Home Design Tom Dixon in Mailand – digital / virtuell / holografisch

Tom Dixon in Mailand – digital / virtuell / holografisch

von Markus Schraml

Unter dem Titel 24 Hours in Milan führte der Londoner Designer Tom Dixon eine Reihe von Interviews mit Mailänder Persönlichkeiten. Architekt*innen, Designer*innen, Herausgeber*innen, Galerist*innen erzählten über ihre Erfahrungen und Erinnerungen an den Salone del Mobile, der heuer sein 60-jähriges Jubiläum feiert. Normalerweise im April stattfindend, wurde er aufgrund der Pandemie dieses Jahr auf September verschoben. Und auch Dixons ursprünglicher Plan, am eigentlichen Salone-Beginn (13. April) für 24 Stunden nach Mailand zu kommen, konnte aufgrund von kurzfristig beschlossenen, verschärften Lockdown-Maßnahmen nicht umgesetzt werden. Stattdessen traf Dixon seine Interviewpartner*innen digital und als holografische Blase.

Unter anderen sprach Dixon mit Rosana Orlandi, die wie immer einige junge Designtalente im September während des Salone del Mobile vorstellen wird. Außerdem erinnerte sie sich an ihren ersten Salone und sagte gleichzeitig, dass der verrückteste Salone derjenige gewesen wäre, an dem Tom Dixon Karaoke sang. Außerdem erläuterte Orlandi die großen Unterschiede zwischen der Modewelt, in der sie 20 Jahre lang gearbeitet hatte, und dem Möbeldesign. Erstere sei extrem schnelllebig, abgehoben und verrückt, während die Menschen im Design sehr viel normaler und menschlicher seien. Orlandi wurde in einem Setting mit dem neuen Hydro-Stuhl von Tom Dixon aufgenommen. Einem extrem leichten Stuhl, der vom weltweit zweitgrößten Aluminiumhersteller Hydro produziert wird und von dem aus Anlass von 60 Jahre Salone im September 60 Stück präsentiert werden sollen.

Neues Konzept der Produktpräsentation

Im Interview mit Giulio Cappellini ging es unter anderem um 30 Jahre S-chair (1991). Aus diesem Anlass produzierte Cappellini den Dixon-Stuhl in einer Version mit speziellen Stoffen, einem über 200 Jahre alten Barock-Muster für die Vorderseite und einen Stoff aus Afrika für die Rückseite. Ein junger italienischer Modedesigner hat die Stoffe ausgewählt. Giulio Cappellini sprach auch darüber, dass er in den 1980er-Jahren einer der ersten gewesen sei, der neben einem Stand auf der Salone-Messe auch Präsentationen in der Stadt Mailand zeigte und somit das Phänomen Fuorisalone initiierte. Cappellini erklärt auch, dass aus der Erfahrung des letzten Jahres viele Firmen nicht bis zum September, zur 60sten Ausgabe des Salone, warten wollten und sich deshalb an der Milan Design City-Initiative beteiligten, die zu etwa 90 % digital stattfindet. Generell gäbe es einen Wandel in der Präsentation von neuen Produkten. Neben digitalen, virtuellen Möglichkeiten sei vor allem der Weg, mehrmals im Jahr Neuheiten zu zeigen, eine sinnvolle Entwicklung. Denn bei nur einem einzigen konzentrierten Präsentationsevent, wie eben der Salone, würden oft nicht alle neuen Produkte die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen. Tom Dixon wiederum betonte, dass er in seiner ersten Zeit in Italien, als er in der Cappellini-Fabrik Prototypen hergestellte, vor allem gelernt habe, welch hohen Stellenwert Design in einer Gesellschaft haben könne. Und in der Kantine von Cappellini habe er die Bedeutung des Essens erfahren. Von dort also (und von Italien generell) kam sein Interesse für gutes Essen und für Restaurants, was zur Schaffung seines eigenen Coal-Office-Restaurants in Kings Cross in London führte.

Tom singt Karaoke

Dixon bat auch Fooddesignerin Francesca Sarti (Arabeschi di Latte) zum Gespräch. In der unterhaltsamen Konversation „beschlossen” die beiden, dass ihr nächstes gemeinsames Projekt, eine Art Karaoke-Bar (Pineapple-Karaoke) sein werde, wo sie auch gemeinsam singen würden. Man darf gespannt sein, ob es im September wirklich dazu kommt.

Stadt und Natur

Stefano Boeri sprach mit Dixon über die Ausnahmestellung Mailands im Hinblick auf das kreative Potenzial, welches enorm ist. Die Dichte und Intensität von Design, Architektur und Kunst sei extrem hoch, wenn man bedenkt, dass Mailand keine supergroße Metropole ist. Natürlich erklärte Boeri im Rahmen des Gesprächs sein Konzept der begrünten Fassade. Er betonte, dass Bäume an Gebäudefassaden (wie dem berühmten Bosco Verticale in Mailand) keine Dekoration seien, sondern essenzieller Bestandteil – wie eine zweite Fassade. Das Verhältnis von Urbanität und Natur müsse neu gedacht werden und der Lifestyle der Menschen sich ändern. Die Menschen hätten die Aufgabe, sich um Wald und Natur zu kümmern, sagte Boeri. Er erzählt auch von seiner Mutter Cini Boeri, die eine hervorragende Designerin und Architektin war und die vergangenen September verstorben ist. Erst vor einem Monat erkrankte Stefano Boeri selbst an COVID-19 und musste im Krankenhaus behandelt werden. Es ging im ziemlich schlecht, nun aber habe er sich wieder erholt, erzählte Boeri.

Dass der Salone del Mobile Anfang September auch tatsächlich in der gewohnten Form stattfinden kann, ist noch nicht zu 100 % sicher. Alle Protagonisten hoffen, dass es dazu kommt und bekunden ihre Unterstützung. Die Prognose des Autors lautete, dass die Chancen für eine Durchführung so kurz nach den Sommermonaten sehr gut stehen. Außerdem haben wir alle im letzten Jahr viel dazugelernt. Maßnahmen können gesetzt werden, die digitale Bühne bleibt sowieso offen und schließlich ist zu hoffen, dass das Impftempo noch etwas anzieht.


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