Home Design Supermodale Mobilität – die Zukunft der unterstützten Fortbewegung

Supermodale Mobilität – die Zukunft der unterstützten Fortbewegung

von Markus Schraml
Superlounge, moodley

„Wir müssen neue Wege ausprobieren“, sagt Daniel Huber während eines Gesprächs über die Zukunft der Mobilität im Wiener Büro der Strategie- und Designagentur moodley. Er ist Fachmann für strategisches Produktdesign und beschäftigt sich seit 30 Jahren mit dem Thema der unterstützten Fortbewegung. Durch Projekte für die ÖBB oder Siemens erlangte er tiefgehendes Know-how in diesem Bereich, das er gerne in Vorträgen und Keynotes, etwa für das Zukunftsinstitut, weitergibt.

Huber und sein Team bei moodley haben beispielsweise das „Siemens one for all“-Konzept entwickelt, mit einem fundamental anderen Ansatz im Hinblick auf die Mobilität. Auf Grundlage eines Trägersystems wurden personalisierbare Einheiten, sogenannte Pods, kreiert, die sich für den Transport von Menschen und Waren eignen. Unter dem Schlagwort „supermodal“ fahren diese Kabinen mit ihren Passagieren automatisiert über das Trägersystem von der Haustür zum Bahnhof oder Flugplatz, wo sie verladen werden und weiterreisen. Den Besitz von Privatfahrzeugen würde dieses System obsolet machen.

Die Design- und Strategiefachleute von moodley arbeiten in den Bereichen Brand Identity, Interactive und Industrial Design. © moodley

Die Fähigkeit von Designern sei es, Visionen so zu visualisieren, dass sie inspirieren und zu innovativen Handlungen anregen können, meint Huber. Dazu geeignet scheint das Eisenbahnkonzept „Superlounge“ von moodley. Dort wird die gute alte Bahn in Hochgeschwindigkeitszüge verwandelt, die im Interieur wie attraktive Wohnräume gestaltet sind. Die Idee: die Reisezeit zur flexibel nutzbaren Lebenszeit zu machen und dadurch die Gleichung „schneller dort – mehr vom Leben“ aufzubrechen. Hier stellt sich die Frage: Kann die Schiene zum Leader einer Mobilitätsrevolution werden?

Daniel Huber hält viel von der Bahn, aber noch mehr von der Verknüpfung aller verfügbaren Mobilitätsformen. Im ausführlichen FORMFAKTOR-Exklusivinterview spricht er auch über radikal andere Stadtplanungen, das Verschwinden von parkenden Autos aus dem Stadtbild und die mangelnde Offenheit gegenüber Neuem.


FORMFAKTOR: Was läuft in der heutigen Mobilität falsch?

Daniel Huber: Mein großer Kritikpunkt an der Mobilität, wie sie derzeit stattfindet, ist, dass die Autoindustrie an Autos und Straßen denkt, die Bahnindustrie an Züge, Schienen und Bahnhöfe, die Flugzeugindustrie an ihre Produkte und Dienstleistungen usw. Was fehlt, ist die Konnektivität, also eine stärkere Verbindung zwischen diesen Dingen. Die Lösung liegt in der intermodalen Nutzung, die bisher noch zu unterentwickelt ist. All diese Industrien sind für sich genommen innovativ, aber im System sind sie sehr konservativ. Eine ganze Industrie müsste sich transformieren und neu orientieren, aber das ist nicht leicht. Es geht auch um viele Arbeitsplätze.

FORMFAKTOR: Wie könnten denn Lösungen aussehen?

Daniel Huber: Ich glaube nicht an das One-and-only-Verkehrsmittel, sondern eben an die Kombination. Dafür braucht es aber ein System. Wir erleben derzeit in Wien und anderen Städten, wie unkoordiniert die Sache mit den Elektro-Scootern läuft. Andererseits hat es durchaus seine Berechtigung, weil ich mit relativ wenig Technik und Material schnell von A nach B kommen kann. Aber grundsätzlich geht es um eine viel stärkere Verbindung der unterschiedlichen Mobilitätsangebote.

FORMFAKTOR: Apropos Wien – hier werden immer mehr von den sogenannten Wien Mobil Stationen aufgebaut, wo meist ein E-Auto, Leihräder, Scooterparkplätze, eine Fahrrad-Reparatursäule etc. zu finden sind. Was halten Sie davon?

Daniel Huber: In Wien wird derzeit sehr viel Parkfläche zurückgebaut. Bäume werden gepflanzt etc. Das finde ich gut, aber es fehlt noch die letzte Konsequenz bzw. ein visionäres Ziel. Einerseits braucht es den technischen Fortschritt, an den glaube ich, weil das der Schlüssel zum Erfolg ist, damit wir sauberer und effizienter unterwegs sind. Andererseits muss ein Umdenken stattfinden, denn das Auto, egal ob Verbrenner oder E-Auto, steht 23 Stunden des Tages nur herum. Das heißt, es verstellt Lebensraum. Und die eine Stunde, in der es im Schnitt benutzt wird, sind viele ganz allein unterwegs. Hier braucht es definitiv ein Umdenken.

FORMFAKTOR: Das E-Auto ist also nicht die Heil bringende Lösung, wie es zum Teil sehr kräftig propagiert wird?

Daniel Huber: Wenn man sich den Vergleich zwischen Verbrenner- und E-Auto über den gesamten Produktions- und Lebenszyklus anschaut, dann sieht es nicht so wahnsinnig toll für das Elektroauto aus. Hier werden Emissionen einfach zeitlich verlagert. Heute ist es so, dass viele der E-Autos SUVs sind. Das halte ich für kompletten Schwachsinn, weil diese Autos ein enormes Gewicht haben und das erhöht den Energieverbrauch. Hier müssten wir einen Paradigmenwechsel herbeiführen und erst einmal das Gewicht aus den Fahrzeugen herausbringen, weil es überhaupt keinen Sinn macht, 2 bis 2,5 Tonnen an Blech und Batterie mitzuschleppen, wenn ich nur 80 Kilo Körpergewicht von A nach B bringen will. Der zweite Paradigmenwechsel wäre – mehr in Richtung Nutzung statt Besitzen zu gehen.

„In diesem Bedürfnis nach Mobilität, das wir alle haben, müssen wir am Verbund der Angebote noch sehr viel machen“, meint Designer
Daniel Huber. Foto © Aaron Jiang

FORMFAKTOR: Welche Aufgabe kommt beim Thema Zukunft der Mobilität Designern zu?

Daniel Huber: Erstens sind Designer kreativ, innovativ und in der Lage, nicht nur in Bildern zu denken, sondern in Bildern zu handeln, also Bilder zu generieren. Wir können Zukunftsvisionen sichtbar und erlebbar machen und so für Inspiration sorgen. Somit sind Visionen leichter zu argumentieren. Zweitens geht es immer um Transformation, denn selbst bei einem Re-Design des Vorgängerprodukts handelt es sich um eine Transformation – wenn auch nur eine kleine. Darüber steht Design, das strategisch fundiert ist. Wir brauchen ein Ziel und eine Strategie, wie wir dahin kommen. Design ist die Übersetzung der Strategie ins Visuelle, ins Haptische, ins Funktionale und letztendlich in innovative Produkte. Man muss sich aber immer die Frage nach der Sinnhaftigkeit, nach der Relevanz stellen. Nichts schlimmer als eine Flut von Dingen, die jeder hat, aber niemand braucht, wo der einzige Sinn dahinter das Geschäft des Produzenten ist.

Technologie-offen: Flüssiger Wasserstoff als Energiequelle eignet sich speziell für Lkws. Für Cryoshelter entwickelte moodley einen starken Markenauftritt und zukunftsfähiges Produktdesign. © moodley

FORMFAKTOR: In der Diskussion um neue Mobilitätsformen nimmt der urbane Raum eine Vorrangstellung ein. Und das hat viel mit Stadtplanung und letztendlich mit Lebensqualität zu tun …

Daniel Huber: … Wenn man sich die Stadtplanungen im letzten Jahrhundert anschaut, dann ist dort alles dem Autoverkehr untergeordnet worden. Das wird jetzt langsam etwas zurückgenommen. Wir haben ein Konzept für Singapur entwickelt: Die dortigen Verkehrsbetriebe kamen mit dem Problem auf uns zu, dass sie mit ihren U-Bahnen an Kapazitätsgrenzen stoßen. Daraufhin haben wir die „Level 2 3 City“ entwickelt. Singapur ist ein Insel-Stadtstaat mit wenig Fläche. Das heißt, dort muss man in die Höhe gehen, was man an den vielen Hochhäusern, die es dort gibt, deutlich sieht. Unsere Idee ist, dass ebenerdig der normale Straßenverkehr stattfindet, weiter oben aber findet er mit Seilbahnen oder Brücken statt. Wenn man dort im Level 2 lebt, dann gibt es auf dieser Ebene alles, was man braucht: Einkaufszentren, Krankenhäuser etc. Das würde allerdings sozusagen eine Veröffentlichung des vertikalen Verkehrs der Häuser bedingen. Insgesamt würde es ein näheres Zusammenrücken von Stadt-, Verkehrs- und Gebäudeplanung bedeuten. Das ist natürlich eine Zukunftsvision, die zeigen soll, wie eine Megacity funktionieren könnte.

FORMFAKTOR: Singapur ist ein sehr spezielles Beispiel. Geht es grundsätzlich nicht darum, den verfügbaren Stadtraum neu aufzuteilen und lebenswerter zu machen?

Daniel Huber: Unser Projekt „one for all“ für Siemens zum Beispiel folgt einem sehr disruptiven Konzept, wo man sich einen Pod (Anm.: eine flexibel einsetzbare Transportkabine) bestellen kann, der je nach Bedarf individuell eingerichtet ist. Er wird vom Trägersystem vor die Tür gestellt, fährt mich zum Bahnhof, wo der Pod auf den Zug transferiert wird usw. Durch dieses Konzept könnte man alle parkenden Autos eliminieren und dadurch sehr viel Lebensraum gewinnen. Das ist ein sehr radikales Konzept, das vollumfänglich wahrscheinlich nie umgesetzt wird, aber es kann Ideen anregen und uns einen Blick über den Tellerrand hinaus ermöglichen.

Siemens Mobility und moodley industrial design entwickelten mit „one for all“ ein Konzept, das weit über bekannte Ideen der Intermodalität hinaus geht und Mobilität als Ganzes transformiert. © Siemens Mobility & moodley

FORMFAKTOR: Ich glaube, bei diesem Projekt spielt das Thema Autonomes Fahren eine wichtige Rolle, weil diese Pods ja automatisiert fahren und sie durchgehend von verschiedensten Kunden genutzt werden?

Daniel Huber: Autonomes Fahren hat für mich den Reiz, dass ich mich nicht mit dem Fahren beschäftigen muss. Wenn ich zum Beispiel nach Graz oder Kärnten fahre, kann ich währenddessen arbeiten oder schlafen oder was immer. Das sind im Grunde die gleichen Vorteile, die ein Zug bietet. Ein Riesenvorteil des autonomen Fahrens ist auch die Koordination, also die Stauvermeidung.

FORMFAKTOR: Apropos Bahn: Das ist eine sehr alte Form des Reisens, die auch sehr umweltfreundlich ist. Genau wie das Fahrrad. Es scheint, dass gerade alte Dinge besonders zukunftsfähig sind. Sofern man einen Sitzplatz im Zug hat.

Daniel Huber: Wir designen Züge bereits seit ungefähr 30 Jahren und es ist immer eine Gratwanderung. Einerseits müssen wir die Kapazitäten an komfortablen Sitzplätzen erfüllen. Das ist eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Andererseits müssen wir unterschiedliche Bedürfnisse stillen. Es ist immer ein Kompromiss. In einem überfüllten Zug nutzt es nichts, wenn ich unterschiedliche Zonen habe.

FORMFAKTOR: Wie kann das Reisen mit dem Zug attraktiver werden?

Daniel Huber: Ich glaube, es wird in Zukunft keine 0-8-15-Konzepte mehr geben, wo man so viel Sitzplätze wie möglich hineinstopft. Besser gesagt – das wird es auch geben, es hat seine Berechtigung zum Beispiel für Pendlerzüge im Nahverkehr. Aber es müssen verschiedene Reiseangebote verfügbar sein, die unterschiedlich ausgeführt sind. Denken Sie an die Reisealternative zum schnellen Flugzeug. Bei einer Zufahrt können die Ferien mit dem Einsteigen in den Zug beginnen, weil ich zum Beispiel in einem Salonwagen reise. Oder ich hatte einmal die Idee, Züge zu machen, die aus einer Aneinanderreihung von unterschiedlichen Speisewagen bestehen. Es geht darum, Erlebnisse zu ermöglichen.

FORMFAKTOR: Wenn es um Zukunftsvisionen der Mobilität geht, muss man auch über den Hyperloop in Kalifornien sprechen. Dabei geht es vor allem um Geschwindigkeit. Aber wird er jemals umgesetzt?

Daniel Huber: Vor Kurzem hörte ich im Zuge eines Symposiums in Deutschland einen Vortrag von einem Vertreter des deutschen Hyperloop. Ich kann es mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen, dass das so funktioniert. Technisch und in der Umsetzbarkeit schon, aber ich stelle infrage, ob er tauglich ist, viele Menschen in ganz kurzen Takten zu transportieren. Das wage ich zu bezweifeln. Der große Nachteil ist aus meiner Sicht, dass die Infrastruktur komplett neu gebaut werden muss. Das bedeutet enorm viel Energieverbrauch, Tonnen von Beton. Das ist nicht sehr umweltfreundlich. Natürlich hat Speed eine Berechtigung, aber eigentlich geht es immer um Zeit und wie ich diese Zeit nutze. Das ist das Allerwichtigste. Und es geht um die Experience.

Generell glaube ich, dass wir alle mehr Open Minded sein müssen, neuen Dingen gegenüber. Nicht nur Sie und ich, sondern vor allem auch die Industrie. Die will natürlich more-of-the-same verkaufen, aber ich glaube an die Kraft der Innovation. Wir müssen neue Weg ausprobieren.


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