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Gemeinsam stark – „Ich und Du“ von Matter of Course

von Markus Schraml
Ich und Du, Matter of Course

Im neuen Designerinnen-Kollektiv Matter of Course haben sich 11 Berliner Gestalterinnen zusammengeschlossen, die allesamt auf einem hohen Niveau handwerkliche Fähigkeiten mit jeweils sehr eigenem Designansatz verbinden. Nun gaben sie in Mailand ihr gemeinsames Ausstellungsdebüt auf internationalem Parkett. „Ich und Du“ lautet der Titel, der von Anna Carnick und Wava Carpenter (Anava Projects) kuratieren Schau. Das Thema könnte kaum aktueller sein, denn es geht um die Beziehung zwischen dem Selbst und den anderen. „In einer Zeit, in der sowohl Menschenrechte als auch unsere Umwelt stark bedroht sind, befinden wir uns in körperlicher und metaphorischer Distanz voneinander. Jeder Einzelne von uns ist daher dazu aufgerufen, über unsere eigene Verantwortung innerhalb unserer lokalen und globalen Gemeinschaften zu reflektieren“, schreiben die Kuratorinnen.

Teppiche zum Angreifen

Alle Stücke, die in Mailand zu sehen waren, wurden entweder eigens für diesen Anlass kreiert oder noch nicht veröffentlicht. Das war die Vorgabe der Kuratorinnen. Dem Thema von „Ich und Du“ näherten sich die Designerinnen auf unterschiedliche Art an. So zeigte Mareike Lienau (Lyk Carpet) unter anderem eine Arbeit, die vom Ryōanji-Tempel in Japan inspiriert ist. „Dort gibt es einen Steingarten, der so angelegt ist, dass man von keinem Betrachtungswinkel aus alle Steine darin sehen kann. Das soll uns daran erinnern, dass wir nie den gesamten Überblick haben können. Das gilt auch für die Begegnung mit Menschen, wo man sich einer Situation nie zu 100 % sicher sein kann und deshalb vorsichtig agieren sollte. Ich habe also diesen blinden Fleck designt“, erläutert Lienau. Seit vielen Jahren arbeitet sie mit einer Manufaktur in Nepal zusammen, um ihre außergewöhnlichen Teppich-Kreationen umzusetzen. „Ein Teppich ist eine wunderbare Handarbeit, die aber meistens nur mit Schuhen betreten wird. Nicht mal barfuß. Für mich geht es darum, Teppich anzugreifen und visuell neu zu gestalten.“

Die Balance von Ästhetik und Funktion

Joa Herrenknecht hat für die Ausstellung ein Mobile entworfen. „Für mich hat das Thema Ich und Du viel mit Balance zu tun und mit diesem Moment, in dem wir uns begegnen. Für das Mobile habe ich verschieden beschichtete Metalle verwendet, die an drei Bögen hängen. Als Farbe habe ich RAL Weiß und andere eher nüchterne Töne verwendet, also ganz klassische Farben. Das Edelstahl-Material ist auf einer Seite gebürstet und auf der anderen spiegelpoliert“, erklärt Herrenknecht. Im Gestaltungsansatz der Industriedesignerin spielt die Ästhetik eine wichtige Rolle. „Im Idealfall ist es ein komfortables, funktionelles Objekt, das schön ist und einfach gerne benutzt wird. Und zwar sehr lange – das ist meine Antwort auf die Frage der Nachhaltigkeit. Wenn ich Dinge sehr lange nutze, vielleicht sogar vererbe, dann hat das auch viel mit Emotion zu tun. Ich glaube, dass Produkte diese Emotion brauchen, damit sie zu langlebigen Dingen werden“, betont Herrenknecht.

Aktuelle Lage und Sommergewitter in Südafrika

Im ersten Raum der Ausstellung (einer Mailänder Wohnung aus dem 19. Jahrhundert im Viertel 5VIE) springt ein hoher Tisch ins Auge, auf dem ein langes, verbranntes Brot platziert wurde. Der Tisch steht dabei für den Wunsch, wieder zusammenzukommen, das Brot symbolisiert die politische Lage der verbrannten Erde. An diesem Projekt haben Carolin Zeyher (FRAU CAZE) und Nicolene van der Walt gemeinsam gearbeitet. Die eine Hälfte des Brotes liegt auf einer Arbeit von Zeyher (von ihr stammen auch der Tisch EL CABALLITO und die Bänke BOCK), die andere auf einem hölzernen Objekt von van der Walt. Es gehört zu einer Serie von sogenannten Cake Stands, die die Südafrikanerin in den letzten Monaten selbst hergestellt hat. Als Tischlerin verfügt sie über hervorragende Kenntnisse in der Holzbearbeitung. Für diese Arbeit ließ sie sich vom Tausendfüßler ihrer Heimat inspirieren. „Ich bin auf einer Farm in Südafrika aufgewachsen. Dort haben wir einen ganz anderen Bezug zum Regen. Wenn es in Berlin regnet, ist alles so grau und jeder will Nachhause, aber in Südafrika gibt es wunderschöne Sommergewitter, die den für dieses trockene Land wichtigen Regen bringen. Alle Menschen sind sehr froh, wenn es regnet und gehen nach draußen. Dann kommt auch der typische Tausendfüßler heraus. Für mich ist das ein Zeichen der Verbindungen in der Natur. Zuerst muss der Regen kommen und dann kommen die Tausendfüßler. Diese Verbindung von allem passt zum Thema Ich und Du.“

Weitere beeindruckende Stücke der Ausstellung waren Milena Klings „Mirror Sculptures“, die das Spiegelbild des Betrachters „verflüssigen“ und ihn somit auffordern, einen anderen Blickwinkel auf sich selbst und die Umwelt einzunehmen. Oder Elisa Strozyks „ORI Screens“ aus Holztextilien, die an dekorativem Mehrwert kaum zu überbieten sind. Heike Buchfelder, die für ihre Beschäftigung mit dem Thema „Federn“ bekannt ist, hat mit „Blossom“ eine attraktive Hängeleuchte aus Metall und Textilien gestaltet. Einen ästhetischen Kontrapunkt setzte Friederike Delius mit „Candy“. Die mundgeblasenen Beistell- und Couchtische in Rot, Gelb und Blau erinnern tatsächlich an Lollipops und Bonbons, wie sie wohl in der Kindheit der Designerin beliebt waren. Einflüsse von Memphis und der Collectible Designszene werden hier deutlich. Das Arbeiten an der Grenze von Kunst und Design findet sich auch bei anderen Gestalterinnen des Kollektivs. Auf jeweils sehr individuelle Weise ist der Drang zu spüren, etwas Innovatives, bisher Ungesehenes in die Welt zu setzen.

Ein Zusammenschluss von Freunden

Matter of Course ist keine Marke, sondern ein Zusammenschluss von Freunden. Joa Herrenknecht bezeichnet das Ganze als Experiment. Ein Experiment allerdings, das bereits viele positive Rückmeldungen und bemerkenswertes Medienecho erfahren hat. Das Designerinnen-Kollektiv ist noch jung (Gründung 2021) und die gemeinsame Initiative nach wie vor im Findungsprozess. Die bisherigen erfolgreichen Ausstellungen, eine in Berlin letzten Herbst und nun in Mailand, sprechen auf jeden Fall dafür, dass vom Zusammenschluss der 11 Berliner Gestalterinnen in Zukunft noch einiges zu erwarten ist.

Matter of Course sind Studio Berg, Heike Buchfelder, Studio Elisa Strozyk, Eloa – Unique Lights, Frau Caze, Studio Joa Herrenknecht, Studio Laura Straßer, Lyk Carpet, Studio Milena Kling, Nicolene van der Walt, Schoemig Porzellan.

Diese Ausstellung “Ich und Du” wurde von Dr. Hauschka Naturkosmetik unterstützt.


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