Home Design Kreislauf in der Textilindustrie – nachgeprüft

Kreislauf in der Textilindustrie – nachgeprüft

von Markus Schraml
wear2wear Outdoorjacke

Mehr als 70 % aller weltweit produzierten Textilien landen auf der Deponie oder in der Müllverbrennung. Die Industriepartnerschaft wear2wear™ arbeitet dagegen an und stellt Textilien aus recyclingfähigen, sortenreinen Materialien her. An dieser Initiative sind eine Reihe europäischer Unternehmen beteiligt, die jeweils einen Beitrag in den unterschiedlichen Prozessphasen des Recyclings leisten. Ein Produkt von wear2wear™ ist eine Outdoorjacke aus PET-Flaschen und anderem Recyclingmaterial. Forscher*innen der Schweizer Materialprüfungsanstalt Empa haben diese Jacke genauer unter die Lupe genommen und eine Lebenszyklusanalyse erstellt.

An der Regenjacke fallen zwei Eigenschaften auf, die hellgrüne Farbe und ein Reißverschluss, der bis ganz nach oben in die Kapuze reicht. Annette Mark vom Textilhersteller BTK Europa (einem wear2wear™-Partner) erklärt dazu, dass dieser Reißverschluss einerseits einfach optisch auffallen soll, dass er aber auch der Recyclingfähigkeit dient. Das benutzte Garn, mit dem der Verschluss angenäht ist, löst sich nämlich in kochendem Wasser auf und lässt sich somit leichter entfernen. Auch die hellgrüne Farbe entsteht durch das Recycling: das Rohmaterial, ein Granulat aus einem Gemisch unterschiedlicher, aber sortenreiner Textilien ist dunkelgrün. Das Aufschmelzen und Ausspinnen des Materials für neue Garne führt dann zu einer Aufhellung.

Grün vor Blau

Ein Team der Empa-Abteilung „Technologie und Gesellschaft“ hat sich die Umweltauswirkungen angeschaut und dafür eine Gebrauchsdauer von vier Jahren angenommen. Das beinhaltete auch dreimaliges Waschen der Jacke. Die Forscher*innen haben zwei Exemplare verglichen. Eine ohne kreislaufwirtschaftliche Methoden produzierte Variante, die „Startversion“ der seit 2019 erhältlichen Jacke in blauer Farbe – mit einer Außenschicht aus Polyester, das aus dem Material gebrauchter PET-Flaschen stammt – und die grüne Version aus dem nachfolgenden Recycling-Prozess, in der unvermeidliche Materialverluste durch neues Polyester ersetzt wurden.

Die blaue Jacke ist die „Startversion“, während die hellgrüne Jacke aus dem weiteren Recyclingprozess stammt. © Schoeller Textil AG

Je mehr Zyklen, desto besser

Die Analysen zeigen, dass das Recyclingprodukt besser abschneidet: in elf untersuchten Umweltrisiko-Kategorien, darunter Erderwärmung, Toxizität für Ökosysteme und Wasserknappheit. Auffällig große Vorteile fanden die Forscher*innen bei der Luftverschmutzung, weil ohne Verbrennung weniger Schadstoffe freigesetzt werden. Sowie bei der Wasserknappheit, vor allem bei der grünen Jacke nach der ersten Recycling-“Schleife“, für die keine PET-Flaschen mehr verwendet werden. Beim Treibhauseffekt liegt der maximale Umweltnutzen bei gut 30 %. Eine weitere Erkenntnis ist, dass die Verwendung von PET-Flaschen für die Bilanz keine großen Vorteile bringt. Entscheidend sei dagegen die Zahl der Recycling-Durchgänge zu immer neuen Jacken. Denn die Bilanz verbessert sich von Jacke zu Jacke – vorausgesetzt, die Qualität des Polyesters bleibt hoch genug.

Die grüne Farbe kommt im Zuge des Recyclingprozesses zustande. © Schoeller Textil AG

Recyclingmaterial sehr unterschiedlich

In der Praxis ist das anspruchsvoll, erklärt Annette Mark, weil sich je nach Herkunft das Rohmaterial teils erheblich unterscheidet. Wurden die Fasern zum Beispiel mit bestimmten Hilfsstoffen beschichtet, können die Düsen der Spinnmaschinen verstopfen. Im Allgemeinen sinkt die Qualität mit der Anzahl der Rezyklierungen: Die Struktur des Garns wird zunehmend unregelmäßiger und die Festigkeit geringer.

Mark bezeichnet das Ergebnis der Empa-Untersuchung als nützlich und beide Parteien betonen die Wichtigkeit einer offenen Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. „Die Textilbranche ist im Umbruch. Es findet ein Umdenken statt, das wir nicht verpassen sollten“, weiß Annette Mark. Dabei hätten Großkonzerne, die bereits ähnliche Produkte entwickeln, ganz andere Möglichkeiten. Immerhin seien Gespräche mit einem Hersteller von Sportbekleidung im Gange – für eine Fleece-Jacke.

Weniger Mikroplastik freisetzen

In Bezug auf Textilien aus Polyester haben Empa-Expert*innen auch die Entstehung und Freisetzung von Mikroplastikfasern untersucht. Dabei fanden sie heraus, dass diese schädlichen Teilchen vor allem an den Stoffrändern freigesetzt werden. Das hängt unter anderem aber auch von der Art der Faser, der Oberflächenbehandlung und der Art des Schneidens ab. Zum Beispiel werden aus lasergeschnittenen Textilien deutlich weniger Fasern freigesetzt. Die Empa forscht mit Industriepartnern daran, die Entstehung dieser Fasern bei der Herstellung weiter zu verringern.


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