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Martin Mostböck: Architekt und Designer

Im Wechsel der Dimensionen: Martin Mostböck

In einem der größten europäischen Stadtentwicklungsgebiete, der Seestadt Aspern in Wien, wurde vor Kurzem ein weiteres Gebäude fertiggestellt. Mit Living Garden J3B hat Architekt Martin Mostböck in Kooperation mit Pesendorfer Machalek Architekten für den Projektentwickler VI-Engineers und Eigentümer Fair Finance ein nachhaltiges grünes Gebäude gestaltet, in dem er Natur nicht nur durch Begrünungen einsetzt, sondern das Thema auch direkt in die architektonische Gestaltung übernimmt. Damit hat der Architekt, der auch Designer ist, die Seestadt um ein lebenswertes Objekt reicher gemacht. Dabei folgte er seinem Prinzip, für die Menschen immer genau das richtige Gebäude zu finden und zu bauen. Martin Mostböck ist detailversessen und vermittelt vor allem in seinen Produktdesigns immer auch eine hintergründige Geschichte, die seine Objekte verständlich und spannend macht. Mostböck, der einst einige Jahre für Coop Himmelb(l)au gearbeitet hat, umgibt sich auch privat mit Designerstücken. So besitzt er Möbel von Stefan Diez, Marco Dessi, Thonet, Alfredo Häberli oder zwei Fiberglass Chairs von Charles & Ray Eames.

Im formfaktor-Interview spricht Mostböck über die Verbindung von Architektur und Natur, über Dimensionswechsel in der Gestaltung und Verpackungswahnsinn. Außerdem stellt er die provokante Frage, ob man die Mailänder Möbelmesse nicht abschaffen sollte.

 

formfaktor: Das Living Garden Objekt in der Seestadt Aspern ist fertiggestellt? Die zentrale Idee war ja, die Natur in die Stadt zu bringen bzw. Gebäude und Natur möglichst zu verschmelzen. Wie sah das Briefing aus?

Martin Mostböck: Das Briefing war an einen nachhaltigen Anspruch gebunden und verlangte ein begrüntes Gebäude. Es ging aber nicht nur um Grün im Sinne von Fassadenbegrünung oder auf den Terrassen, sondern grün bedeutete auch bautechnische Auflagen. Das Gebäude ist von der Österreichischen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen zertifiziert und mit klimaaktiv Gold ausgezeichnet – also mit der höchsten Punkteanzahl, die man erreichen kann. Außerdem gab es ein bestimmtes Baustellen- und Chemikalienmanagement: Das heißt, es durften nur gewisse Materialien verwendet werden. Es gibt Photovoltaik auf dem Dach, was allerdings heutzutage schon fast Standard ist. Wir haben eine Zisterne eingebaut, um die Fassadenbegrünung bewässern zu können. Dort wird Regenwasser gesammelt und in einen eigenen Kreislauf eingespeist. Vom Gestalterischen her haben wir versucht, mit den Pflanzengefäßen, die wir auf den Terrassen und Balkonen platziert haben, ein Mikroklima zu erzeugen. Das steigert die Behaglichkeit und wenn es dann weiter gewachsen ist, wird es auch ein Faktor für die Beschattung sein. Direktes Grün hat einfach einen positiven Einfluss auf die Bewohner*innen. Zusätzlich gibt es einen von uns gestalteten Gartenbereich, der auch für das Nachbargebäude gedacht ist. Dafür haben wir mit DnD Landschaftsplanung zusammengearbeitet. Ausgehend von diesem Garten – in dem auch 15 Bäume gepflanzt wurden, führt eine grüne Ader von Ebene 0 an der Außenseite des Gebäudes bis zur Ebene 4 hoch und springt durch eine sich überkreuzende Schleife auf die Innenseite und hinauf zum üppig begrünten Dach. Mittlerweile sprießt es dort schon ganz schön. Was mir besonders gefällt, sind die Lufträume dazwischen, dass Balkone vor und zurückspringen und dazwischen entstehen kommunikative Bereiche. Die Lobby haben wir möglichst hochwertig gestaltet. Dort gibt es eine grüne Wand, die einerseits zur Schallabsorption dient und auch ein entspannendes Raumklima schafft.

formfaktor: Ist diese Form der nachhaltigen Bauweise teurer?

Nein, ist es nicht, wenn man es auf die gesamte Lebenszeit des Gebäudes rechnet. Man muss den gesamten Zeitraum berücksichtigen – also 20 bis 25 Jahre.

formfaktor: Wird der Living Garden schon bewohnt?

Mein Wissensstand ist, dass zwei Drittel der Wohnungen bereits bezogen sind. Ein Teil des Gebäudes ist ja ein Wohnheim, das bereits vollständig eingerichtet ist. Auch dort wird schon gewohnt.

formfaktor: Ist diese Art zu bauen, wie in Zukunft gebaut werden wird? Dass quasi jedes Gebäude auch Natur mitbringt? Die Prognose lautet ja, dass 2050 mehr als zwei Drittel der Menschen in Städten oder urbanen Räumen leben werden.

Ich meine schon, dass man sehr viel mehr Grün in die Stadtkerne holen sollte. Die Stadt Mailand hat sich zum Beispiel verpflichtet, in den nächsten fünf Jahren drei Millionen zusätzliche Bäume zu pflanzen. Dieser Trend, zusätzliches Grün zu produzieren, gibt es in den verschiedensten Weltregionen. Ich glaube, dass Fassadenbegrünungen und vermehrte Stadtteilbegrünungen in Zukunft viel mehr Gestaltungsspielräume bekommen werden. Wenn man in einem Garten sitzt, wenn man Grün, wenn man Bäume sieht, wirkt das entspannend auf die Menschen. Das tut Geist und Seele gut. Und ich glaube, das ist ein wichtiger Faktor.

formfaktor: Wie viel Ausdauer braucht ein Architekt? Da wird, nehme ich an, auch manchmal das Verhältnis zwischen Architekt und Bauherr auf die Probe gestellt.

Meine Auftraggeber waren bisher immer sehr positiv und konstruktiv. Es gibt immer einen guten Dialog auf Augenhöhe, der ein Ergebnis bringt, das die Sache vorantreibt. Es sind immer Vorwärtsbewegungen und immer gute Entwicklungen. Da hatte ich bisher Glück – egal ob bei Wohnanlagen oder Einfamilienhäusern. Auch mit der Baufirma für Living Garden, der STRABAG gab es eine sehr gute Zusammenarbeit. Gute Ideen gehabt, auch in Alternativen gedacht.

formfaktor: Wie beeinflusst Architektur Menschen? Was macht es mit Ihnen, wenn sie von schlechter oder guter Architektur umgeben sind?

Ich glaube, dass gute gedachte Architektur, gut gedachter Raum den Menschen sozusagen auch Raum gibt, sich positiv zu entwickeln – in ihrer Persönlichkeit. Gut entwickelter Raum gibt Dir die Möglichkeit, charakterlich zu wachsen.

formfaktor: Sie sind Architekt und Designer. Macht es einen Unterschied für Sie, wenn Sie an einem Bauprojekt arbeiten oder an einem Produktdesign?

Ich sehe prinzipiell keinen Unterschied. Das Briefing ist im Hinblick auf die Anforderungen an die Funktionen natürlich ein anderes. Ich gehe an die Gestaltung eines Sessels oder an einen Wohnbau mit der gleichen Leidenschaft heran. Es gibt nur einen Dimensionsunterschied. Aber das ist für mich auch das Spannende, dieser Dimensionswechsel, dieser Perspektivenwechsel. Wenn ich ein Architekturprojekt gemacht habe, freue ich mich auf das nächste Designprojekt und umgekehrt. Der Maßstabswechsel ist einfach sehr spannend. Die Abwechslung macht es aus. Denn ein 7-stöckiger Wohnbau oder ein Barhocker sind jeder auf seine eigene spezielle Weise interessant.

formfaktor: Gehen Sie bei Produkten mehr ins Detail?

Auf jeden Fall. Bei einem Produkt macht man sich viel mehr Gedanken über Details, obwohl ich bin auch als Architekt dafür berüchtigt, mir Gedanken zu machen, die sich andere nicht machen. Weil ich eben diesen Zusatzfaktor Design habe. Ich habe ja auch Interieurs gemacht – vom Büro- über Geschäfts- bis zu Wohneinrichtungen – und da gibt es Dinge, die schon sehr detailliert sind. Ich mache das auch gerne, Details entwerfen.

formfaktor: Eines Ihrer jüngeren Designs ist der Champagner-Kühler für Jarosinski & Vaugoin, der aus dem Umriss der Stadt Wien entwickelt wurde.

Der Champagner-Kühler ist schon sehr speziell. Der Herr Vaugoin war etwas überrascht, dass ich aus der Wiener Landkarte heraus einen Champagner-Kühler interpretieren kann. Der Umriss, die Outline von Wien hat etwas, das die Anforderungen dieses Objekts in der Rotation erfüllen konnte. Wenn man diese Schlussfigur sieht (in der Animation. Anm.), gibt es an einer Stelle – ich glaube bei Simmering – einen Versatz nach innen, wo man sozusagen hineingreifen kann, und es ist dann wie ein umlaufender Griff.

 

formfakor: Ich finde, Sie haben oft eine starke Geschichte hinter ihren Produkten. Ich nehme an, es ist Ihnen wichtig, dass ein Objekt eine Geschichte auf mehreren Ebenen erzählt?

Ja, genau. Ich bin der Meinung, dass sich Möbel oder Produkte am besten durch eine Geschichte erklären lassen – auch durch den Prozess, die Herleitung. Ich sehe mich hier in einer Tradition von Designern wie Castiglioni, Sottsass oder Mendini oder den Skandinaviern, die haben ihre Designs mit einem gewissen Augenzwinkern, einer Ironie und mit einer Geschichte verknüpft. Das ist ein Zugang, der das Produkt erklärt und es deshalb auch speziell macht. Castiglioni hat zum Berufsbild Designer und zur Neugier einmal gesagt: „If you are not curious – forget it“ (Wenn Du nicht neugierig bist – vergiss es)

formfaktor: Eine Geschichte erzählen Sie auch mit den Buchstützen „Brenner“.

Es ist so, dass Christoph Böninger von Auerberg mir eigentlich kein Briefing gegeben hat, sondern ich habe es ihm vorgeschlagen. Und er sagte, das sei ein bisschen bizarr im digitalen Zeitalter eine Buchstütze zu entwerfen. Aber ich sagte, es gibt immer noch genug gute Bücher, die unterstützt werden müssen.

formfaktor: Hier spielt ja auch das Thema Material eine wichtige Rolle.

Ja, das interessiert mich. Ein bestimmtes Material ist wie die Geschichte ein Kern des Produkts. Verschiedene Materialien ergeben unterschiedliche Haptiken, unterschiedliche Formen. Der „Brenner“ zum Beispiel besteht zum einen aus Carrara-Marmor und zum anderen aus einem Tiroler Marmor und zwischen diesen beiden liegt eben der Brenner. (Gebirgspass zwischen Italien und Österreich, Anm.) Deshalb der Name.

formfaktor: Es gibt den Begriff des spekulativen oder auch experimentellen Designs. Darf Design auch komplett nutzlos sein?

Ja, darf es. Sie meinen jetzt sicher den „Best Friends Chair“. Ich glaube, dass Design auch zum Nachdenken anregen soll und muss. Über den „Best Friends Chair“ haben sich immer alle den Kopf zerbrochen. Warum er so aussieht. Den habe ich 1994 entworfen und 1998 oder 99 gebaut. Ich habe ihn damals noch selbst gemacht. In diesem Fall war es so, dass dieser Sessel nicht als Design gedacht war, sondern eher als Metapher für ein Erlebnis. Früher dachte ich immer, dieses „Hackl ins Kreuz“ verstehen nur Österreicher, aber es verstehen Amerikaner genauso, weil er steht ja in der Sammlung des Museum of Arts and Design in New York. Denn „A stab in the back“ ist auch den Amerikanern ein Begriff.

formfaktor: Im Design wird momentan viel über die Rolle des Designers diskutiert im Hinblick auf Lösungen für die zahlreichen Probleme dieser Welt. Welche Rolle werden Designer und Architekten in der Zukunft spielen.

Architekten und Stadtplaner werden im Hinblick auf die immer größeren Städte in Zukunft sehr gefordert sein. Das Gleiche gilt für Designer, weil die müssen Fragen stellen und Lösungen finden für Themen, die die Nachhaltigkeit betreffen. Wenn man sich überlegt, was zum Beispiel bei einer Mailänder Möbelmesse an Material hingekarrt wird, verpackt wird und was dort Müllberge von Verpackungsmaterial weggeschmissen werden, muss man sich wirklich überlegen, ob es überhaupt noch zeitgemäß ist, eine Mailänder Möbelmesse abzuhalten. Es ist wirklich so. Aber natürlich muss man sich auf einen Sessel setzen, bevor man ihn kauft. Das kann man online nicht lösen. Deshalb ist es gut, dass es Möbelmessen gibt. Nur müssen sich die Hersteller überlegen: wie bringen wir das Material hin, wie verpacken wir es, um den kleinst möglichen Müllberg zu produzieren oder den nachhaltigsten Müllberg. Wie kann man die Sachen transportieren, ohne den CO2-Footprint ins Unermessliche zu steigern.

Und ich glaube, das Wichtigste ist nicht für die nächste Möbelmesse ständig etwas zu kreieren, was der Markt wieder nicht annimmt. Ich bin der Meinung, dass man einem Möbel ein zwei Jahre Zeit geben muss, damit der Markt darauf reagieren kann. Man muss viel stärker und nachhaltiger hinter einem Produkt stehen und nicht 15 Prototypen in Mailand hinstellen und es einfach mal probieren. Auch die Eames-Möbel haben eine Zeit lang gebraucht, bis sie angenommen wurden. Es gibt ein gutes Beispiel von einer Lampe, der Tolomeo von Michele de Lucchi für Artemide, die Mitte der 80er Jahre entstanden ist. Die wollte Artemide nach zwei Jahren wieder aus dem Programm nehmen, haben sie aber dann doch in der Kollektion gelassen. Und so wurde sie zum Klassiker.

formfaktor: Woran arbeiten Sie aktuell?

Derzeit mache ich einen Sessel für einen Gastronomen in Wien, für Konstantin Filippou, der von Braun Lockenhaus hergestellt wird. Er hat einen Signature-Chair von mir bekommen, der auf ihn und seine Anforderungen in der Küche zugeschnitten ist. Die Auswahl der Materialien war hier ganz rigoros. Es gibt nur Materialien aus Österreich, Holz aus dem Burgenland, das hat ganz kurze Wege, weil der Sessel auch im Burgenland hergestellt, verleimt und verschraubt wird. Nur umweltverträgliche Kleber werden verwendet und die Verpackung besteht aus Karton.

formfaktor: Welchen Anspruch haben Sie an Ihre Arbeit?

Martin Mostböck: Ich bin Architekt und Designer, kein Stylist. Es geht immer darum, für die Menschen, das richtige Gebäude und das richtige Mobiliar zu finden. Beim „House for a Winegrower“ zum Beispiel habe ich gesagt, dass ich einen Maßanzug für zwei entworfen habe, der den beiden optimal angeschneidert wurde. Architektur und Design hat viel mit Stil und nichts mit Styling zu tun.

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