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Überlebensgroß – die Set-Designs von Ken Adam

von Markus Schraml
Ken Adam

„Das Kino ist dazu da, die Vorstellungskraft zu steigern. Ich habe immer versucht sicherzustellen, dass dies der Fall ist“, sagte Sir Ken Adam (1921 – 2016), der wohl wichtigste Set-Designer der Filmgeschichte. In enger Zusammenarbeit mit Regisseur und Kameramann ist der Szenenbildner oder Produktionsdesigner hauptverantwortlich für den Look eines Films. In sein Ressort fallen visuelle Merkmale wie Landschaften, Gebäude, Interieurs, die für die darin stattfindende Geschichte unabdingbar sind und die glaubwürdige, mitunter überlebensgroße Grundlage dafür bieten. Beginnend bei der initialen Idee über Entwurfsskizzen bis hin zum finalen Filmset, entsteht schrittweise die Bühne, auf der schließlich die Filmschauspieler agieren.

Nur wenige Produktionsdesigner haben Welten geschaffen, die so umfassend und ausdrucksstark sind wie die von Ken Adam. In mehr als 70 Filmen erträumte der deutsch-britische Set-Designer Räume und Orte, deren fesselnder Charakter sich in die Erinnerungen der Kinobesucher eingebrannt hat, urteilt Rainer Rother, der künstlerische Leiter der Deutschen Kinemathek in Berlin. Die Deutsche Kinemathek besitzt seit 2012 das persönliche Archiv Adams. Hunderte Skizzen und Fotografien werden nun in Form einer handsignierten Collector’s Edition bei TASCHEN veröffentlicht.

Ken Adam und James Bond

Bekannt ist Ken Adam vor allem für seine Arbeit an den James Bond-Filmen der 1960er- und -70er-Jahre. Im ersten Film der Reihe, Dr. No (1962), begründete er den visuellen Stil, für den die Serie berühmt ist, mit elegant stilisierten Räumen und Fahrzeugen. Der typische Charakter resultierte aus der Verbindung von Vertrautem und Visionärem. Adam steuerte Set-Designs zu sieben Bond-Filmen über einen Zeitraum von 18 Jahren bei. Dies bietet auch die einmalige Gelegenheit, die Entwicklung seiner Arbeit zu verfolgen – vom Low-Budget-Film bis zur Großproduktion. Dabei schlagen sich die inhaltlichen Veränderungen auch in den Set-Designs nieder. Beginnend beim Unterwasser-Apartment in „Dr. No“ über den Atom-U-Boothafen in „Der Spion, der mich liebte“ (1977) bis hin zur futuristischen Raumstation in „Moonraker“ (1979). Aber Adam schuf nicht nur Räume und Interieurs, sondern auch das Bond-Auto, das im Lauf der Zeit mit immer raffinierteren Gadgets aufwartete – bis hin zum Lotus Esprit (1977), der zum Unterwasserfahrzeug mutierte. Sein Faible für außergewöhnliche Autos reicht dabei zurück bis zum legendären Gefährt in „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“ (1968), das fliegen konnte.

James Bond kämpft in „Man lebt nur zweimal“ im Versteck des raffinierten Bösewichts gegen Blofelds Leibwächter Hans. © 1967 Metro-Goldwyn-Mayer Studios Inc. und Danjaq LLC. Alle Rechte vorbehalten

Das erstaunlichste dabei ist, dass in einer Zeit, bevor es Computeranimationen gab, die visionärsten Ideen auch tatsächlich baulich umgesetzt werden und bespielbar sein mussten. Doch am Anfang stand bei Adam immer die Skizze oder besser gesagt eine schnelle Kritzelei. „Auch wenn mein Entwurf nur auf ein oder zwei Linien basiert, sind es oft die Unzulänglichkeiten dieser groben Skizze mit kühnen Licht- und Schattenspielen, aus denen eine interessante Komposition oder aufregende Atmosphäre erwächst“, erklärte Adam. „Schon die Rohskizze gibt mir eine Vorstellung von der dreidimensionalen Umsetzung. Danach zeichne ich genauere Entwürfe, den Grundriss, die Wandabwicklungen oder Modelle. Diese Methode ist für mich der kreativste Weg. Sie ist spontan und instinktiv.“

Adam und Kubrick

Das filmhistorisch wichtigste Design Adams ist wohl sein Entwurf des „War Room“ für Stanley Kubricks „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“. Die Zusammenarbeit mit dem Meisterregisseur war eng, intensiv und anstrengend (bis hin zum Nervenzusammenbruch während der Arbeit an “Barry Lyndon”), gibt Adam in einem ausführlichen Interview mit Autor und Biograf Sir Christopher Frayling zu. Kubrick war von Adams Fähigkeit, Erzählungen rasch auf Papier in visuelle Eindrücke zu übersetzen, begeistert. Umgekehrt erkannte Adam das Genie Kubricks, der für jede Szene, jede Sekunde Film, jede Ausstattung, eine künstlerisch-intellektuelle Rechtfertigung benötigte. Genau diese Eigenschaft führte beim „War Room“ zu Änderungen in einem schon fortgeschrittenen Stadium des Set-Designs. Letztendlich entstand ein großer Dreiecksraum mit starken Elementen: runder Tisch, Lampenring und riesige Kartendisplays. Einfache geometrische Formen wie Kreis, Quadrat und Dreieck treffen aufeinander. Das Aussehen dieses Raums prägte die Vorstellung des Luftschutzbunkers einer Supermacht bei den Menschen nachhaltig.

Steven Spielberg sagte über den „War Room“: „Das War-Room-Set für Strangelove ist das beste Set, das Ken je entworfen hat … nein, es ist das beste Set, das jemals entworfen wurde.“ Adams Arbeit war aber nicht nur innerhalb der Filmbranche hoch angesehen, auch in anderen Feldern machte sie Eindruck. So meinte etwa Architekt Norman Foster: „Er steht in der Tradition der theoretischen Visionäre. Wenn ich an Giovanni Piranesi denke, baut Ken Adam, was Piranesi projiziert hat … Diese Räume – ob es sich um die Höhle im Herzen eines Vulkans handelt, ob es sich um einen Bunkerraum handelt, ob es sich um ein Auto wie den Aston Martin oder Tschitti Tschitti Bäng Bäng handelt – sie sind in unser Gedächtnis eingebrannt, sie bleiben dort, sie sind mächtig, sie sind räumlich, sie sind heroisch. Das halte ich für ein großes Vermächtnis.“

Der Architekt Daniel Libeskind ist davon überzeugt, dass die Set-Designs von Ken Adam einen kulturellen Einfluss ausüben, der über die Filmwelt hinausgeht: „Meine Vorstellungskraft wurde definitiv durch die Sets von Ken Adam angeregt – vielleicht zuerst nicht bewusst … eher unterschwellig. Diese Welt von Ken Adam steigerte die Erwartungen in Raum, Licht und Farbe in Bezug auf die Realität der Architektur.“

Sir Ken Adam wurde 1921 als Klaus Hugo Georg Fritz Adam in Berlin geboren. 1934 flüchtete die jüdische Familie nach Großbritannien. Adam studierte zuerst Architektur, bevor er sich nach dem 2. Weltkrieg als Szenenbildner und Zeichner dem Film zuwandte. Der passionierte Zigarrenraucher arbeitete mit den größten Regisseuren seiner Zeit zusammen, darunter Michael Caine, Jacques Tourneur, Robert Aldrich und Stanley Kubrick. Adam erhielt im Lauf seiner Karriere zwei Oscars, zwei BAFTAs und den Art Directors Guild Lifetime Achievement Award. Das Oeuvre von Ken Adam, das in der Deutschen Kinemathek aufbewahrt wird, umfasst über 5.600 seiner Zeichnungen, darunter Entwürfe für nie realisierte Projekte sowie andere architektonische Arbeiten. Das digitale Ken-Adam-Archiv, das 2016, kurz nach Adams Tod, online ging, gewährt Forschern und Studenten, Fans und Bewunderern Zugang zu seinem Werk.

The Ken Adam Archive. Christopher Frayling, in Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinemathek, Hardcover, in changierenden Bicolor-Stoff gebunden, mit 4-Phasen-Hologramm, 36 x 36 cm, 3,88 kg, 360 S., mit graviertem Buchständer aus Acryl, Edition von 1.200 nummerierten und von Ken Adam signierten Exemplaren, 850 Euro. Verlag: TASCHEN


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