Home Award Grafikdesign im Jahr des Wandels – Joseph Binder Award 2020

Grafikdesign im Jahr des Wandels – Joseph Binder Award 2020

von Markus Schraml

Joseph Binder (1898 – 1972) war ein Wegbereiter der modernen visuellen Kommunikation. Als ein Pionier des „Wiener Flächenstils“ wurden seine Plakatgestaltungen der 1930er und -40er Jahre vor allem auch in den USA geschätzt. Seit 1996 wird der ihm gewidmete Joseph Binder Award im Zweijahresrhythmus von designaustria durchgeführt. Nun wurden im Rahmen einer Online-Preisverleihung die Sieger*innen der aktuellen Ausgabe dieses Wettbewerbs für Grafikdesign und Illustration bekannt gegeben.

Mit 1029 Einreichungen von 534 Designer*innen aus 46 Ländern konnte der Joseph Binder Award 2020 eine Rekordteilnehmer*innenzahl verzeichnen. Nach einem intensiven und schwierigen Auswahlprozess vergab die internationale Jury 6 Mal Gold, 18 Mal Silber und 7 Mal Bronze. 24 Arbeiten erhielten eine anerkennende Auszeichnung. Außerdem wurden in der freien Kategorie Design Fiction fünf Beitrage mit einem Preisgeld von insgesamt 10.000 Euro bedacht. Premiere feierte der dem designaustria-Ehrenmitglied Henry Steiner gewidmete Henry Steiner Prize, der an das vielversprechende Nachwuchsprojekt „Migrant Journal“ von Offshore Studio aus der Schweiz verliehen wurde.

Die Gold-Preisträger*innen

Die mit Gold ausgezeichneten Projekte sind „Altes Hallenbad“ (Kategorie Corporate Design) von Zeughaus Design (Österreich), „The Legends“ (Kategorie Kommunikationsdesign) von TOFU Studio (Polen), „Essen in Franken“ (Kategorie Informationsdesign) von designgruppe koop (Deutschland), „Insect Science Popularization 2019“ (Kategorie Plakatgestaltung) von Yulu Zhou (China), „Staatstheater Darmstadt, Spielzeit 2019/20“ (Kategorie Plakatgestaltung) von gggrafik (Deutschland) und die „MAK LAB APP“ (Kategorie Screen Design) von Huangart/LWZ (Österreich).

„Die Metapher des Pools zieht sich durch das gesamte Corporate Design. Hat man sie einmal wahrgenommen, bleiben einem die Bahnenmarkierungen als augenfälliges Gestaltungselement im Gedächtnis“, steht in der Jurybegründung zum Gold-Preisträger „Altes Hallenbad“ von Zeughaus Design. „Das Design ist klar, einfach und zurückhaltend, wobei sich das plakative Logo für verspielte Animationen anbietet. Mit seiner hohen Wiedererkennbarkeit sticht es auf gedruckten Plakaten, auf Merchandising-Artikeln wie Taschen oder Shirts sowie auf dem Bildschirm hervor: echt starke Kommunikation“, heißt es weiter. Für hervorragendes Kommunikationsdesign erhielt das polnische TOFU Studio ebenfalls Gold. „The Legends“ heißt ihr Projekt, mit dem sie das Erscheinungsbild des UNICEF-Kalenders auf spannende Weise interpretierten. „Bei diesem Kalender zeigt sich Kommunikationsdesign von seiner besten Seite. Die wunderbar gestalteten und umgesetzten Illustrationen begleiten einen durchs Jahr. Im Grunde hat hier das Medium Illustration die Aufgabe von Kommunikation komplett übernommen“, urteilt die Jury.

„Essen in Franken“ der designgruppe koop ist der Gold-Sieger in der Kategorie Informationsdesign. Mit der Gestaltung dieser Wanderausstellung sei es den Kreativen gelungen, ein breites Publikum anzusprechen, also auch Menschen, die mit dem Thema nicht vertraut sind“, meint die Jury und führt weiter aus: „Die sympathischen Illustrationen tun das Ihre, damit sich Besucherinnen und Besucher auf die Sache einlassen können. Die smarte, einfache Gestaltung der Aufsteller ist glänzend durchdacht: Sie sind leicht aufzubauen und laden dazu ein, um sie herumzugehen. Kurz und gut: Das Ganze funktioniert rundum.“ Eine zentrale Kategorie ganz im Sinne Joseph Binders ist Plakatgestaltungen gewidmet. Auf sehr verführerische Weise setzt Yulu Zhou aus China das Thema Insekten um. Für eine Ausstellung entstand die Plakatserie „Insect Science Popularization 2019“. „Hier wird pure Fröhlichkeit verströmt – diese Plakate haben nichts an sich, was man nicht mögen könnte“, zeigt sich die Jury begeistert. „Sie sind dermaßen ansprechend, dass man sofort alles über das Thema wissen möchte. Ein starkes Design und ebenso starke Illustrationen sorgen dafür, dass diese Affichen ihre Aufgabe bestens erfüllen. Auch als Serie funktionieren sie wunderbar. Indem sie so anders sind als alles um sie herum, erregen sie zweifelsohne die Aufmerksamkeit der Menschen auf der Straße.“ Durch die Entwicklung einer neuen Bildsprache gelingt es hier, das Thema Insekten und die Einblicke, die die Ausstellung verspricht, in Bildende Kunst zu übersetzen.

Eine weitere mit Gold prämierte Plakatserie kommt von gggrafik. Für die Spielzeit 2019/20 des Staatstheaters Darmstadt wurden Sujets kreiert, die einerseits klar in der Tradition branchentypischer Gestaltungen stehen, sie gleichzeitig aber durch Eigenständigkeit fortschreiben. „Trotz der Vielzahl an Einzelplakaten und der zahlreichen unterschiedlichen Bildmotive kommt diese Serie dank einer perfekt funktionierenden Struktur mit einer unglaublichen Konsistenz daher. Der ausgesprochen plakative Stil sorgt für Schlagkraft: Die Typografie transportiert die Titel der Stücke wirkungsvoll; die einfachen Bilder machen so neugierig, dass man unbedingt wissen möchte, was sich hinter ihnen verbirgt“, schreiben die Juror*innen. Die sechste Gold-Auszeichnung geht an Huang/LWZ aus Österreich, die für das Wiener Museum für Angewandte Kunst die MAK LAP APP entwickelten. Für diese digitale Erweiterung des Museums brauche man Köpfchen, meint die Jury und urteilt: „Diese einerseits verspielte, andererseits übersichtliche App liegt stilistisch am Puls der Zeit. Sie ist angefüllt mit Informationen und dennoch leicht zu navigieren, klug gestaltet und umgesetzt.“

Den Joseph Binder Award 2020 begleitet auch eine Ausstellung im designforum Wien. Unter dem Titel „What A Year!“ sind dort alle Gewinnerarbeiten zu sehen. Aufgrund von COVID-19 musste der Ausstellungsbeginn verschoben werden. Der angekündigte 1. Dezember wird nach den neuesten Entwicklungen wohl nicht zu halten sein. Möglicherweise läuft sie erst ab dem 9. Dezember. Auf jeden Fall aber bis zum 10. 1. 2021.

Joseph Binder

Binder machte schon früh bei Plakatwettbewerben in Österreich und Deutschland auf sich aufmerksam und erhielt 1926 als Absolvent der Kunstgewerbeschule mit der besten Gesamtleistung den Staatspreis. In den 1930er- und 1940er-Jahren folgten unter anderem Auszeichnungen des Art Directors Club New York und ein Sieg beim Plakatwettbewerb für die New York World’s Fair 1939. Nach Aufenthalten in Chicago, Minneapolis, Milwaukee, Los Angeles und New York ließ er sich ganz in den USA nieder und wurde 1944 amerikanischer Staatsbürger. Zu seinen Auftraggebern in Wien hatten Meinl, Arabia Kaffee, Persil, Bensdorp, Wagon-Lit und zahlreiche Institutionen aus den Bereichen Kultur und Tourismus gezählt. In der neuen Heimat arbeitete er unter anderem für die U.S. Navy, das Rote Kreuz, die Association of American Railroads und United Airlines. Die Grundlagen seiner Gebrauchsgrafik veröffentlichte er in dem Buch „Colour in Advertising“ (1934).

Hier das Video der Online-Preisverleihung zum Nachsehen:


Weitere TOP-Artikel

Diese Website verwendet Cookies. Bitte akzeptieren Sie, um fortzufahren. Akzeptieren Informieren