Home Creation Man muss nur wollen – Harald Gründl (EOOS) über Kreisläufe und Utopien
Harald Gründl im Interview

Man muss nur wollen – Harald Gründl (EOOS) über Kreisläufe und Utopien

Im Rahmen der Vienna Biennale for Change zeigt das Museum für Angewandte Kunst in Wien (MAK) unter anderem die Ausstellung „Klimawandel! Vom Massenkonsum zur nachhaltigen Qualitätsgesellschaft“, die vom Wiener Designstudio EOOS gestaltet wurde. Dabei werden nicht nur Fragen nach notwendigen Verhaltensänderungen der Menschen gestellt, sondern auch mögliche Lösungswege aufgezeigt. Dies tun die Designer mit einem Ausstellungsaufbau, der die Zukunft fassbar macht. Angreifen erlaubt! Mit dem SOV (Social Vehicle), einem Elektro-Leichtfahrzeug kann gefahren werden, der Kühlschrank (Greenfreeze 2) besteht aus Holz und Schafwolle und funktioniert, das spekulative Design der Küchenkuh untersucht die Möglichkeiten, aus Nahrungsabfällen Energie zum Kochen zu gewinnen und im Lunar Lander wird Urin in Strom verwandelt. Es sind diese konkreten, funktionierenden Aufbauten, die der Ausstellung enormen Zuspruch bescheren.

Die Arbeit von EOOS zeichnet sich durch intensive Recherchen und systemische Herangehensweisen aus. Die optimalen Voraussetzungen für eine kritische Auseinandersetzung mit Massenkonsum und der Frage danach, wie wir mit Produkten umgehen. Martin Bergmann, Gernot Bohmann und Harald Gründl beschäftigen sich bereits seit vielen Jahren mit Zukunftsthemen und haben im Zuge ihrer Arbeiten zur Strömetrennung bei Toiletten international Projekte umgesetzt. Im formfaktor-Interview spricht Harald Gründl über Kreislaufwirtschaft, angstfreie Zukunftsdiskussionen und über Veränderungen, die erst aus der Not heraus passieren.

 

formfaktor: EOOS hat die Ausstellung „Klimawandel!“ für die Vienna Biennale im MAK gestaltet. Was war Ihnen beim Aufbau der Ausstellung besonders wichtig?

Harald Gründl: Was bei dieser Ausstellung methodisch wichtig war, ist, dass wir uns selbst absichtlich in diese Richtung begeben. Dieses nicht genau wissen, wohin das geht, ernst zu nehmen und sich mit Rüstzeug auszustatten – wie zum Beispiel Design für Kreislaufwirtschaft – sich einfach mit Prinzipien auszustatten und mal in diese Richtung zu gehen, Ich glaube, eine wichtige Grundbedingung für die Ausstellung ist auch, dass es sehr konkrete Objekte sind, die wir heute aus dem Massenkonsum kennen und wo alle Menschen auch einen emotionalen Zugang dazu haben. Bis auf die Mondlandefähre vielleicht (lacht), aber zum Pinkeln auf jeden Fall. Und hier zu versuchen, von dem, wie es jetzt ist, wegzugehen und sich zu überlegen, wie könnte das anders sein. Wir haben ja als Designbüro auch immer einen sehr direkten Industrie-Kontext. Die Ausstellung gab jetzt seit Langem einmal wieder, in einem doch recht großen Umfang, die Möglichkeit, ohne Markterfordernisse und -bedingungen, ein paar Dinge anders durchzudenken.

formfaktor: Wie müsste sich unser Way of Life ändern, die Produktionsprozesse, das Wirtschaften?

Die Ausstellung stellt neben einigen Lösungsvorschlägen auch eine ganze Reihe von Fragen. Vom Ausstellungs-Set-Up her ist es ein ritueller Kreis mit einer strichlierten Linie. Und an einer Stelle steht, dass man hier in die Zukunft tritt. Das ist ja ein typisches EOOS-Thema: das Archaische und das Technologische. Und die Botschaft ist eigentlich, einen Raum zu schaffen, wo wir über die Zukunft nachdenken können. Das kann jetzt ein Museum leisten, muss es nicht unbedingt. Was wir merken, ist, dass die Diskussion über die Zukunft mit sehr viel Spannungen geführt wird, mit Vorwürfen, mit Aussichtslosigkeiten. Die Akteure argumentieren aus ihrer jeweiligen Position heraus, warum der Wandel jetzt nicht möglich ist, wer auf wen wartet und was zuerst passieren muss. Vielleicht haben wir hier eine Taktik, um eine Verhandlungsposition zu kreieren, wo sich die Akteure treffen können – im idealsten Fall -, um gemeinsam über die Zukunft nachdenken zu können – ohne Angst. Das hat auch ein bisschen etwas Utopisches.

formfaktor: Welche Rolle haben Designer*innen in diesem Nachdenken über die Zukunft?

Was Designer und Designerinnen können, ist, die Zukunft ein bisschen ins Jetzt hereinzuholen und Dinge vorzustellen. Das war auch ein wichtiger Ansatz bei der Ausstellung: Wenn man den Kühlschrank aufmacht, ist es drinnen kalt und das Auto kann fahren. Das bringt mehr Überzeugungskraft in diesen Raum. Und auch, dass es eine Designausstellung ist, wo man die Dinge angreifen darf. Das macht auch die Zukunft angreifbar. Da kann man nicht sagen: Das haben die sich jetzt so ausgedacht, weil es funktioniert ja. Es gibt im Design den Begriff des spekulativen Designs. Wir haben allerdings unsere Spekulation ganz nah an die Realität herangebracht. Mit dieser funktionalen Brücke, wo man zum Beispiel mit der Hand hineingreift und es ist innen kalt. Dieses Heranbringen der Zukunft halte ich schon für eine wichtige Designaufgabe. Alternativen in den Raum zu stellen. Das wir sehen, dass die Massenproduktion zwar das vorherrschende Paradigma ist, aber es gäbe auch andere Möglichkeiten, etwa einen Kühlschrank zu produzieren oder Mobilität sicherzustellen. Um noch mal zu diesem schamanistischen Aspekt zurückzukommen: Das Küchenprojekt zeigt uns einen der wichtigsten biologischen Kreisläufe und noch dazu einen, der keine Verluste hat, weil wenn man kompostiert, geht ein Teil der Energie sozusagen in die Luft und wir fangen sie auf, mit dieser Biogas-Küchenkuh. Insofern hat Design eine wichtige Rolle, uns zurückzubringen zu diesen ganz elementaren Zusammenhängen und unsere Entwurzelung rückgängig zu machen. Aber nicht mit primitiven, einfachen Objekten, sondern das kann auch mit Technologie passieren.

formfaktor: Es geht also darum, Dinge, die auf den ersten Blick unvorstellbar scheinen, greifbar zu machen und alternative Möglichkeiten aufzuzeigen.

Ich glaube, das ist uns gelungen. Ich hätte zum Beispiel nicht gedacht, dass die Küchenkuh derartigen Zuspruch hat. Es gibt schon auch Einwände, das ist ja gut. Es müssen nicht alle bei allem nicken. So ist es nicht gedacht. Es soll einen diskursiven Effekt haben. Wir wollen nicht, dass die Leute sagen, ja, so machen wir das in Zukunft, sondern, so haben wir das im Alltag bisher gemacht und jetzt…? Wir zeigen zum Beispiel, dass man Dinge auch lokal produzieren kann, dass Objekte, wo man das nicht denken würde, teil einer Bioökonomie sein können, wie der Kühlschrank, der aus Holz und Schafwolle besteht. Es hat auch mit Überzeugungsarbeit zu tun. Dieser Begriff der Qualitätsgesellschaft, den hat ja niemand definiert für diese Ausstellung, sondern das ist einfach ein Begriff, der uns in eine andere Richtung lenken soll und uns aus dieser Verzichtsdiskussion herausbringen soll. Wir waren auch bei diesem Climate Kirtag, wo die Greta Thunberg war und der Schwarzenegger und EOOS hat dort zwei Objekte aus der Ausstellung auf eine andere Weise dupliziert. Die Küchenkuh war dort so eine Ikea-artige Installation basierend auf einem sehr simplen Objekt vom schwedischen Inneneinrichter. Der Kühlschrank war mit Laser geschnitten und selbst gebaut. An diesen Beispielen sieht man, das kann in ganz unterschiedliche Richtungen gehen. Vielleicht ist das auch wichtig, dass ein Kühlschrank nicht in einer Reihe mit 30 anderen Weißwaren-Dingern steht, sondern, dass wir wieder erkennen, zum Beispiel die Qualität von lokaler Handarbeit oder von Langlebigkeit. Wir schmeißen ja oft Dinge weg, weil der Servicetechniker sagt, die Reparatur dieses Kühlschranks kommt teurer als die Neuanschaffung. Das ist vollkommen unnötig. Und das zeigen wir auch, dass man zum Beispiel einzelne Teile auch auf simple Art austauschen kann.

 

formfaktor: Kommen wir zur Toilette. Das war ja ein Prozess, ein Weg von Reinvent the toilet über die Urin Trap bis zur Zusammenarbeit mit Laufen für die save!-Toilette.

Die Weichenstellung ist vor ungefähr zehn Jahren passiert. 2008 in der Finanzkrise haben wir bei EOOS begonnen, einen neuen Designbereich aufzumachen, der sich mit Zukunftsthemen beschäftigt. Aus dem heraus entstand die Zusammenarbeit mit der EAWAG und aus dem heraus am Ende auch diese neue Toilette.

formfaktor: Was waren damals die grundlegenden Fragestellungen?

Wir sind ja erfolgreich, indem wir sehr spezifische Produktgestaltungsaufgaben übernehmen. Badewannen zum Beispiel. Was man aber normalerweise nicht fragt, ist, wo kommt das Wasser her, wie wird es warm gemacht – systemische Fragen also. Aus diesem systemischen Zugang, der ein wesentlich höheres Innovationspotenzial hat, haben wir dann Partner gesucht, die sich genau mit diesen Fragen beschäftigen. Und da sind wir damals eben auf die EAWAG gestoßen. Dann wurde vor fast 10 Jahren an uns die Bitte herangetragen, wir sollen doch eine Urin-Separations-Toilette machen. Schon davor entstand die Kooperation mit der Gates-Stiftung für diesen eingeladenen Wettbewerb. In der letzten Phase dieses Projekts haben wir einen eigenen Grant bekommen, mit dem wir dann nur am Nutzer-Interface dieser Toilette, die die Stoffströme trennt, gearbeitet haben.

formfaktor: Das Projekt Blue Diversion Toilet läuft ja konkret weiter. Wie ist derzeit der Status Quo?

Wir sind gerade wieder im Feld. Wir sind in Durban in Südafrika. Das Ziel dieses Projekts und der Gates-Foundation ist eine Familientoilette, die Abwasserprobleme mittels Hochtechnologie löst. Unsere Aufgabe dabei ist, einerseits diese Technologien von der Systemarchitektur her zu koordinieren und andererseits das Gesicht dieser Technologie so herzustellen, dass es die Menschen annehmen. Sie wollen eben nicht eine Maschine sehen, sondern eine Toilette oder ein Badezimmer. Und wie geht man damit um, dass dort vielleicht doch nicht so viel Wasser ist, das es hygienisch ist. Das ist unsere Aufgabe. Das Ganze läuft ja seit 2011 und da gab es eine Reihe von Technologien, die mittlerweile nicht mehr im Portfolio sind und diese Technologie ist eben über diesen langen Zeitraum im Portfolio geblieben. Jetzt, in dieser Phase wird nach einem Industriepartner gesucht. Die Gates-Foundation selbst stellt ja keine Toiletten her.

formfaktor: Was sagen Sie zu der Tatsache, dass z.B. in Österreich die Klospülungen mit Trinkwasser betrieben werden?

Das ist eine schwierige Diskussion, weil wir immer wieder hören, wir haben eh genug Wasser. Problematischer als das finde ich die Tatsache, dass wir unsere Fäkalien mit viel Wasser zu einer Kläranlage bringen. Die Trinkwasser-Frage ist in einem Land, in dem es derweil noch in den meisten Gebieten genug Wasser gibt, nicht vordringlich. Man braucht allerdings nicht weit aus Wien hinausfahren, zum Beispiel schon im Marchfeld gibt es dann nicht mehr so viel Wasser. Und die Landwirtschaft hat schon jetzt Wasser-Probleme. Es ist leider so wie immer, wir warten darauf, bis wir aus der Not heraus gezwungen sind, das doch anders zu machen. Unsere Vision ist, – und die ist von der Blue Diversion inspiriert – dass wir möglichst Dinge im Kreis führen. Oder kaskadisch im Kreis führen. Wir müssen von diesem Weg wegkommen: Das kommt aus dem Berg, wir bringen das hierher und danach in die Kläranlage. Dass wir versuchen, mit Wasser besser umzugehen. Zum Beispiel Grauwasser, da kann man ein paar Mal damit Geschirrspülen, bis es an Qualität verliert. Mit Grauwasser könnte man wunderbar die Toiletten spülen. Das wäre ziemlich simpel und Lowtech.

formfaktor: Aber grundsätzlich geht es doch darum, ganze Systeme zu verändern.

Ja, es ist sicher nicht eine Veränderung von Produkten. Das ist wahrscheinlich auch die Schwierigkeit dieser Übergangsphase, dass die Leute jetzt im Supermarkt einfach nur die richtigen Dinge kaufen möchten. Das ist leider nicht so. Es sind systemische Veränderungen, die nötig sind.

formfaktor: Kommen wir noch mal kurz zur Urin Trap. Hier werden Urin, Wasser und feste Stoffe getrennt. Aus dem Urin kann Dünger hergestellt werden, aber Wasser und Fäkalien wandern noch in den Abfluss.

Das ist eine Übergangsphase, sagen wir es so. Im save!-Katalag wird auf einer Grafik die Trennung der drei Ströme gezeigt, das verwirrt manche. Aber in einer nächsten Stufe kann das passieren. Dann schaut die Sache wieder anders aus. Die Abtrennung des Urins in der Kloschüssel und das Nichtvermischen ist der wichtigste Akt. Auch hier geht es – wie in unserer Ausstellung – um Kreislauf-Denken. Sozusagen als neues Paradigma und nicht nur im Design. Es ist ein völliger Wahnsinn: Wir nehmen die Nährstoffe über die Nahrung auf und einen Großteil scheiden wir dann wieder aus. Dass man diese Nährstoffe wieder zurück in die Landwirtschaft bringt, ist irgendwie total logisch. Dazwischen braucht es schon Technologien – man kann das nicht einfach so hinausgießen. Dazu ist unser Urin nicht mehr rein genug – mit Medikamenten belastet etc.

Stoffstromtrennung hilft beim Problem des übermäßigen Stickstoffeintrags durch Abwässer. Das Video zeigt die Funktionsweise der Urin Trap von EOOS.

 

formfaktor: Für die diesjährige Triennale in Mailand haben Sie die Installation „Circular Flows: The Toilet Revolution“ gestaltet. Braucht es eine Revolution, um alteingesessene Abläufe und Prozesse zu verändern? Denn das Tempo der Veränderung scheint eher gemächlich zu sein.

Man muss halt mal anfangen. Wir waren bei BIG in New York und hatten dort eine kleine Präsentation auch von save!. Das ist auch ein verhaltensauffälliges Architekturbüro zum Thema Nachhaltigkeit. (lacht) Der Partner von Bjarke Ingels hat das gut gesagt: So wie damals mit den Aufzügen, wo die Leute gefragt haben: Und wie baue ich das in mein Haus ein. Man baut das nicht nachträglich ein, man baut sie ab dann in Häuser ein, die dann auch anders funktionieren. Neue Technologien brauchen in der ersten Umsetzungsphase den richtigen Kontext. Wenn in Paris ins Agrarland riesige Stadterweiterungsgebiete reingesetzt werden, dann ist das völlig logisch, dass das ein gutes Anwendungsfeld ist. Oder wenn man Siedlungsgebiete hat, deren Abwasseranlagen eh schon am Limit sind, dann kann man sie ohne größere Infrastrukturmaßnahmen ressourcenschonend vergrößern.

EOOS ist immer Ancient und Hightech. Harald Gründl (EOOS)

formfaktor: Ich nehme an, große Partner sind eine wichtige Hilfe?

Ja, und das ist auch das Glück, dass Laufen hier wieder die Rolle eines Innovationsführers übernommen hat, weil die natürlich auch Zugang zu diesen Büros haben. In dem Fall wird das wahrscheinlich auch von oben ein bisschen runtersickern. Während wir natürlich gleichzeitig mit der Gates-Foundation versuchen, in den Entwicklungsländern etwas zu tun. Das Abwasserproblem wird man zum Beispiel in Durban, das ist ein riesiges Gebiet, nie und nimmer mit einem zentralen Abwassersystem lösen können. Und in diesen unzähligen informellen Siedlungen, die unfassbar schnell größer und größer werden – auch nicht.

formfaktor: Das heißt, das Problem muss sozusagen an der Quelle angegangen werden.

Die Gates-Foundation möchte eine Toilette wo nichts rein und nichts raus geht – also kein Strom und kein zusätzliches Wasser. Im Grunde geht es der Gates-Foundation um die Gesundheit der Menschen. Bei der Geschichte mit Laufen und save! geht es eher um die Gesundheit der Umwelt. Das schließt sich gegenseitig nicht aus, aber hat unterschiedliche Geschäftsmodelle am Anfang. Klar ist es super, wenn BIG mitmacht, aber es ist auch super, wenn die südafrikanische Regierung in größerem Umfang nach Urin-Separations-Toiletten fragt. Weil dann gibt es plötzlich auch Hersteller, die das machen wollen. Das heißt, nicht nur Design und Medien haben hier wichtige Rollen, sondern auch die Politik. Und das ist eine gesellschaftsrelevante Frage, weil für die Politik sind wir letztendlich alle verantwortlich.

formfaktor: EOOS ist quasi auf Promotiontour in Sachen Toilette: bei der Triennale, beim Salone in Mailand, bei BIG…

Wir haben vorher kurz über die Rolle von Design geredet. Vielleicht ist es auch das. In Zeiten, wo wir nicht laut genug nach Veränderung rufen können, da auch ganz persönlich laut zu sein, aber gleichzeitig auch Lösungen zu präsentieren. Das ist schon wichtig. Den Leuten nur zu sagen: Das nicht und das nicht und das nicht, man muss ihnen schon auch Lösungen anbieten. Gerade die Ausstellung im MAK nimmt die Angst, dass wir in Zukunft wieder in einer Höhle sitzen werden. Wir brauchen vielleicht nicht mehr mit Autos herumfahren, die zwei Tonnen schwer sind und 700 Kilo Batterie drinnen haben. Das ist wirklich ein Blödsinn.

 

formfaktor: Was sind oder wären weitere Entwicklungsschritte in Sachen Strömetrennung und Nährstoffrückgewinnung?

Ein gutes Beispiel ist unser Forschungspartner EAWAG in der Schweiz. Auf dem dortigen Campus der EMPA, das ist eine Versuchsanstalt, die auch zu diesem ETH-Bereich gehört, gibt es ein experimentelles Gebäude, das heißt NEST. Dort sieht man, wo das hingehen kann. Jeder einzelne Strom hat ein eigenes Rohr. Da kann man dann natürlich sinnvolle Dinge machen. Man kann aus dem Urin Dünger erzeugen, man kann das Grauwasser wieder aufbereiten, Regenwasser kann man als Spülwasser verwenden. Man braucht eine etwas ausdifferenziertere Infrastruktur, aber zum Beispiel in Hongkong wird mit Salzwasser gespült, weil Hongkong hat, glaube ich, weltweit am wenigsten Wasser. Man kommt dann meistens auch aus der Not auf andere Lösungen, die auch funktionieren könnten. Wir brauchen für jeden Wandel, scheint es, immer eine Not und dann geht‘s. Meine Metapher für Gebäude ist, wie wir lange Zeit auch mit Autos umgegangen sind: Jeder wusste, dass es da Emissionen und Feinstaub gibt und irgendwann hat man dann Katalysatoren und Filter eingebaut. Und das wird bei Gebäuden auch irgendwann so sein. Man wird dann sagen, ein Gebäude soll nicht so viel Energie verbrauchen. Dafür braucht es dann auch die Politik. Unsere Rolle dabei ist, eine Systemkomponente zu liefern, die Technologien ermöglicht, die bisher nicht funktioniert haben. Zum Beispiel bei der Urintrennung. Wasser und Fäkalien kann man mit relativ simplen Mitteln trennen – durch Hydrozyklone. Aus den Fäkalien kann man dann unterschiedliche Dinge machen: Erde zum Beispiel oder Biogas oder man verbrennt es. Da gibt es viele Möglichkeiten, man muss nur wollen. Oder diese Wasserwand, die wir in der Blue Diversion Toilet drinnen haben, die kann aus einem Wasserstrom von einer Toilette wieder Handwaschwasser aufbereiten. Durch eine Ultrafiltrationsmembran, die biologisch aktiviert ist und dann kommt es in einen Reinwassertank, der noch chloriert wird. Die Blue Diversion Toilet ist für zehn Personen gedacht und kann bis zu 300 Liter Wasser pro Tag aufbereiten. Das finden alle total sinnvoll, wenn man das in einem Slum hat. Ich fände es super, wenn man das auch sinnvoll finden würde, wenn es in Zürich in einem Wolkenkratzer steht.

Design hat immer mit Wünschen und Ängsten zu tun. Harald Gründl (EOOS)

Wir sind derzeit in Südafrika mit einem Hersteller von Kunststofftoiletten in einem sehr intensiven Entwicklungsprozess, um für das Pilotprojekt in Durban 300 Toiletten zu machen. Eine Siedlung, die von der Regierung armen Menschen kostenfrei zur Verfügung gestellt wird. Man muss aber nicht nach Afrika fahren, um Gutes zu tun. Das hat sich in dem Fall so entwickelt, aber man braucht nicht weit fahren. Da reicht ein Straßenbahnticket auch. Nächste Projekte ergeben sich sicher auch aus der Ausstellung im MAK, die erfreulicherweise ein sehr starkes Echo hat. Jetzt wollen wir versuchen mit der Politik, – die Kofinanzierung kam ja vom Nachhaltigkeitsministerium – in einem politischen Kontext mit einem Workshop weiterzugehen. Wir werden mit dem Mobilitätskonzept einen Workshop in Aspern machen, mit dem Mobilitätslabor der TU Wien. Und wir hatten einige Kontakte mit Interessierten, die das für den ländlichen Bereich als interessante Art der Arbeit sehen und das eine oder andere Projekt machen wollen, das wir vorgeschlagen haben. Das ist, wie wir damals gesagt haben, es könnte interessant sein, etwas im Sanitärbereich zu machen. Aber was passiert, wenn man nicht zu Laufen oder zu Duravit geht, sondern wenn man Grundlagenwissenschaftlern anbietet, ihnen mit Design weiterzuhelfen. Es passieren neue Dinge, wenn man neue Kontexte sucht. Es passieren neue Dinge, wenn man sich in komplexere Gesamtsituationen hineinbegibt.

 

formfaktor: Hat sich in dieser Beziehung die Arbeit von EOOS vom reinen Produktdesign hin zu Design, das viel weiter geht, im Lauf der Jahre verändert?

Ich glaube, die Arbeit von EOOS war immer schon bei komplexeren Projekten von einer manchmal doch recht aufwendigen Recherchephase getragen. Zum Beispiel bei der Küche, wo wir wirklich mehrere Jahre geforscht haben, um uns diesem Thema anzunähern. Und dieses Thema jetzt, wie sind Dinge gemacht, woraus bestehen sie und wie schaffen wir es, die Menschen für die Kreislaufwirtschaft zu begeistern, ohne ihnen das jetzt vorzuschreiben. Es geht um Produkte, die einfach logischer sind. Wenn man einem Menschen erklärt, dass wir im Jahr statistisch 20 Kilo Elektroschrott pro Person wegwerfen, sagt jeder: Nein, ich nicht! Aber es ist einfach so. Und 60 Prozent davon sind Elektrogroßgeräte. Wir müssen einfach eine Form finden – und hier kommen wir wieder zum rituellen Kreis zurück – wo uns das Spaß macht, wo wir Freude haben und wo wir angstfrei verhandeln können, wie wir in Zukunft leben wollen. Design kann hier eine Rolle spielen – aber nicht nur.

formfaktor: Was empfehlen Sie jungen Designer*innen, die am Anfang ihre Berufslaufbahn stehen? Was war für EOOS in der Frühzeit wichtig? Was hat EOOS so weit gebracht?

Harald Gründl: Uns hat der Traum so weit gebracht. Wir haben wirklich davon geträumt, irgendwann etwas für Bulthaup zu machen, oder in einer Firma zu sein, wo George Nelson oder Charles Eames waren. Und offensichtlich haben wir das zu dritt stark genug geträumt. Was gut ist am Anfang – das ist jetzt vielleicht kein Tipp aber eine Erkenntnis, ist, dass, wenn man wüsste, wie aussichtslos und kompliziert das Ganze ist, würde man es gleich hinschmeißen. Ich meine, wir sehen das ja auch in den Firmen, wo wir erfolgreich sind, wo ganz viele Menschen etwas machen wollen, Etablierte und nicht Etablierte. Diese spezifische Art von Design, die wir machen, wo wir mit fünf oder zehn Leuten gemeinsam arbeiten, das ist ja wie ein Rennstall in der Formel 1. Es gibt ein Auto, das ist gut und dort sitzt der erste Fahrer drinnen. Und wir hatten das Glück bei manchen Firmen als erster Fahrer drinnen zu sitzen. Aber dann gibt es ja auch zweite Fahrer und Fahrer, die fahren, wenn keiner zuschaut. Mein Tipp wäre, sich das Design in der Zukunft nicht so vorzustellen, wie wir das heute sehen, sondern irgendwie anders. Ich glaube, das könnte erfolgreich sein, dass man eine neue Rolle von Design für sich findet.

Die Idee von EOOS war nicht, dass es einer, zwei oder drei ist, sondern ein Vierter, den wir nicht kennen. Harald Gründl

Das, was uns wirklich in ganz andere Dinge gebracht hat, war, den Kontext ganz bewusst zu verändern. Dann erlebt man Neues und kann sich wirklich selbst fast neu erfinden. Oder einfach noch wirksamer werden, und um das geht es heute. Wie wir begonnen haben, hatte die Welt noch ganz andere Probleme als heute, das muss man auch sehen. Jeder hat in dem, wo er gerade steht eine Rolle. Wenn ich hier jetzt aus der Tür rausgehe und Konsument bin, habe ich genauso eine Rolle. Wir haben immer davon geträumt, mit diesen herausragenden Firmen und Kunden zu arbeiten und nach 10 Jahren Adidas und Armani konnten wir dem Bill Gates die Hand schütteln. Einerseits hat das schon eine Kontinuität, aber gleichzeitig auch bewusst herbeigeführte Brüche. Mein Tipp wäre, sich die Welt einfach anders vorzustellen, dafür zu kämpfen und seine Rolle zu finden.

 

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