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Der Situation ihre Architektur – Jean Nouvel

von Markus Schraml
Jean Nouvel, Ohmeyer

Er ließ die Moderne und auch die Postmoderne hinter sich und kreierte seine eigene Architektur-Sprache, das schrieb Bill Lacy in seinem Buch „One Hundred Contemporary Architects“ über Jean Nouvel. Der herausragende französische Architekt verwandt in seinen Projekten immer sehr viel Kraft darauf, die Gebäude harmonisch in ihre Umgebung zu setzen. Das bedeutet in den wenigsten Fällen, dass es darin verschwindet (mit Ausnahme des Sharaan Desert Resorts in Saudi-Arabien), sondern dass der Umgebung eine Art fehlendes Puzzle-Teil hinzugefügt wird.

Jean Nouvel gehört zum kleinen Klub der Architektur-Stars, behauptete Philip Jodidio in seinem Essay über Nouvel in einer 2008 erschienen Monografie. Nun ist eine umfassend aktualisierte Ausgabe dieses Buches bei Taschen erschienen. Umfassend meint, dass 25 neue Projekte und aktuelle Fotos in diese XXL-Monografie aufgenommen wurden. Wichtige Arbeiten wie der Pavillon für die Londoner Serpentine Gallery oder eben das Sharaan Desert Resort, ein in den Sandsteinfelsen der saudi-arabischen Al-ʿUla Oase geschlagenes Hotel, das 2023 fertiggestellt werden soll, komplettieren das fast 800-seitige Werk.

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Auf unterschiedliche Situationen in unterschiedlicher Art zu reagieren und gleichzeitig immer zu originellen Ergebnissen zu gelangen, ist die große Stärke Nouvels. Selbst wenn die Ausgangslage eines Projekts nicht optimal ist, greift der Architekt diese Aspekte auf und erstellt daraus sein Konzept. Internationale Bekanntheit erreichte Nouvel mit dem Bau des Pariser Institut du Monde Arabe (1981 – 1987). Die Herausforderung bestand darin, an einem prominenten, aber ungünstig geformten Ort ein modernes Statement zu setzen. Schließlich wurde es ein schönes Schaufenster in die arabische Welt, dessen augenscheinlichstes Merkmal die von Maschrabiyya-Fenstergittern inspirierte Fassade ist. Die Paneele bestehen allerdings nicht aus Holz, sondern sind Hightech-Irisblenden, die sich computergesteuert stufenlos öffnen und schließen – je nach Sonnenstand – was allerdings nie wirklich gut funktionierte. Dennoch ist es ein gelungenes Symbol für das angestrebte Verständnis zwischen Frankreich und der arabischen Welt. Kein Wunder also, dass es mit dem renommierten Aga Khan Award for Architecture ausgezeichnet wurde.

Institut du Monde Arabe in Paris, 1981 – 1987. Foto © Arthur Weidmann

Jean Nouvels Gebäude sind außergewöhnlich und in ihrer Besonderheit führten sie oft zu Kontroversen. Die jeweilige Zweckbestimmung ist konzeptionell wohl durchdacht, nicht immer führte dies aber auch in der Realität zu praktikablen Lösungen – wie sich im Nachhinein herausstellte. Dass die Intentionen des Architekten manchmal zu anderen als den impliziten Ergebnissen führten, lag mitunter außerhalb seiner Einflusssphäre. Ein Beispiel: Nouvel wollte mit seinen Nemausus-Wohnblöcken in Nîmes den sozialen Wohnbau verändern, indem er benachteiligten Menschen mehr Wohnraum bereitstellte. Diese Absicht wurde allerdings von der öffentlichen Wohnbaubehörde zunichtegemacht. Denn diese berechnete die Miettarife kurzerhand nach den größeren Wohnflächen, was sie für die eigentliche Zielgruppe der Geringverdiener unerschwinglich machte. Der Fehler lag hier nicht bei Nouvel, sondern ist einem System der Profitgier, das unweigerlich zur Gentrifizierung führt.

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Von Frankreich in die Welt

Jean Nouvels erstes wichtiges Gebäude außerhalb Frankreichs war das Kultur- und Kongresszentrum in Luzern (Schweiz). Sein Drang, über die Grenzen seines Heimatlandes hinauszugehen, brachten ihm schließlich auch internationales Renommee ein, das Nouvel auf eine Stufe mit Persönlichkeiten wie Tadao Ando, Frank Gehry oder Rem Koolhaas setzte. Arbeiten in Spanien (Agbar Tower in Barcelona oder die Erweiterung des Reina Sofia Museum in Madrid, 2005), den USA (Guthrie Theater, Minneapolis, 2006) und vor allem Projekte im Nahen Osten steigerten seinen Ruhm und die Auftragslage seines Ateliers. Der Doha Tower (2011) und das Nationalmuseum von Katar (2019) oder der Louvre Abu Dhabi (2017) stellen immer komplexere Arbeiten in Nouvels Portfolio dar. Für den Louvre entwickelte Nouvel eine im Durchmesser 180 Meter große Kuppel, die vor der brennenden Sonne schützt und nicht weniger als 55 kleine Gebäude überdacht. Das Nationalmuseum in Katar wiederum begeistert mit einer Struktur, die auf den Formen der Wüstenrose basiert.

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„Die Zukunft der Architektur ist nicht länger architektonisch. Anstatt einer abgeschlossenen Disziplin, wie sie scheinbar im heutigen technokratischen Frankreich ausgeübt wird, muss die Architektur ihre Inspiration in der Kultur der Zeit, in anderen Disziplinen suchen. Sie muss den Kern der Gesellschaft erfassen, von welcher sie immer der ultimative Ausdruck war“, sagte Nouvel schon 1980.

Jean Nouvel wurde 1945 in Fumel, Frankreich geboren. Nachdem er sich an der Ecole des Beaux-Arts in Bordeaux eingeschrieben hatte, belegte Jean Nouvel 1966 den ersten Platz bei der Aufnahmeprüfung an der Ecole Nationale Supérieure des Beaux-Arts in Paris und erhielt 1971 sein Diplom. Bereits 1970 gründete er sein erstes Architekturbüro. 1976 war er Gründungsmitglied der „Mars 1976“-Bewegung, deren Ziel es war, sich dem Korporatismus der Architekten entgegenzustellen. Im Jahr 2000 erhielt Nouvel den Goldenen Löwen der Biennale von Venedig, 2001 die Gold Medal des Royal Institute of British Architects sowie den Praemium Imperiale der japanischen Fine Arts Association. 2002 wurde im die Ehrendoktorwürde des Royal Collage of Art in London verliehen. Mit dem Pritzker Prize 2008 erreichte Nouvel schließlich den absoluten Olymp der Architekturauszeichnungen.

Das Lyon Opera House, 1986 – 1993. Pragmatische Lösung: Glaskuppel auf das bestehende Gebäude setzen. © Taschen

In einem Artikel in der New York Times sagte Novel im Jahr 2008: „Ich bin weder Maler noch Schriftsteller. Ich arbeite nicht in meinem Zimmer. Ich arbeite in verschiedenen Städten mit unterschiedlichen Leuten. Ich bin eher ein Filmemacher, der Filme zu unterschiedlichsten Themen dreht. Stil auf die Übernahme einer bestimmten Formensprache zu reduzieren, ist eine so kurzsichtige Vision, dass ich, wenn mir das vorgeworfen wird, diesen Vorwurf einfach zurückwerfe.“

Jean Nouvel by Jean Nouvel. 1981–2022

Jean Nouvel, Philip Jodidio, Hardcover, 29 x 36,8 cm, 5,73 kg, 784 S., Englisch u. Französisch, ISBN 978-3-8365-4902-8. Verlag: Taschen.

Die umfassend ergänzte Ausgabe der Jean Nouvel-Monografie ist bei Taschen erschienen. © Taschen

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