Home Art Visionär, optimistisch, kritisch – Vienna Biennale / Planet Love

Visionär, optimistisch, kritisch – Vienna Biennale / Planet Love

von Markus Schraml
Climate Pandemics, Vienna Biennale 2021

Auch die vierte Ausgabe der VIENNA BIENNALE FOR CHANGE widmet sich der „Klimafürsorge im digitalen Zeitalter“. Diesmal steht sie unter dem Titel „Planet Love“. An fünf Standorten werden Ausstellungen gezeigt und Projekte umgesetzt, die sich mit den Möglichkeiten für eine nachhaltige Zukunft auseinandersetzen und die Frage stellen/beantworten, welche Rolle dabei Architekt*innen, Künstler*innen und Designer*innen spielen können.

„Bei der Entwicklung und Verbreitung eines Zukunftsmindsets im Sinne einer nachhaltigen Klima-Zukunft kommt zeitgenössisch arbeitenden Kunstinstitutionen und Kunstschaffenden eine Schlüsselrolle zu“, meint Christoph Thun-Hohenstein, Generaldirektor des MAK und Initiator sowie Leiter der VIENNA BIENNALE FOR CHANGE. „Wir hoffen, die Besucher*innen mit den zahlreichen, bei der diesjährigen Vienna Biennale gezeigten Kunstwerken und -installationen, Designprozessen und Ideen zu Stadt-und Raumplanung inspirieren und für die große, nur gemeinsam leistbare Transformation in Richtung einer ökosozialen Klima-Moderne begeistern zu können.“

Klimafürsorge im MAK

Im Zentrum der Biennale-Aktivitäten steht die Ausstellung CLIMATE CARE. Stellen wir uns vor, unser Planet hat Zukunft. Mehr als 120 Beiträge von Künstler*innen, Designer*innen, Architekt*innen, Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen und Autor*innen stehen im Hauptbeitrag des Wiener MAK für das enorme Potenzial künstlerischer Disziplinen, eine nachhaltige, also klima-gerechte Zukunft mitzuentwickeln und voranzutreiben. Die vorgestellten Arbeiten sind für sich genommen jeweils kleine Innovationen und Konzepte, die ein visionär-optimistisches Gesamtbild ergeben sollen.

Zu sehen sind unter anderem die Videoarbeit Think of Yourself as a Planet (2019), von Kim Stanley Robinson, einem der bekanntesten Science-Fiction-Autoren der Gegenwart, oder Maximilian Prüfers Arbeit A Gift From Him (2018). Der Künstler erforscht die Folgen der Umweltzerstörung auf den Bestäubungsprozess in der Landwirtschaft am Beispiel des wichtigsten Obstanbaugebiets Chinas, Sichuan, wo Menschen die Aufgaben von Bienen übernommen haben. Oder Merlin Sheldrake, der sich in Verwobenes Leben. Wie Pilze unsere Welt formen und unsere Zukunft beeinflussen (2020) mit der Bedeutung von Pilzen für die Ökologie der Erde beschäftigt.

Mit neuen kreativen Materialansätzen experimentiert Roya Aghighi. Ihr Ausstellungsbeitrag Biogarmentry spekuliert über die Nutzung fotosynthetisierender Textilien, die zugleich die Raumluft verbessern. KNOT. The New Age of Trichology (2016 – present), ein Projekt des Studios Sanne Visser, erforscht als eines der ausgestellten Beispiele für Wiederverwertung das Potenzial von Haar als Rohstoff. Und EOOS NEXT zeigt mit dem Elektro-Lastenfahrrad ZUV (Zero Emission Utility Vehicle, 2021) ein kostengünstiges, lokal produzierbares Mobilitätskonzept. Der Body des Cargo-E-Bikes kommt aus dem 3D-Drucker, kann geschreddert und wieder neu ausgedruckt werden.

Klimawandel und skrupellose Landenteignung

Die Ausstellung Ecologies and Politics of the Living der Universität für angewandte Kunst Wien untersucht die Vorstellung und Wahrnehmung der Menschen von Natur. Parallel dazu präsentiert die Angewandte die interaktive Medienskulptur Collective Action Viewer im öffentlichen Raum. Verena Tscherner und Joerg Auzinger machen damit die Auswirkungen des globalen Klimawandels sichtbar und für die Betrachter*innen begreifbarer. Dem Thema Enteignung und Vertreibung der Landbevölkerung durch Konzerne, Staaten oder Investoren widmet sich die Ausstellung INES DOUJAK. Landschaftsmalerei im KUNST HAUS WIEN. Dabei geht es auch um den Verlust der Sortenvielfalt durch monokulturelle Bewirtschaftung. Passend dazu steht die Zukunft von Lebensmitteln im Zentrum von EAT LOVE. Essensräume von morgen, einem gemeinsamen Projekt der Wirtschaftsagentur Wien und dem MAK.

Aus der Asche der Hybris

Superflux lädt mit der vom MAK beauftragten Arbeit INVOCATION FOR HOPE dazu ein, über die Beziehung des Menschen zur Erde nachzudenken. Gibt es alternative Visionen unseres Planeten? Das anglo-indische Designerteam schafft mit einem überdimensionalen symmetrischen Raster mit mehr als 400 verbrannten Bäumen eine Allegorie für die Zerstörung unserer Umwelt. Aber – diese Baumskelette geben ihre fruchtbare Kraft weiter und nähren einen neuen jungen Wald.

INVOCATION FOR HOPE von Superflux. The Possibility of a Forest, 2021, Motion Design: Michele Vannoni und Dimitris Papadimitriou. Eine neue Auftragsarbeit für das MAK Wien. © Superflux

Auf dem Weg in die Kreislaufgesellschaft?

Unter dem Titel DIGITAL & CIRCULAR. Wege in die Kreislaufgesellschaft präsentiert das MAK ab 23. Juni 2021 (MAK-Kunstblättersaal und MAK-Säulenhalle, 1. Stock) die Ergebnisse einer interdisziplinären Arbeit zu „digitalen Innovationen für ökologische Zukunftsfähigkeit“. Dabei erforschen EOOS NEXT und das Designstudio Process mit einer vom Stoffströme-Forscher Helmut Haberl (Institut für Soziale Ökologie der BOKU Wien) geleiteten Arbeitsgruppe Potenziale von Kreisläufen und ihren effektiveren Einsatz.

DIGITAL & CIRCULAR Wege in die Kreislaufgesellschaft © EOOS NEXT/Process – Studio for Art and Design.

Als übergreifende Diskursplattform zu den Themen der Vienna Biennale organisiert das Az W–Architekturzentrum Wien die von allen Biennale-Partnerinstitutionen gemeinsam programmierte Konferenz PLANET MATTERS (3.–4. September 2021). Bei dieser Konferenz diskutieren internationale Akteur*innen aus Architektur, Kunst, Design, Ökologie und Ökonomie die unterschiedlichen Ansätze des Mottos PLANET LOVE.

Die VIENNA BIENNALE 2021 wird vom MAK, der Universität für angewandte Kunst Wien, der Kunsthalle Wien, dem Architekturzentrum Wien und der Wirtschaftsagentur Wien sowie dem KUNST HAUS WIEN als neuem Partner und dem AIT Austrian Institute of Technology als außeruniversitärem Forschungspartner veranstaltet.


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