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Gründervater des italienischen Designs – Vico Magistretti 100

von Markus Schraml
100 Jahre Vico Magistretti

Italienisches Design hat weltweit einen guten Ruf und enormen Einfluss. Im Lauf des 20. Jahrhunderts haben italienische Gestalter*innen, vor allem von Mailand aus, Produkte geschaffen, die zu globalen Trendsettern wurden. Einer der Gründerväter modernen Designs Made in Italy ist Vico Magistretti. Der Architekt und Designer (6. Oktober 1920 – 19. September 2006) hätte in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert. Aus diesem Anlass zieht eine Wanderausstellung unter dem Titel „100 Jahre Vico Magistretti“ seit Januar durch die Welt und macht Station in verschiedenen italienischen Kulturinstituten. Bisher war die Ausstellung zu Gast in Köln, Stockholm, New York, Straßburg, Berlin und Prag. Im Oktober sind Termine in Budapest und Washington geplant. Organisiert werden diese Ausstellungen von der Fondazione Vico Magistretti. Am Hauptsitz der Stiftung (Gründungsmitglieder: Artemide, De Padova, Flou, Oluce, Schiffini und Triennale di Milano) in der via Conservatorio in Mailand ist zudem die Schau „1, 10, 100 Magistretti“ noch bis zum Februar 2021 zu sehen (aufgrund der Coronakrise derzeit geschlossen).

Vico Magistrettis Leben und Arbeit sind eng mit Mailand verbunden. Er wurde dort geboren und studierte Architektur am Polytechnikum. Selbstverständlich, möchte man sagen, für den Spross einer Architektenfamilie. Während des 2. Weltkrieges (1943) floh er in die Schweiz, wo er Ernesto Nathan Rogers (Gründer von BBPR) kennenlernte. Rogers wurde eine wichtige Bezugsperson für Magistrettis intellektuelle und professionelle Entwicklung. Nach seiner Rückkehr nach Mailand im Jahr 1945 und dem Abschluss seines Studiums am Polytechnikum begann er im Architekturbüro seines Vaters Pier Guilio zu arbeiten. Noch im selben Jahr allerdings starb sein Vater. Vico Magistretti war in der Folge maßgeblich am Wiederaufbau Mailands beteiligt. (1949 – 1959) Unter anderem arbeitete er gemeinsam mit Mario Tedeschi am Projekt QT8. Durch Bauten wie dem Wohnhochhaus Torre al Parco (Mailand, 1953 – 56, mit Franco Longoni) oder dem Bürogebäude Corso Europa (Mailand, 1955 – 57) wurde Magistretti schnell zu einem wichtigen Protagonisten einer neuen Generation von Architekten. Magistretti war auch eines der Gründungsmitglieder von ADI (Verband für Industriedesign) im Jahr 1956. Im gleichen Jahr war er auch Mitglied der Jury des Compasso d‘Oro (Goldener Zirkel), eine der weltweit wichtigsten Auszeichnung für Industriedesign, die Gio Ponti zwei Jahre zuvor ins Leben gerufen hatte.

Seinen Weg zum Produkt- und speziell Möbeldesign begann Magistretti bereits 1946, als er an der R.I.M.A-Ausstellung (Riunione Italiana per le Mostre di Arredamento, etwa: italienisches Treffen für Möbelausstellungen) im Palazzo dell‘Arte teilnahm, wo er einige kleine Möbel mit Selbstbaucharakter präsentierte. 1947 und 1948 war er neben Castiglioni, Zanuso, Gardello, Albini und anderen einer der Gestalter, die an den Ausstellungen von Fede Cheti beteiligt waren, einem Hersteller von Möbelbezugsstoffen, der diese Schauen in den eigenen Räumlichkeiten veranstaltete. In den 1950er-Jahren arbeitete Magistretti hauptsächlich als Architekt und entwickelte dabei mit Projekten wie dem Arosio-Haus in Arenzano seine ganz eigene Gestaltungssprache. Erst gegen Ende der 1960er-Jahre widmete sich Magistretti vermehrt Designaufgaben. Sein erstes Möbel für ein konkretes Projekt entstand allerdings schon 1960: Carimate, ein Stuhl, den der Architekt für einen Golfclub designt hatte und der von Cassina produziert wurde.

Das Phänomen des italienischen Designs bezeichnete Magistretti selbst als „erstaunlich“. Es sei durch das Zusammentreffen zweier Faktoren zustande gekommen: Architekten und Hersteller. Magistretti arbeitete mit so hervorragenden Produzenten wie Artemide, Oluce, Campeggi, Olivari oder FontanaArte zusammen. Ein besonderes Interesse entwickelte er für das Design von Leuchten. So kreierte er für Artemide Mania (1963), Dalù (1966), Chimera (1969) oder die berühmte Eclisse (1967, Compasso d‘Oro im selben Jahr). Viele Jahre lang war Magistretti der Hauptdesigner und Art Director von Oluce. Dort gestaltete er ikonische Stücke wie Atollo (1977, Compasso d‘Oro 1979), Sonora (1976) oder Kuta (1980). Letztere Leuchte wird anlässlich des 100. Geburtstages von NEMO Lighting wieder produziert. Auf Grundlage einer Zusammenarbeit mit der Fondazione Vico Magistretti wird nicht nur Kuta, sondern auch Claritas auf den Markt gebracht, die erste Leuchte, die Magistretti je designt hat – damals (1946) gemeinsam mit Mario Tedeschi. Die Konstruktion aus lackierten Metallrohren und verchromten Metallteilen ist äußerst klar und trotz oder gerade wegen des starken Bastler-Charakters angenehm-autonomen in seiner Erscheinung.

Sehr bekannt ist sein Maralunga-Sofa für Cassina (1973, Compasso d‘Oro 1979), das zum Jubiläum von Kvadrat mit einem neuen Nadelstreif-Designstoff, der dasselbe Muster aufweist, wie in den 1970er-Jahren, ausgestattet wird. Das exklusiv von Kvadrat Febrik hergestellte Material heißt Otterlo Stripes und ist ein Stretch-Samt mit üppigem, weichem Flor. Weitere Designs für Cassina sind etwa das Nuvola Rossa-Bücherregal (1977), das Sindbad-Sofa (1981) oder der Veranda-Sessel (1983).

Das Wichtigste für mich ist die konzeptionelle Einfachheit, die normalerweise in konstruktive Klarheit mündet

Vico Magistretti

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Vico Magistretti war auch ein einflussreicher Lehrer. Diese Karriere startete er in den späten 1970er-Jahren am Royal College of Art in London, wo unter anderem Jasper Morrison und Konstantin Grcic bei ihm studierten. Der Architekt liebte Großbritannien. So sagte er etwa: „Der große Feind heutzutage ist die Vulgarität. Ich liebe die angelsächsische Kultur, weil sie frei davon ist.“ Ende der 1980er-Jahre begann Magistrettis Partnerschaft mit Maddalena De Padova. Für die è De Padova-Marke schuf Magistretti Klassiker wie den Marocca-Stuhl (1987), den Vidun-Tisch (1987) oder den Silver-Stuhl (1992).

In den 1990er-Jahren wurden die Gestaltungsaufträge immer vielfältiger. So erfand er für Flou völlig neue Betten. Nach dem Modell Nathalie (1978) entwickelte Magistretti zum Beispiel das erste vollständig gepolsterte Bett (1993). Für Schiffini Mobili Cucine entwickelte er 1995 Solaro, eine Küche, in der er die herkömmlichen Türen in handliche geräumige Schubladen verwandelte. Für Cinqueterre (1999) verwendete er extrudiertes, welliges Aluminium und gab der Küche damit einen eher industriellen Charakter. Die Zusammenarbeit mit Kartell führte 1996 zum Stuhl Maui, dessen Rückenlehne und Sitzfläche aus einem einzigen Stück Polypropylen bestehen, das auf einer verchromten Stahlbasis sitzt. Maui war international erfolgreich und gehört zu den Ikonen von Kartell. Magistretti sprach hier ganz unbescheiden vom Stuhl mit der „schönsten Rückseite der Geschichte“. 1994 erhielt Vico Magistretti den Compasso d‘Oro für sein Lebenswerk.

Um wirklich zeitgenössisch zu sein, muss man immer eine Hand in der Vergangenheit und eine Hand in der Zukunft haben.

Vico Magistretti

Anlässlich des 100. Geburtstages gibt es nicht nur eine Reihe von Ausstellungen, die das Lebenswerk des Meisters aus Mailand thematisieren, 2020 wurde auch das umfangreiche Archiv des Studio Magistretti über eine neue Website online zugänglich gemacht. Diese außerordentliche Leistung ist der Fondazione Vico Magistretti zu verdanken. Seit 2007 bemüht man sich dort um die Aufarbeitung von Magistrettis Werk. Dieses Online-Archiv ist sowohl für Forscher*innen als auch Designfans gedacht. Es enthält zahlreiche Skizzen, Zeichnungen, Pläne, Projektbeschreibungen, Patente, Fotografien, Zeitschriftenartikel, Kataloge und einige Korrespondenzen. Magistrettis Arbeit von 1946 bis 2006 wird anhand von über 400 Projektprofilen aus den Bereichen Architektur und Design (umgesetzt oder nicht) zugänglich gemacht. Mittels einfacher und erweiterter Suche, einer Zeitleiste, Pfaden, Schlüsselwörtern und interaktiver Projektkarte sollten sich Nutzer*innen in der Materialvielfalt zurechtfinden können.

Das letzte Produkt, das Magistretti gestaltete, war das Fan-Sofa für Campeggi. Die letzten Architektur-Entwürfe, die umgesetzt wurden, waren ein Haus auf Saint-Barth (französische Antillen, 2003 – 2004) und eines in Epalinges, in der Nähe von Lausanne (2006 – 2010). Seine Arbeiten finden sich in den Kollektionen des MoMA in New York, des V&A Museums in London sowie der Neuen Sammlung in München. Vico Magistretti verabscheute alles Dekorative. Seine kontinuierliche Suche nach Formen und Funktionen sowie seine ständige Beschäftigung mit Materialien und Raumlösungen fanden fernab jeglicher Trends oder Moden statt. Seine Designs sind klar, reduziert und doch warm, sympathisch und oft auch witzig. Damit prägte er den guten Ruf, den italienisches Design heute genießt, entscheidend mit.


 

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