigkeitsabteilung bei Roger&Sons.

Der besondere Fokus von Designstudios und Architekturbüros in Singapur auf „grüne“ Projekte, ist sozusagen in die DNA der gesamten Bevölkerung des Stadtstaats eingebettet. Singapurer wachsen mit dieser enormen tropischen Üppigkeit auf, die direkt neben den hypermodernen Gebäuden und Wolkenkratzern existiert. Überall in Singapur sieht, riecht und fühlt man die tropische Natur. Sie ist eine unglaubliche Inspirationsquelle auch für Designer*innen und Architekten*innen, die alle Gestaltungsbereiche durchfließt.


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