Home Architecture Symbiose von Sound und Raum – die Klangdesigner

Symbiose von Sound und Raum – die Klangdesigner

von Markus Schraml
Idee u. Klang, Sound Scenographie

Betritt jemand einen schalltoten (eigentlich reflexionsarmen) Raum, hört er/sie nicht nichts, sondern einen hohen und einen tiefen Klang. Der hohe Klang ist das eigene Nervensystem, der tiefe das Rauschen des eigenen Bluts. So erging es zumindest John Cage, als er im Jahr 1951 einen solchen Raum betrat. Diese schöne Geschichte gibt Jascha Dormann im Buch „Sound Scenography – The Art of Designing Sound for Spaces” wieder. In dem bei avedition erschienen Werk geht es um Klangszenografie und um das Schweizer Atelier Idee und Klang Audio Design, das sich seit 15 Jahren intensiv mit diesem Thema auseinandersetzt.

Klangszenografie ist die klangliche Gestaltung von Räumen, meist Ausstellungsräumen. Die Mitglieder des Teams von Idee und Klang (Komponist*innen, Sounddesigner*innen und Technolog*innen) beschreiben in ihrem Buch die unterschiedlichen Aspekte des Themas Klang und Raum. So wird in der Architektur meist nur die Bauakustik berücksichtigt. Diese betrifft etwa die Schallisolation und die Einhaltung von Normen. Ganz anders die Raumakustik: Sie befasst sich mit der Reflexion von Schall im Raum, also mit seiner akustischen Qualität. Sie hat eine gestalterische und eine funktionale Ebene. Meist wird sie aber nur funktional angewandt, beispielsweise um die Sprachverständlichkeit in Schulungsräumen zu verbessern.

Kein Klang ohne Raum, kein Raum ohne Klang

In der Gestaltung des Klangs im Raum liegt großes Potenzial, meinen die Klangdesigner*innen von Idee und Klang. Ein Potenzial, das bisher kaum ausgeschöpft wurde. Das liegt vor allem an der Übermacht des Visuellen in der Architektur, in Ausstellungen, in Räumen generell. Andererseits weiß man zum Beispiel aus dem Medium Film, dass die Wirkung des Auditiven enorm sein kann. Ein und dieselbe Szene mit unterschiedlicher Musik unterlegt, entfaltet einen komplett anderen Eindruck. „Wir können uns der Wirkung von Sound nicht entziehen, denn er wirkt auch dann, wenn wir wegschauen oder nicht an ihn denken“, schreibt Ramon De Marco, Gründer von Idee und Klang. Töne und Klänge eignen sich besonders gut zur Schaffung einer emotionalen Grundstimmung in Räumen. Form, Material und Dimension eines Raums werden auch über den Gehörsinn wahrgenommen. Nur wenige Architekt*innen berücksichtigen aber diese Tatsache. Löbliche Ausnahmen sind etwa Peter Zumthor oder Eiler Rasmussen.

Einige Kurzinterviews mit Akustikexpert*innen frischen den Inhalt zusätzlich auf. Im Bild: Ludwig Berger, der den Klang von Gletschern, Mooren und Bienen erforscht. © avedition

Zum Einfluss der akustischen Qualität auf die Atmosphäre eines Raumes gibt es relativ wenig Forschung. Dies zeigt sich unter anderem an dem eingeschränkten und großteils visuell orientierten Beschreibungen. In der Praxis werden Akustiker*innen oft erst dann gerufen, wenn die Akustik in einem Raum Probleme bereitet. Nachträgliche Anpassungen sind aber teuer und nicht selten ästhetisch unbefriedigend. Es wäre viel vernünftiger und eine große Chance, Gebäude von Grund auf auditiv zu gestalten, denn diese Gestaltung ist wesentlich für die Stimmung und Stimmigkeit der Räume mitverantwortlich. Auch ein gutes Lichtkonzept muss ja von Anfang an mitgedacht werden, damit die Architektur umfassend zur Geltung kommt.

Es sind nicht die Augen, die uns das Raumgefühl geben, sondern es ist die Akustik.

Bernhard Leitner

Klangerlebnis in der Wüste

Die Liste von Projekten, die das Studio Idee und Klang im Lauf der Jahre betreut hat, ist lang und beinhaltet außergewöhnliche Aufgabenstellungen wie etwa die Ausstellung „Sound of Silence“ im Museum für Kommunikation Bern (2018), wo die Stille inszeniert wurde oder die Erstellung der Klangszenografie für das National Museum of Qatar (Doha, 2019). Letzteres war eine Herkules-Aufgabe sowohl im Hinblick auf die kurze Zeit, die zur Verfügung stand als auch wegen der anspruchsvollen architektonischen Situation, die Stararchitekt Jean Nouvel geschaffen hatte. Um in dieser offenen Architektur ein immersives Klangerlebnis kreieren zu können, wurde das gesamte Gebäude als virtuelles akustisches Modell nachgebaut. Mit einem sogenannten Styleguide wurden die auditiven Inhalte der Filme und der interaktiven Installationen definiert, um zu vermeiden, dass sie sich gegenseitig negativ beeinflussen. Denn die zwölf Galerien wurden von verschiedenen Regisseur*innen großteils mit multidimensionalen Filmprojektionen mit Ton bespielt. Wobei die Galerien akustisch nicht voneinander getrennt waren.

Soundaufnahmen in der Wüste von Katar mit Kleiderbügeln als Mikrofonständer. Das Ergebnis dieser Aufnahme war äußerst zufriedenstellend. © avedition

Akustische Stadtplanung und Soundmasking

Weitere Anwendungsbereiche für Soundgestaltung sind etwa die akustische Stadtplanung, wobei es nicht nur um die Lärmreduktion geht, sondern auch darum, akustische Orientierungspunkte zu schaffen. Oder das Soundmasking, also das Verdecken von störenden Geräuschen durch ein anderes angenehmes Geräusch. In der Vergangenheit wurde dafür zum Beispiel in Großraumbüros ein „unauffälliges“, elektronisch erzeugtes Grundrauschen verwendet, was allerdings bei den Mitarbeiter*innen nicht auf Akzeptanz stieß. Soundmasking geht aber auch anders, meinen die Expert*innen von Idee und Klang. So könnten statt eines statischen Rauschens spezifische, lebhafte oder sogar leicht emotionalisierende Klänge in die Soundscapes (Soundlandschaften) integriert werden. Also Klänge, die sich zum Beispiel auf die Materialität der Architektur, der Umgebung oder die Tages- und Jahreszeit beziehen. Unterschiedliche Sounds können außerdem dazu verwendet werden, um verschiedene Bereiche eines Raumes oder Gebäudes zu definieren bzw. zu bespielen.

Klangszenografie schafft Atmosphären, die ein ganzheitliches Raumerlebnis (zum Beispiel in Ausstellungen) ermöglichen. © avedition

Holistic Sound Scenography

Im Lauf von 15 Jahren hat das Atelier Idee und Klang nicht nur unterschiedlichste Räume klanglich inszeniert, sondern daraus auch ein eigenes System entwickelt: die Holistic Sound Scenography. Grundsätzlich geht es dabei um eine ganzheitliche Herangehensweise an das Thema. Dafür hat das Team sieben Schritte definiert, die vom ersten Konzept über die technische Planung bis hin zur Vormischung im Studio und zur Abmischung vor Ort reichen. Dieser Vorgang gewährleistet, dass technische und inhaltliche Aspekte gemeinsam geplant und optimal aufeinander abgestimmt werden können. Denn welche klangliche Wirkung in einem Raum erreicht werden soll, ist eng damit verknüpft, welche Technik eingesetzt wird.

Der Band „Klangszenografie. The Art of Designing Sound for Space“ ist im Übrigen nicht nur ein Buch zum Lesen, sondern (wie könnte es anders sein) auch zum Hören. Mit den QR-Codes, die darin platziert wurden, können mittels Smartphone oder Tablet Klangbeispiele direkt abgerufen werden.

Der Ton bestimmt, was das Bild zu bedeuten hat! Diese Erkenntnis gilt nicht nur für den Film, sondern auch für Objekte und Räume.
Ramon De Marco

„Klangszenografie. The Art of Designing Sound for Space“ ist bei avedition erschienen. © avedition

Sound Scenography | Klangszenografie – The Art of Designing Sound for Spaces. Ed. Idee und Klang Audio Design, Ramon De Marco. Hardcover, 19 x 26,5 cm, 288 S., 133 Fotos, deutsch / englisch, ISBN: 978-3-89986-340-6. Verlag: avedition


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