Home Design Irrweg Wachstumswirtschaft – die Botschafter*innen der DDW21

Irrweg Wachstumswirtschaft – die Botschafter*innen der DDW21

von Markus Schraml
DDW21, Botschafter*innen

Jedes Jahr werden von der Dutch Design Week Persönlichkeiten aus dem Designbereich als Fürsprecher*innen für Design im Allgemeinen und für die DDW im Besonderen ausgewählt. Für die Ausgabe 2021, die vom 16. bis 24. Oktober in Eindhoven über die Bühne gehen wird, sind dies Floris Alkemade, Natsai Audrey Chieza und Christien Meindertsma. Sie werden drei Projekte entwickeln, die das Thema der DDW „The Greater Number“ auf individuelle Art interpretieren.

2021 begibt sich die DDW auf die Suche nach der „besseren Zahl“ und stellt damit die intensive Kritik an der Wachstumswirtschaft in den Fokus. Als Repräsentant*innen dafür seien die drei Designer*innen perfekt geeignet, meinen die Organisatoren der Dutch Design Foundation. Denn das Trio würde zu den eindringlichsten Stimmen des zeitgenössischen Designs zählen.

Der Weg der Elemente

Die Designerin und Künstlerin Christien Meindertsma beschäftigt sich in ihrer Arbeit eingehend mit der Herkunft, dem Wert und der Bedeutung von Materialien und Produkten. Ihre interaktive Installation und Ausstellung Body of Elements wird die Beziehung zwischen Objekten und Menschen erforschen. Sie ist während der DDW21 im Microlab (Strijp-S) zu sehen.

„2007 habe ich das Buch PIG05059 gemacht und damit gezeigt, in wie vielen Produkten ein Schwein durchschnittlich landet. Jetzt, im Jahr 2021, frage ich mich: Woraus bin ich gemacht? Woher kommen meine Elemente und Partikel? Woher kommen sie? Wohin gehen sie?“, sagt Meindertsma. „Ohne es im Alltag zu merken, sind wir durch die Materie, aus der wir gemacht sind, mit Orten auf der ganzen Welt verbunden. Unser Körper ist – wie viele Produkte – nur eine vorübergehende Zwischenstation für die Elemente, die das Universum bilden. Für dieses neue Projekt Body of Elements möchte ich mit dem Interaktionsdesigner Joel Gethin Lewis zusammenarbeiten, um zu zeigen, wie diese Elemente eine Weile in unserem Körper bleiben und dann weiterwandern.”

Christien Meindertsma, Foto © Martin Dijkstra

Das Design der Organismen

Natsai Audrey Chieza, Gründerin und CEO von Faber Futures, wurde als Botschafterin eingeladen, um das Projekt Bio Stories für die DDW21 zu entwickeln. Darin erforscht sie die komplexe Dynamik der synthetischen Biologie: das Design lebender Organismen. „Technologie und Design haben eine wichtige Rolle bei der Schaffung einer Welt gespielt, in der die Natur nicht gedeihen kann“, kritisiert Chieza. „Aber es liegt in unserer Macht, das zu ändern. Das bedeutet, dass wir erkennen müssen, dass es in der synthetischen Biologie nicht darum geht, Dinge zu entwerfen, sondern Systeme, in denen Wohlstand, Fürsorge und Gleichberechtigung zentral sind.” Chieza arbeitet seit vielen Jahren im Bereich Biotechnologie und hat zum Beispiel eine Methode zur Einfärbung von Textilien mittels Bakterien entwickelt.

„Bio Stories“ wird ein dreitägiges Forum sein, in dem Chieza die niederländische Design-Community mit der grundlegenden ethischen Frage konfrontiert, welche Art von Beziehung wir zur Natur haben wollen / sollten. Dieses Projekt ist der Auftakt zu einer Arbeit, die Natsai Audrey Chieza für das Global Futures Council on Synthetic Biology des Weltwirtschaftsforums entwickelt. In diesem Rahmen wird sie Ideen, Einsichten und provokante Aussagen präsentieren.

Natsai Audrey Chieza, Foto © Toby Coulson

Die Zukunft der Niederlande

Der Dritte im Bunde der DDW-Botschafter*innen ist Floris Alkemade. Er ist Chefberater der niederländischen Regierung in Architekturfragen und wird eine Ausstellung in Form eines Labyrinths gestalten. Diese Arbeit entsteht im Auftrag des niederländischen Regierungsberatergremiums und wird gemeinsam mit den World Design Embassies umgesetzt.

„Der Weg in die Zukunft ist keine gerade Linie, sondern eine ständige Suche, Wanderung und Richtungsänderung“, betont Alkemade. „Bei dem Projekt geht es darum, neue Wege zu finden, die Dinge anders zu betrachten. Veränderung ist eine Kunst, die Improvisation, Kühnheit und Vorstellungskraft erfordert.”

Die Ausstellung soll den Alkemade-Essay „Die Zukunft der Niederlande. Die Kunst des Richtungswechsels“ in den physischen Raum übersetzen. Darin wirft Alkemade Fragen zum Klimawandel, Verlust der Biodiversität, aber auch Wohnungsnot, alternde Gesellschaft und Einsamkeit auf. Gleichzeitig nähert sich der Architekt, der sieben Jahre lang Partner in Rem Koolhaas Büro OMA war, möglichen Antworten an. Allen in allem ist dieses Werk ein Panorama der Herausforderungen, denen die Niederlande gegenüberstehen.

Floris Alkemade, Foto © Martin Dijkstra

Wachstumswirtschaft zerstört die Umwelt

Die Dutch Design Week 2021 greift mit „The Great Number“ eine der entscheidenden Ursachen für die derzeitige Krisensituation der Menschheit auf – das unaufhörliche wirtschaftliche Wachstum. Die Industrie produziert seit Jahrzehnten viel mehr als benötigt wird und das in immer schlechterer Qualität. Aber haben all diese Dinge, die eher früher als später im Müll landen, zu einer besseren, glücklicheren Gesellschaft geführt? Die Organisator*innen der DDW21 sind davon überzeugt, dass dies nicht der Fall ist und fordern „weniger Konsum, weniger Produktion“ – was zwangsläufig zu weniger Müll führen würde.

Die Designbranche spielt eine zentrale Rolle in einem Wirtschaftssystem, das auf Wachstum aufgebaut ist. Schließlich sind es Designer*innen, die jene Dinge gestalten, die millionenfach verkauft werden. Sie sind also ein Teil des Problems, können aber auch zur Lösung werden. Mehr und mehr Designer*innen sind sich ihrer negativen Rolle bewusst und wollen anders agieren. Sie denken über Produkte nach, die im Kreislauf geführt, über Dinge, die lokal produziert werden und über mehr Qualität statt Quantität.

Angesichts des Klimawandels ist eine Veränderung der Produktionsprozesse und Wirtschaftsweise unausweichlich. Designer*innen können an einer besseren Zukunft entscheidend mitarbeiten und sie wollen es auch. Muss nur noch die Industrie mitspielen. Aber selbst den engstirnigsten Industriekapitänen müsste mittlerweile klar sein, dass die Aktivitäten der Menschen (in ihrer milliardenfachen Masse) einen enorm und steigend negativen Einfluss auf die Umwelt haben. Richtiger Unternehmergeist wäre im 21. Jahrhundert die Dinge völlig neu zu denken und wirklich innovativ zu sein. Dazu muss man sich natürlich erst aus der Komfortzone heraus bewegen.


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