Home Innovation Sonnenenergie für den Mainstream – Solar Design von Marjan van Aubel
Solar Design Marjan van Aubel, Swarovski

Sonnenenergie für den Mainstream – Solar Design von Marjan van Aubel

Das Potenzial der Sonnenenergie ist enorm. Der Fusionsreaktor Sonne schickt täglich 10.000 Mal mehr Energie zur Erde, als alle Menschen weltweit benötigen. Wie dieses riesige Energieangebot besser als bisher genutzt werden kann, daran arbeitet Marjan van Aubel. Sie bezeichnet sich selbst als Solar Designerin und will die Effizienz von Solarpaneelen steigern, neue Möglichkeiten finden, Solarstrom zu generieren sowie Aussehen und Anwendungsbereiche von Solarzellen erweitern. Für van Aubel sind diese immer gleichen schwarzen Dinger auf Hausdächern in keinster Weise der Entwicklung letzter Schluss. Im Gegenteil. Solarzellen können heute viele verschiedene Formen annehmen und auf unterschiedliche Oberflächen appliziert werden. Der Niederländerin geht es um nichts weniger als die umfassende Integration von Solar-Technologie in das alltägliche Leben. Für dieses Streben sowie den daraus entstandenen neuen Anwendungsmöglichkeiten und Produkten hat van Aubel schon die Emerging Talent medal beim London Design Festival (2015), den ersten Preis beim Dutch Material Award oder den WIRED Innovation Award (2016) erhalten. 2017 war sie eine der Preisträger*innen des Swarovski Designers of the Future Award. Sie ist Mitgründerin des Designkollektivs Caventou und lehrt an der Design Academy in Eindhoven.

Seit ihrer Ausbildung am Rietveld Academy DesignLAB (BA, 2009) und ihrem Master am Royal College of Art (Design Products, 2012) hat van Aubel in weltbekannten Museen wie dem V&A und dem Design Museum in London sowie dem Stedelijk Museum in Amsterdam ausgestellt. Ihre Arbeit wurde in die permanenten Kollektionen des New Yorker MoMA, des Vitra Design Museum, des Montreal Museum of Art und der National Gallery of Victoria in Australien aufgenommen.

Im formfaktor-Exklusivinterview spricht Marjan van Aubel über ihre Arbeit mit sich ausdehnenden Materialien, der Integration von Solarzellen, die den Prozess der Fotosynthese nachahmen, ins Eigenheim und von Objekten, die eine Doppelfunktion erfüllen. Ein Tisch ist nicht nur ein Tisch, sondern auch ein Energieproduzent – durch Solar-Technologie.

 

formfaktor: Neben Ihrer eigentlichen Arbeit als Designerin sprechen Sie sehr oft auf Konferenzen und Diskussionsveranstaltungen über Solar Design. Es scheint Ihnen ein großes Anliegen zu sehen, dieses Thema populärer zu machen?

Marjan van Aubel: Ja, weil ich glaube, je mehr Leute das sehen, desto mehr werden sich dessen bewusst. Und dann können wir etwas verändern. Viele Menschen kennen diese neuen Technologien nicht und haben veraltete Bilder davon im Kopf, wie Solarzellen aussehen. Wir müssen den Konsumenten eine Alternative anbieten, um etwas zu verändern.

formfaktor: Auf der jüngsten Mailänder Designwoche wurde Ihre Cyanmeter-Leuchtenkollektion gezeigt, die aus der Zusammenarbeit mit Swarovski entstand. Wie kam es dazu?

Marjan: Die Kooperation mit Swarovski begann, als ich den Wettbewerb „Designers of the Future“ gewann. Das beinhaltete eine Einladung nach Wattens, in die Tiroler Berge, wo ich sehr viel über Kristalle, über dieses Material lernte und welche Möglichkeiten damit verbunden sind. Danach begann ich, mit diesem Material zu arbeiten und herauszufinden, wie man die Kristalle auf andere Art verwenden kann. Mir ging es darum, die Eigenschaften des Kristalls zu nutzen, um die Effizienz der Solarzellen zu verbessern. Das erste Mal wurde diese Arbeit dann bei der Art Basel gezeigt mit der Cyanometer-Installation. Die Reaktionen darauf waren sehr positiv, deshalb nahm Swarovski sie in seine Crystal Palace Leuchtenkollektion auf.

formfaktor: Sie haben also die Solarzellen mithilfe der Kristalle weiterentwickelt?

Marjan: Die Cyanometer-Leuchten bekommen ihre Energie aus den Solar-Kristallen. Es ist eine neue Art, Solarzellen portabel zu machen, die Batterie zu integrieren und dass sie unter unterschiedlichen Bedingungen funktionieren.

formfaktor: Neben dem technologischen Aspekt haben die Cyanometer-Leuchten eine starke ästhetische Komponente. Müssen Solarzellen-Produkte schöner werden?

Marjan: Ich finde Solarzellen sowieso sehr schön, aber sie können verbessert werden, damit die Menschen eine Beziehung dazu herstellen können und sie sich gerne damit umgeben. Das bewirkt Schönheit.

formfaktor: Sie arbeiten an verschiedenen Anwendungen für Solarzellen, die über den gebräuchlichen Einsatz hinausgehen. Welche Anwendungen sind für Sie vorstellbar?

Marjan: Es gibt so viele vorstellbare Kombinationen: unsere Kleidung, die Straßen, Dächer, Autos, Transport, Landwirtschaft oder auch sehr viel kleinere Anwendungen. Es kann alles sein. Je mehr solar, desto besser.

formfaktor: Dabei spielt auch die Technologie der farbigen Solarzellen eine große Rolle?

Marjan: Das ist eine tolle Sache. Wir begannen damit, sie selbst zu produzieren und immer mehr darüber zu lernen. Zuerst hielten sie nicht lange. Es war mehr Forschungsarbeit notwendig, um sie Schritt für Schritt weiterzuentwickeln.

formfaktor: Dass heißt, als Solar Designerin müssen Sie sehr viel Forschungsarbeit leisten. Wie viel?

Marjan: Den Großteil. Aber es ist auch der schönste Teil meiner Arbeit. Man entdeckt, was nicht möglich ist und muss herausfinden, wie es doch möglich wird. Das gefällt mir sehr.

formfaktor: In puncto Technologie nehme ich an, dass Sie nicht die gesamte Forschungsarbeit alleine leisten können, sondern mit Wissenschaftlern und Instituten zusammenarbeiten.

Marjan: Im Moment arbeiten wird mit der Forschungseinrichtung ECN, einem Innovationszentrum für Solarzellen zusammen. Es geht darum, wie Funktionen verändert werden können, wie man Solarzellen besser integrieren kann und Ähnliches. Der Vorteil ist, dass es hier Laboratorien gibt, die zur Verfügung stehen.

formfaktor: Ein Projekt, das Solarzellen mit Landwirtschaft in Verbindung bringt, ist Power Plant. Wie funktioniert es?

Marjan: Power Plant ist ein Gewächshaus, das aus transparentem Solarglas besteht. Das Sonnenlicht wird eingefangen, wobei die Elektrizität, die dabei erzeugt wird, für das Innenklima genutzt wird. Power Plant kann zum Beispiel für Vertical Farming eingesetzt werden und macht das Ganze effizienter. Man braucht weniger Wasser, weniger Platz, man kann die Geschwindigkeit des Pflanzenwachstums kontrollieren, die Richtung, den Geschmack. Diese Art der Landwirtschaft wird mittlerweile recht häufig eingesetzt: es ist gesünder, verursacht weniger Abfall, weniger Transportkosten. Aber die Art wie Vertical Farming derzeit betrieben wird, nämlich in Innenräumen, verbraucht wiederum sehr viel Energie. Power Plant ist also eine Art Hybrid aus einem Gewächshaus, das Gratis-Sonnenlicht nutzt und gleichzeitig Hightech verwendet.

formfaktor: Werden die Power Plants irgendwann auch reell eingesetzt?

Marjan: Im Moment arbeiten wir mit größeren Partnern zusammen, um dieses Projekt in die Wirklichkeit, und zwar in großen Städten umzusetzen. Bald werden wir mehr darüber berichten können.

formfaktor: Sie sprechen häufig von „extremer Effizienz“. Was meinen Sie damit konkret?

Marjan: Ich suche zum Beispiel nach einem Material, das sich selbstständig ausdehnt. Wir haben nur ein Drittel des Materials, das heißt, es wird viel stärker, viel leichter also auch effizienter. Gleichzeitig will ich Materialien zusätzliche Funktionen geben. Also ein Tisch oder ein Fenster hat eine Doppelfunktion, ist auch eine kleine Power Station. Dabei ist die Ästhetik wichtig, die wir eben durch farbige Solarzellen erreichen können. Sie sehen nicht nur schön aus, sondern dienen auch der Energiegewinnung.

formfaktor: Wann wird es Solarzellen und Energie daraus in einem größeren Maßstab geben?

Marjan: Wenn man sich vor Augen führt, wie schnell sich die Kosten für Solarzellen geändert haben und weiter fallen – jetzt kostet ein Quadratmeter etwa 100 Euro und in fünf Jahren nur mehr vielleicht 50 – dann werden sie bald für viele Menschen interessanter weil leistbarer sein. Gleichzeitig sehe ich, dass viele Menschen kein eigenes Haus besitzen und deshalb oft keinen Zugang zu Solarenergie haben. Es wird also einerseits sehr große Solaranlagen etwa auf dem Meer, auf Plattformen geben oder auf Fassaden und andererseits in vielen kleinen Dingen.

formfaktor: In ihren Vorträgen kommt immer wieder mal der Begriff „Solardemokratie“ vor. Was bedeutet er für Sie?

Marjan: Für mich bedeutet das, Solarenergie für mehr Menschen verfügbar zu machen und über die bessere Integration von Solarenergie nachzudenken, sodass es ein natürlicher Teil unserer Umwelt wird. Solarzellen für mehr Menschen und an mehr Orten.

formfaktor: Gab es für Sie einen entscheidenden Moment, wo Sie die Entscheidung getroffen haben, sich auf das Thema Solar zu fokussieren?

Marjan: Es war jetzt nicht in einer Sekunde oder so, aber es gab eine Zeit, in der ich dachte, ich muss mich darauf fokussieren. Damals passierten viele Dinge zur gleichen Zeit, wo ich dann die Notwendigkeit sah, mich auf etwas zu konzentrieren und mich gleichzeitig zu öffnen für neue Bereiche. Zum Beispiel hätte ich nie gedacht, dass ich jemals etwas im Landwirtschaftssektor machen würde.

formfaktor: Gibt es aktuelle oder zukünftige Projekte, über die Sie schon sprechen können?

Marjan: Über viele anstehende Projekte kann ich leider noch nichts verraten. Was ich sagen kann, ist, dass es die Anwendungen geben wird, die wir mit ECN entwickeln, um Solarzellen kleiner zu machen, flexibler, um sie im und rund um das Haus einsetzen zu können.

formfaktor: Wohin wird sich Solar in den nächsten 10 bis 15 Jahren entwickeln?

Marjan: Ich glaube, dann wird Solarenergie sehr viel mehr ein Teil unseres täglichen Lebens sein. Wir werden mehr von der Kraft der Sonne als Gratis-Energiequelle profitieren. Solarzellen werden leichter verfügbar sein und Solarenergie wird an so vielen Ort wie möglich vorhanden sein – aber auf schöne Art.

formfaktor: Eine abschließende Vision?

Marjan: Ich glaube, dass wir uns – aus ganz verschiedenen Blickwinkeln betrachtet – mehr Gedanken nicht nur über Solarenergie, sondern auch über die Integration von Windenergie machen müssen. Das Ganze muss mehr teil unseres Alltags werden, bei den einfachen Leuten ankommen. Das Alles muss sehr viel mehr Mainstream werden.

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