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Nina Mair designt Bernard für LaCividina

von Markus Schraml
Bernard Nina Mair LaCividina

Der Lounge Chair Bernard, den Nina Mair ursprünglich für das Interieur des Swissôtel Kursaal Bern entworfen hat und der nun als Teil einer ganzen Kollektion von LaCividina herausgebracht wird, stellt eine neue, sehr feine Lösung dafür dar, wie Menschen in Räumen sitzen. Das Faszinierende an diesem Design ist die L-förmige Lehne. Dadurch können Nutzer*innen, ohne den Sessel zu bewegen, in zwei unterschiedlichen Richtungen sitzen. Kein Wunder, dass dieses Objekt für ein Architekturprojekt entworfen wurde, denn gerade in Standardhotelzimmern, wo Platzmangel herrscht, besitzt diese Idee eine wundervoll nützliche Eleganz. Die gesamte Kollektion umfasst neben dem Lounge Chair, auch ein Daybed, ein Zweier- und Dreiersofa sowie Beistelltische in mehreren Größen.

Im formfaktor-Interview spricht Nina Mair über ihr Faible für handwerkliche Arbeit, die Materialität eines Objekts und den Vorrang von Möbelproduktion in Europa.

 

formfaktor: Sie haben den Lounge Chair „Bernard“ ursprünglich für das Interieur des Swissôtel Kursaal Bern entworfen. Welche Grundidee steckt dahinter?

Nina Mair: Es passiert relativ häufig, dass eine Produktidee für ein aktuelles Architekturprojekt entsteht. Genau so war es auch beim Lounge Chair Bernard. Derzeit plane ich mit meinem Team die Sanierung und Neugestaltung des Swissôtel Kursaal Bern. Nachdem wir den perfekten Sessel nicht finden konnten, haben wir ihn selbst entworfen. Der Sessel verfügt über eine L-förmige Lehne, die es dem Benützer ermöglicht, sich in zwei Richtungen zu setzen, ohne das Möbel zu bewegen. Dies ist in kleinen Räumen besonders nützlich.

formfaktor: Diese Ecklösung hat mich an die traditionelle alpine Eckbank erinnert – nur eben für kleinere Räume. War das eine Inspiration?

Nina Mair: Es gab keine formale Inspiration. Die Funktion führte mich zu dieser Lösung. Aber mir gefällt die Idee der Eckbank sehr gut.

formfaktor: Einerseits gab es den Auftrag für die Einrichtung des Hotels. Wie kam dann in der Folge die Verbindung zu LaCividina zustande?

Nina Mair: Wir suchten einen Hersteller, der aus dem hochwertigen Möbelsegment kommt und eine Größenordnung wie dieses Hotel (170 Zimmer) zeitgerecht abwickeln konnte. Ich musste sofort an LaCividina denken, ein Familienbetrieb aus Udine, den ich seit Jahren kenne und mit dem ich mittlerweile ein freundschaftliches Verhältnis Pflege. Die Firma ist großartig. Eine Manufaktur, die wirklich jedes Möbelstück ausschließlich in Italien herstellt. Eine Produktion in Europa ist für mich besonders wichtig.

formfaktor: Die Kollektion Bernard besteht nicht nur aus dem Lounge Chair, sondern auch aus Sofas, Daybed und Beistelltischen. Daraus ergeben sich zusätzliche Anwendungen und Einsatzmöglichkeiten. Ist dies heutzutage eine Bedingung, Möbelkollektionen möglichst wandlungsfähig und flexibel zu gestalten?

Nina Mair: LaCividina war von dem Entwurf so begeistert, dass sie mich gebeten haben, eine ganze Kollektion daraus zu entwickeln, um diese in Serie zu produzieren und zu vertreiben. Mit einer Gesamtkollektion kann man auf die unterschiedlichen Bedürfnisse in der Architektur reagieren. Ich persönlich mag das Daybed besonders gerne. Durch die L-förmige Lehne hat man sowohl die Sessel- als auch die Sofafunktion.

 

formfaktor: Ein wichtiges Thema in Ihrer Arbeit ist der Umgang mit dem Material. Welche Ansprüche haben Sie diesbezüglich?

Nina Mair: Die Materialität eines Objekts oder Raums haben für mich dieselbe Bedeutung wie dessen Form. Bei einem Sitzmöbel, mit dem der menschliche Körper tatsächlich in Berührung kommt, sind haptisch angenehme Materialien besonders wichtig. Die Festigkeit der Polsterung und die Proportionen des Möbels sorgen für den ergonomischen Komfort.

formfaktor: Sie entwerfen einerseits Produkte, andererseits setzen sie Architekturprojekte um. Wie unterscheidet sich die Herangehensweise?

Nina Mair: Die Herangehensweise ist in beiden Fällen ähnlich. Ich beginne jeden Prozess sehr analytisch, versuche, alle Parameter zu erfassen, Materialeigenschaften zu verstehen. Der Entwurfsprozess ist ein Experimentieren und Forschen, bis ich das Gefühl habe, die richtige Lösung gefunden zu haben.

 

formfaktor: Sie betreiben auch einen Online-Shop und haben mehrere Produkte, die auf selbst initiierte Entwürfe und Ideen zurückgehen. Ist das ein Weg, der gut für Sie funktioniert? Oder muss man als österreichisches Designstudio einfach alle Möglichkeiten ausschöpfen?

Nina Mair: Meine Unabhängigkeit ist mir besonders wichtig. Die Idee, einen Entwurf mit lokalen Produzenten selbst in Serie zu realisieren und direkt aus meinem Studio heraus zu verkaufen, ohne Lagerkosten und Händlerkosten, gefällt mir. Meine Kunden schätzen diese Unmittelbarkeit.

formfaktor: Sie arbeiten gerne Hands-on, sehr praktisch. Nun leben wir in einem digitalen Zeitalter. Wie sehen Sie das Verhältnis von handwerklichen, händischen Tätigkeiten im Designprozess und der Verwendung von digitalen Tools?

Nina Mair: Am Beginn jeden Entwurfs steht für mich das Experiment. Es ist wichtig, ein Material zu verstehen und dessen Eigenschaften zu begreifen. Parallel zum digitalen CAD-Modell eines Produkts bauen wir in unserem Atelier immer Funktionsprototypen und Modelle. Ich persönlich bevorzuge die Arbeit mit dem Schweißgerät oder der Kreissäge, gegenüber der Computermaus. Durch das Experimentieren kann man die Qualität eines Materials erst so richtig entdecken. Ich versuche meist, an die Grenzen eines Materials zu gehen. Der Betontisch Concrete Table ist dafür ein gutes Beispiel. Die Tischplatte ist bei einer Spannweite von 220 cm nur 2,5 cm dick. Schlanker kann man eine Stahlbetonplatte nicht ausführen. Die filigranen Proportionen machen diesen Tisch zu etwas Besonderem.

formfaktor: Welchen Designanspruch verfolgen Sie generell, wenn Sie ein Produkt gestalten?

Nina Mair: Mein Anspruch ist es, zeitlose Produkte zu gestalten, die aus langlebigen und qualitätsvollen Materialien hergestellt werden. Ich gestalte Möbel, die für die Architektur eine Relevanz haben sollen.


 

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