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Kaffeehauskultur – ein Design-Kosmos für sich

von Markus Schraml
Anh, Vietnam, Designing Coffee, gestalten

Kaffee ist eines der beliebtesten und weit verbreitetsten Genussmittel dieser Welt. Hergestellt aus Kaffeebohnen und Wasser wurde dieses Getränk erstmals im 9. Jahrhundert im Südwesten Äthiopiens erwähnt. Über den Jemen und die arabische Halbinsel gelangte der Kaffee ins Osmanische Reich. Um 1550 entstand das erste Kaffeehaus in Istanbul (damals Konstantinopel). Im 17. Jahrhundert wurden Kaffeehäuser in Venedig (1647), London (1652) und Wien gegründet. Angeblich ließen die Türken 1683 nach der Aufgabe der Belagerung von Wien 500 Säcke Kaffee zurück. Das war der Beginn der Wiener Kaffeehauskultur.

Erst Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Kaffee von einem Luxusgut zum Massengetränk. In der Folge avancierte Kaffee zu einem der wichtigsten Handelsgüter weltweit. Der größte Kaffeeexporteur ist heute Brasilien mit jährlich 2,7 Millionen Tonnen. Statista prognostiziert für 2023 ein Umsatzvolumen von 40,28 Mrd. Euro. Im Jahr 2025 sollen voraussichtlich 82 % der gesamten Ausgaben und 20 % des mengenmäßigen Kaffee-Konsums auf den Außer-Haus-Markt, also Bars und Restaurants entfallen.

Café „Rong Bom“ in Chiang Mai, Thailand. Foto © Panoramic Studio, Designing Coffee, gestalten 2023

Die Kaffeehauskultur hat sich in den verschiedenen Ländern unterschiedlich entwickelt und reicht vom traditionellen Wiener Kaffeehaus über Kaffee-Bars bis hin zu Kaffeehausketten mit obskuren Kaffeekreationen, die auch noch in Pappbecher zum Mitnehmen abgefüllt werden. Das Erscheinungsbild der Kaffee-Etablissements ist mittlerweile so vielfältig wie die angebotenen Kaffeesorten und Zubereitungsvarianten. Für die Autorin Lani Kingston ist dabei ein richtiger kleiner Design-Kosmos entstanden. In Kooperation mit dem Berliner Verlag gestalten hat sie ihre Faszination für das Thema Kaffee in einem weiteren Buch festgehalten. In „Designing Coffee“ richtet sie den Fokus sowohl auf die mitunter originelle Innenarchitektur der Kaffee-Plätze als auch auf den visuellen Auftritt im Hinblick auf Logos, Verpackungen etc.

Urbane Kaffeekultur

Die Liste der beschriebenen Kaffeehäuser und -bars ist lang und international. Mit dabei ist Five Elephant Coffee, eine ikonische Berliner Kaffeemarke, die von Sophie und Kris Schackman geführt wird. Ihre Verkaufsfiliale im Stadtteil Mitte wurde von Nic Warner, Architekt bei Sunst Studio, entworfen. Das Studio zeichnet auch für das Verpackungsdesign sowie Logo verantwortlich.

Buchseiten zu „Five Elephant Coffee“ in Berlin. © Designing Coffe, gestalten 2023

Coffee on the beach

Die australische Kaffeerösterei Will & Co wurde am weltberühmten Bondi Beach gegründet. Das Unternehmen befindet sich in einem renovierten Gebäude direkt am Strand und fungiert als Showroom Schulungsort, Arbeitscafé und Rösterei. Das Design scheint von Street Art beeinflusst zu sein. In Zusammenarbeit mit den Designern von Alexander & Co meisterten die Kaffeespezialisten die Herausforderung, einen im wesentlichen kommerziellen Röst- und Arbeitsbereich mit einer kundenorientierten Umgebung zu verbinden, die sowohl B2B als auch B2C anspricht. Dadurch schufen sie ein Umfeld, das sich ebenso für Bildungs- und Gemeinschaftsaktivitäten eignet.

Das Ergebnis wirkt einerseits vertraut, aber dennoch innovativ. Dieser experimentelle, hybride Raum wurde von den Künstlern Donald Judd und Rachel Whiteread inspiriert, mit zurückhaltenden Farben und Materialien. Akzente setzen freigelegte und bemalte recycelte Backsteine, blau verputzte Wände mit Fliesen, polierter Beton, braunes Leder sowie blauer pulverbeschichteter Stahl, Messing, gebeizte Eiche und Birkensperrholz.

Buchseiten zu Will & Co, Australien. © Designing Coffe, gestalten 2023

Das Bild des Windes

Das Unternehmen „September“ ist in ganz Vietnam für seine kreativ gestalteten Cafés bekannt. Eines davon befindet sich im District 4 in Ho-Chi-Minh-Stadt und heißt „The Wind Blows“. Es handelt sich um einen Raum, der ein bisschen wie ein Vogelnest aussieht. Die Architekten hinter diesem Projekt, Ben Decor und Red5Studio, haben einen Ort geschaffen, der einerseits sehr charakteristisch für die Marke ist, gleichzeitig aber auch ein neues Konzept beinhaltet. Die nestartige Atmosphäre entstand aus zwei benachbarten ehemaligen Wohngebäuden, indem sie beide Fassaden mit geschwungenen Stahlbändern umhüllten. Sie bewegen sich im Wind und stehen symbolisch für Vögel, die auf einem Ast sitzen. Dieses geschwungene Bild setzt sich auch im Inneren fort: vom Eingang, den Treppen und Wänden bis hin zu winzigen Details an Möbeln und Einbauten.

Buchseiten zu „September Café & Cake“ in Ho-Chi-Minh-Stadt, Vietnam. © Designing Coffe, gestalten 2023

Die Autorin von „Designing Coffee“, Lani Kingston, scheint eine Vorliebe für Kaffeehäuser im asiatischen Raum zu haben. Die überwiegende Zahl der ausgewählten Kaffeegenießer-Orte fand sie dort. Eine ganze Reihe von Beispielen sind auch aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion angeführt. Deutschland und Österreich werden mit nur jeweils einem Kaffeehaus aufgegriffen. Wobei in letzteren Fall nicht die Kaffeehaus-Stadt Wien, sondern Salzburg zum Zug kommt – mit dem 220Grad Rubertinum. Kingston gibt hier – ganz dem Thema des Buches entsprechend – der Architektur und der Interieurgestaltung den Vorrang vor traditionsreichen Plätzen des Kaffeetrinkens.

Das Buch erscheint am 18. April 2023. © Designing Coffee, gestalten 2023

Designing Coffee. New Coffee Places And Branding. Hrsg.: gestalten & Lani Kingston. Hardcover, fadengebunden, 21 x 26 cm, 256 S., vollfarbig. Englisch. ISBN: 978-3-96704-097-5. Verlag: gestalten.


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