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New Sahco Collection: Vincent van Duysen und Anna Ebbesen im Talk

by Markus Schraml
Neue Sahco-Kollektion

Im Mai 2018 übernahm der dänische Textil-Riese Kvadrat das deutsche Traditionsunternehmen Sahco und fügte damit seinem Portfolio an starken Marken eine weitere hinzu. Selbstbewusst bezeichnet Anders Byriel, CEO von Kvadrat, den Erwerb von Sahco, einer der ältesten Textilmarken der Welt, als einen hervorragenden strategischen Schritt. Die Expertise und das Know-how, die Sahco seit der Gründung 1831 im Süden Deutschlands aufgebaut haben, sei für Kvadrat sehr wertvoll. Neben diesem Erbe fehlte es dem Unternehmen aber ein wenig an Kreativität, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern, sagt Byriel in seiner Einleitung zum Talk im Design Centre Chelsea Harbour in London im Rahmen der Eröffnung des ersten Kvadrat at Home-Showrooms vergangenen September, der vom belgischen Architekten Vincent van Duysen gestaltet wurde. Um der Marke Sahco einen kreativen Schub zu verleihen, wurden die langjährige Kvadrat Design Koordinatorin Anna Vilhelmine Ebbesen als Designdirektorin und eben Vincent van Duysen als Art Director zusammengespannt und mit der Arbeit an den ersten 12 neuen Kollektionen unter dem Kvadrat-Schirm beauftragt.

Nun wurde im Rahmen der diesjährigen Paris Déco Off die neue Kollektion „Echoes“ vorgestellt. Sie ist inspiriert von Elementen aus der Geschichte und einer Vision für die Zukunft. Die Echos aus der Vergangenheit werden mit den Augen der Zeitgenossen betrachtet und münden in einem kontrastreichen Spiel aus schweren und Leichten Geweben, satten Texturen und Transparenz. Luxus evozieren feiner Samt, elegante Moirés und Jacquard-Chenilles, während glasierte Baumwolle und irisierende Tafte für Modernität sorgen. Zeitgemäße Textilien, die von bildender Kunst inspiriert sind stehen neben Stoffen, die von Wandverkleidungen aus der Renaissance oder von antiken japanischen Kimonos beeinflusst sind. Die Farbpalette vermittelt harmonische Natürlichkeit. Braun- und Beigetöne, Tabak- und Elfenbeinfarben bilden die Basis, auf der Akzente mit Aquamarinblau, Minzgrün und Karamell gesetzt werden. Die Kollektion spiegelt die Stärken der Marke Sahco wider, die in einer Mischung aus Klassik und Moderne liegen.

Anna Ebbesen und Vincent van Duysen sprachen letzten Herbst in London über die neue Kollektion für Sahco zu einem Zeitpunkt, an dem die beiden mitten in der kreativen Arbeit steckten. In diesem lockeren Talk wird schnell klar, dass die beiden großen Spaß an ihrer Zusammenarbeit haben. Außerdem gewähren sie seltene Einblicke in den durchaus anstrengenden kreativen Prozess, wenn es darum geht, eine Stoffkollektion von Grund auf neu zu kreieren.

 

Die Textilexpertin und der Architekt

Anna Ebbesen: Als Sahco zu Kvadrat kam, dachten wir viel über Persönlichkeit nach und über die Verbindung zu einer Vision, die dem Ganzen zugrunde liegt. Wichtig ist natürlich die Professionalität, die Vincent einbringt. Ich bin eine große Bewunderin seiner Arbeit und wir sahen die Möglichkeit einer sozusagen Konversation über die kreative Zukunft von Sahco. So hat es begonnen.

Vincent van Duysen: Ich kannte die Marke Sahco bereits seit vielen Jahren. Als ich mein Architekturstudium in den späten 80er Jahren absolviert hatte, ging ich nach Mailand, um zu arbeiten. Als ich nach Belgien zurückkam, arbeitete ich vier Jahre lang mit Dekorateuren – 2 Jahre in Brüssel und 2 Jahre in Antwerpen. Als junger Architekt wollte ich unbedingt mehr darüber wissen, wie Menschen in ihren Häusern leben. Ich arbeitete dort als Architekt, aber ich öffnete natürlich meine Augen und sah Materialien, Stoffe, Texturen usw. Sahco war in den späten 80er Jahren super High-End. Sie hatten wunderschöne Kollektionen. Es gab besonders einen Stoff, den ich sehr mochte, der aus sehr fester Wolle bestand und schöne monochrome Farben hatte. Den habe ich damals sehr oft verwendet. Als ich dann meine eigene Firma startete und mehr und mehr auch Wohnprojekte umsetzte, war ich es gewohnt, Stoffe einzusetzen, was für einen Architekten sehr ungewöhnlich ist. Ich bezeichne Stoffe immer als Weichmacher für die Architektur. Ich glaube, das ist sehr wichtig, weil wir alle ein wenig Softness in unserem Leben brauchen. Viele Architekten fürchten sich davor, weil sie es für dekorativ halten. Und sie wollen keinesfalls mit dem Wort Dekoration in Verbindung gebracht werden. Ich hingegen glaube, dass dies sehr wichtig ist, weil es meine Arbeit als Architekt komplettiert. Ich möchte mich nicht auf die strukturellen Elemente des Raums beschränken. Ich kreiere Räume für Objekte, für Menschen, in denen sie leben. Und Stoffe spielen hier eine unglaublich wichtige Rolle. Als ich vor drei Jahren Kreativdirektor von Molteni wurde, begegnete mir Kvadrat wieder und vor allem die Arbeit von Raf Simons, den ich sehr gut kenne. Kvadrat war mir natürlich schon vorher ein Begriff, weil viele Architekten verwenden Textilien von Kvadrat nicht nur in ihren Wohnprojekten, sondern auch in größeren öffentlichen oder Bürogebäuden. Wir hatten diesen Event bei Molteni, wo es darum ging, eine Installation zu machen, die mit der Welt von Gio Ponti in Verbindung stand. Und zwar mit Stoffen von Kvadrat. Die Installation wurde in der Londoner Brompton Road aufgebaut und war sehr erfolgreich. Bei dieser Gelegenheit traf ich natürlich auch Anders und Anna – das war vor 2 Jahren – und wir hatten eine Konversation, wo es nicht nur um die gegenseitige Wertschätzung ging, sondern wo wir feststellten, dass wir viel mehr gemeinsam hatten. Zum Beispiel in Bezug auf Kunst. Wir sammeln beide Kunst. Es war ein sehr tiefgehendes Gespräch über viele viele Dinge. Und einige Zeit später klingelte es an meiner Tür und es ging um Sahco, dieser tollen Marke mit einer fast zweihundertjährigen Geschichte. Ich wurde gefragt, ob ich nicht die Art Direction übernommen wolle. Sie kannten natürlich mein Faible für Interieurs und Stoffe, aber darüber hinaus komme ich aus Flandern, wo es eine lange Tradition im Stoff-Geschäft gibt – mit vielen Webern und Teppichknüpfern. Sogar mein Vater kam aus der Teppich-Industrie. Ich war also seit meiner Kindheit mit Textilien vertraut. Als ich nun gefragt wurde, dachte ich, ich habe noch nie etwas in der Stoff- oder Textilindustrie gemacht, jetzt ist der richtige Moment. Machen wir etwas.

Anna Ebbesen: Ich glaube, es ist extrem wichtig, unterschiedliche Einflüsse zu haben, um fähig zu sein, Dinge neu zu denken und neu zu machen. Sahco brauchte eine kreative Injektion. Dafür muss man die Dinge allerdings völlig neu betrachten und neu angehen. Man macht nicht einfach, was man normalerweise tut, sondern man hinterfragt etwa Farben oder Texturen ganz grundsätzlich.

Vincent van Duysen: Ja, genau.

Anna Ebbesen: Es ist ein permanenter Dialog. Etwas Neues, Reichhaltiges und anderes entsteht nicht von selbst, sondern durch einen ständigen und intensiven Austausch.

 

Vincent van Duysen: Die erste Arbeitssitzung hatten wir bei mir zu Hause. Es war ein sehr angenehmer, subtiler Beginn, um mich in diese Welt einzuführen. Ich war richtig hypnotisiert davon, wie umfassend und komplex es ist, auch nur 12 Kollektionen zu kreieren. Anna fragte, wie können wir Vincents Welt und Haus in eine 1. Kollektion übersetzen. Tagelang haben wir Farben, Materialien und Texturen in meinem Haus analysiert. Wir hatten sehr offene Diskussionen und analysierten immer wieder und wieder. Viele Menschen sehen meine Arbeit als eher nicht so farbenfroh. Aber ich habe keine Angst vor Farben, ich gehe nur sehr subtil damit um. Weil meine Interieurs sehr ruhig, kontemplativ und gelassen sind, sind sie nicht sonderlich farbenfroh. Es war sehr interessant für mich, wie wir aus diesem kleinen Bereich meines Hauses doch eine sehr schöne Farbpalette entwickeln konnten. Anna ging dann mit ein paar Blättern mit Farben, diesem und jenem, sogar Kissen von mir nach Hause und …

Anna Ebbesen: (lacht) Passen Sie auf Ihre Kissen auf?

Vincent van Duysen: … so hat es begonnen. Es ist unglaublich, wie komplex die Entwicklung von Farbschattierungen und generell dieser ganze Prozess ist.

Anna Ebbesen: Diese erste Phase in Deinem Haus war sehr interessant und ist ein schönes Symbol für unsere Arbeit, weil wir uns wirklich mit allen Ebenen beschäftigt haben. Wir sahen uns alle architektonischen Elemente an: Stein, das Rot eines Ziegels, alle möglichen Oberflächen … Wir diskutierten viel über unsere Ansichten zu Farben und Texturen. Über das richtige Maß an Farbe, denn es geht nicht um Nichtfarben, sondern um Feingefühl. Ich erinnere mich an den Sterling Ruby an Deiner Wand, den ich gerne mitgenommen hätte (Vincent lacht).

Vincent van Duysen: Wir gingen noch weiter – zu belgischen Malern wie Borremans, sahen uns Bücher an, um zu verstehen, woher ich komme, wer ich bin, was ich bewundere. Eben die Arbeit von Michaël Borremans, dessen Umgang mit Farbe wirklich faszinierend ist. Aber selbst in der flämischen Malerei, in diesen dunklen Gemälden, wo nur ganz wenig Licht funkelt, kann der Einsatz der Farben sehr modern sein. Und genau das wollen wir in unsere Kollektionen einfließen lassen. Speziell in die Erste.

Anna Ebbesen: Es gibt eine Menge Diskussionen – gute Diskussionen. Und das ist es, was der Kollektion Stärke verleiht. Wir arbeiten nicht mit Trendbooks oder so, sondern nehmen Trends eher intuitiv auf, zum Beispiel auf unseren Reisen. Was gefällt uns, was mögen wir – wir haben auch sehr viele historische Referenzen, weil wir darüber sehr viel diskutieren.

Vincent van Duysen: Es geht wirklich um das Bauchgefühl, um die Intuition. In diesem riesigen Wald, wo man keine Bäume mehr erkennt, weil so viel gleichzeitig passiert, muss man so arbeiten. Ich suche nicht nach Trends oder verfolge was passiert. Und wenn ich von etwas beeinflusst bin, fließt das sehr subtil in meine Arbeit ein. Trends und Design ist ein schwieriges Thema, weil Trends sehr vereinheitlichend sind … Wir wollen einfach schöne Dinge kreieren, die ein großes Publikum ansprechen, mit denen sich die Menschen wohlfühlen. Und Stoffe haben natürlich eine sehr sinnliche Qualität.

Anna Ebbesen: Es geht darum, Emotionen zu schaffen.

Vincent van Duysen: Genau. Das möchte ich auch mit meiner Arbeit als Architekt erreichen und jetzt mit meiner Arbeit für Sahco gemeinsam mit Anna.

 

Anna Ebbesen: Inspirationen dafür kommen für mich sicher aus der Kunst, aber auch aus der Mode, weil dort mit hohem Druck an Neuem gearbeitet wird. Es ist eine sehr viel schnellere Welt und es gibt starke Veränderungen in Bezug auf neue Materialien in der Zukunft. Für mich ist es auch wichtig, Spaß an der Arbeit zu haben.

Vincent van Duysen: Das ist sehr wichtig.

Anna Ebbesen: Weil es braucht neben dem ruhigen Teil auch den leidenschaftlichen, lauten Teil. Ich mag es, mit Texturen, Farben und Stoffen zu experimentieren. Oder Filme – wenn wir an der Kollektion arbeiten, ist es notwendig, Dinge auch in reellen Umgebungen zu sehen, die Atmosphäre zu spüren. Hier sind Filme eine wichtige Inspirationsquelle. Wes Andersen zum Beispiel ist in seinen Settings extrem farbenfroh. Aber ich mag auch Filme aus den 1930er Jahren. Für mich geht es darum, Atmosphäre zu kreieren, die die Menschen auf einer emotionalen Ebene bewegt. Das ist entscheidend.

Vincent van Duysen: Für mich war das eine ganz neue Welt. Aber Anna ist natürlich sehr vertraut mit der Welt der Stoffe. Wir legten die Richtung der Texturen und Muster fest, aber Anna war dafür verantwortlich unsere Ideen herunterzubrechen und in tatsächliche Stoffe zu verwandeln. Ich dachte, sie würde vielleicht mit 10 oder 20 Arbeitsmustern wiederkommen, aus denen ich dann auswählen und mit Farben ausstatten würde, aber nein. Sie kam mit Tausenden von Stoffproben. Ich weiß nicht, wie viele Farbschattierungen es da gab. Wie sollten wir aus dieser Menge, 12 auswählen? Das ist wirklich schwierig, denn ab einem gewissen Punkt wird man blind und sieht überhaupt keine Farben mehr. Dann muss man eine Pause machen und danach weiterarbeiten. Es ist ein sehr schwieriger Prozess. Anna hat natürlich ein geübteres Auge und glücklicherweise hatte sie eine kleine Vorauswahl getroffen.

Anna Ebbesen: Diese Arbeit macht wirklich Spaß.

Vincent van Duysen: Ja, wir haben Spaß bei der Arbeit.

Anna Ebbesen: Im Moment arbeiten wir an der Performance der Textilien. Weil wir wollen, dass sie sehr lange halten. Was wir auch viel diskutieren, ist die Frage: Was ist Luxus? Wie will eine neue Generation ihr Leben leben? All diese Fragen müssen wir in ein Textil übersetzen. Das ist die große Herausforderung, macht aber auch den Spaß aus. Das heißt, im Moment geht es in diesem Prozess, sehr stark um Texturen …

Vincent van Duysen: Weil Du von der Performance gesprochen hast – ich glaube, wir bringen einige sehr innovative Stoffe mit dieser Kollektion. Sie sind nicht nur nachhaltig: Leinen, Baumwolle, Wolle usw. In puncto Texturen gehen wir einen Schritt weiter, nicht bei allen, aber manchen geben wir einen etwas extremeren Touch. Dennoch funktionieren sie auch in konservativeren Umgebungen.

Anna Ebbesen: Technische Garne zum Beispiel. Wir schauen uns auch Komponenten an. Wir alle leben in einer sehr schnelllebigen Zeit. Alles muss schnell gehen und fertig werden. Aber manchmal muss man die Pferde zügeln, denn im Hinblick auf die Qualität wollen wir keine Kompromisse machen. Die Dinge müssen wirklich durchdacht sein. Wir wollen Komponenten wie Garne einsetzen, die nicht jeder verwendet. Wenn man so ein Projekt von Grund auf neu startet, braucht es einfach seine Zeit.

 

Vincent van Duysen: Zuvor habe ich von der Softness in der Architektur gesprochen. Ich glaube, dass sich mehr und mehr Architekten auch mit Stoffen beschäftigen. Ich sehe es in meinem Büro, wenn junge Architekten kommen, wollen sie zuerst nur mit harten Materialien arbeiten, sehr modernistisch. Aber wir verwenden mittlerweile auch Stoffe für Wandverkleidungen auf eine sehr zeitgemäße Art und Weise, um das Ganze weicher zu machen. Ich denke, wir leben in einer ziemlich aggressiven Welt, deshalb sage ich, wir alle müssen mehr Weichheit hereinbringen, herunterkommen und die Schönheit der Welt beachten. Deshalb müssen wir warme, komfortable Ambiente schaffen, die in Bezug auf die Architektur sehr ausbalanciert sind. Die Verwendung von Stoffen, Bezügen und Polsterungen in der Architektur geht weit über – sagen wir – Vorhänge hinaus. Und das ist, glaube ich, die Zukunft in der Verwendung von Stoffen in Wohnumgebungen.

Anna Ebbesen: Es ist auch so, dass sich die privaten Interieurs verändern und immer mehr von der Welt der Hotellerie beeinflusst werden. Das heißt, es gibt viele Verbindungen zwischen diesen Feldern, ein Cross-over. Wenn man sich umgekehrt den Contract- oder Officebereich ansieht, wo Menschen viele Stunden des Tages verbringen, muss es dort ein angenehmes Interieur geben. Deshalb finden Elemente aus dem privaten Einrichtungsbereich zunehmend Eingang in die Büros. Dort müssen sie eine hohe Performance mitbringen. Es geht um ein heimeliges Gefühl, dass in Offices möglicherweise auch dazu führt, dass besser gearbeitet wird. Es ist wirklich eine spannende Zeit, weil sich die Grenzen auflösen.

 


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