Home Architecture 15-Minuten-Stadt gewinnt Obel Award 2021

15-Minuten-Stadt gewinnt Obel Award 2021

von Markus Schraml

Der Gewinner des zum dritten Mal verliehenen Obel Award ist die 15-Minuten-Stadt von Carlos Moreno. Dieser junge internationale Architekturpreis zeichnet herausragende architektonische Beiträge rund um den Globus aus, die entscheidend zur Entwicklung der Menschheit bzw. zum Gemeinwohl beitragen. Der Obel Award soll auch das Bewusstsein der Öffentlichkeit für den transformativen und gesellschaftlichen Wert von Architektur stärken.

Die lebenswerte Stadt

Die 15-Minuten-Stadt ist ein Begriff, der 2016 von Carlos Moreno, wissenschaftlicher Direktor und Professor für komplexe Systeme und Innovation an der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne, geprägt wurde. Er umfasst eine Stadttheorie und ein Stadtmodell, mit dem Städte sicherstellen können, dass alle Einwohner*innen die Orte ihrer täglichen Bedürfnisse (Arbeit, Wohnen, Essen, Gesundheit, Bildung, Kultur und Freizeit) innerhalb von 15 Minuten erreichen können – zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Das Modell wurde bereits von mehreren Städten übernommen, insbesondere in Paris, wo Bürgermeisterin Anne Hidalgo mit Carlos Moreno zusammenarbeitete und es zu einem Teil ihrer Wiederwahlkampagne im Jahr 2020 machte.

Das Konzept der 15-Minuten-Stadt ist auf eine menschenzentrierte, umweltverträgliche städtische Zukunft ausgerichtet. Es will eine Stadt für alle garantieren und Gentrifizierung vermeiden. Das Modell unterstützt eine dezentrale Stadt und eine Verkehrsverlagerung weg von Privatfahrzeugen, was gleichzeitig den Verbrauch fossiler Brennstoffe reduziert und die Lebensqualität der Bürger*innen erhöht. „Es ist schon komisch, wenn man daran denkt: Die Gestaltung vieler moderner Städte wird oft von der Notwendigkeit bestimmt, Zeit zu sparen, und dennoch geht so viel Zeit verloren, um zu pendeln, im Stau zu stehen, in ein Einkaufszentrum zu fahren. Es ist eine Blase von illusorischer Beschleunigung“, sagt Moreno.

Fahrrad-Pendler in Kopenhagen. Foto © Emilie Koefoed für den Obel Award

Die Zurückdrängung des Autos

Viele der Qualitäten der 15-Minuten-Stadt waren die Norm, bevor Autos das Stadtgefüge dominierten. Heute sind Städte in getrennte Gebiete unterteilt: Wohngebiete, Einzelhandel, Gewerbe, Industrie, Unterhaltung. Diese Struktur hat laut Moreno die Transportzeit und die Transportemissionen erhöht sowie die Umweltbelastung verstärkt.

Die 15-minütige Stadt greift Ideen auf, die zum Teil auch in anderen urbanen Theorien vorkommen, wie in Jane Jacobs’ Gedanken über das urbane Leben oder in der Arbeit von Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom über das Gemeinwesen. Die 15-Minuten-Stadt reagiert auch auf neue Herausforderungen wie Klimawandel und Globalisierung. Sie umfasst Veränderungen im Lebens- und Arbeitsstil sowie neue Technologien und Innovationen wie Elektromobilität, Digitalisierung und Sharing Economy.

Temporärer Community Space in Kopenhagen. Foto © Emilie Koefoed für den Obel Award
Skizze des Konzepts der 15-Minuten-Stadt. © Micael
Carlos Moreno während der Preisverleihung des Obel Award 2021 in Paris. © Obel Foundation

Der Mensch im Fokus

Dabei ist die 15-Minuten-Stadt frei von politischen Ideologien und Haltungen zur Ästhetik der Architektur. Sie verzichtet auf konkrete Vorgaben zur Stadtraumgestaltung. Das Modell definiert lediglich eine Reihe universeller menschlicher Bedürfnisse und die wünschenswerte Entfernung zu ihnen. Somit lässt es sich leicht an unterschiedliche Städte anpassen. Die „15-Minuten-Stadt“ ist international der populärste Begriff, dessen Konzepte unter anderen Namen in mehreren Städten weltweit bereits umgesetzt wurden. Etwa die „ciudad a escala humana“ („Stadt im menschlichen Maßstab“, Buenos Aires), „complete neighbourhoods“ (Portland, Oregon), „Barrios Vitales“ („vitale Viertel“, Bogotá) oder die „20-Minuten-Viertel“ in Melbourne. In Shanghai und Chengdu gibt es 15-Minuten-Spaziergänge oder „15-Minuten-Community-Life-Circles“.

Im Kern dieses Modells geht es um Lebensqualität. Die Bürger*innen stehen im Zentrum. Dennoch bedarf es zur Umsetzung viel Überzeugungsarbeit seitens progressiver Stadtplaner*innen, denn sich von Gewohntem zu entfernen (Auto fahren in der Stadt plus im Stau stehen), stößt mitunter auf große Widerstände.


Mehr zum Thema:


Weitere TOP-Artikel

Diese Website verwendet Cookies. Bitte akzeptieren Sie, um fortzufahren. Akzeptieren Informieren