Home Art Die Dinge um uns herum – flaming stars von Natascha Madeiski

Die Dinge um uns herum – flaming stars von Natascha Madeiski

von Markus Schraml
Natascha Madeiski

Die deutsche Möbelmarke pulpo definiert sich über die ganz persönlichen Designvorlieben ihrer Gründer Ursula und Patrick L’hoste. Sie selbst bezeichnen ihr Unternehmen als Designverlag und haben von Weil am Rhein aus seit 2006 eine Kollektion aufgebaut, die in der Nähe der Collectible Designszene angesiedelt ist. Wertvolle Einzelstücke eigenständiger kreativer Köpfe, die das Dogma der Reduktion hinter sich gelassen haben. In dieses Bild passt auch Natascha Madeiski, die für pulpo die Leuchtenkollektion „flaming stars“ kreierte.

Der Name bezieht sich nicht auf die englische Garage Punk-Band aus den 90er-Jahren, sondern auf den King höchstselbst – Elvis. Angel- und Drehpunkt dabei ist das Schlagwort Memphis. Als Stadt beheimatet sie Elvis Presleys Graceland, als Bezeichnung für die postmoderne Mailänder Designgruppe steht der Name für eine Abkehr von den strengen Regeln des Funktionalismus. Ohne Zweifel haben Madeiskis „flaming stars“ einen Memphis-Touch. Es sind freundliche Kreaturen, die aus zusammengesetzten Formen bestehen. Objekte, welche die in Zürich lebende Südtirolerin in ihrer direkten Umgebung vorgefunden hat. Die Art und Weise, wie sie die Kugeln, Zylinder und Trichter kombiniert, zeugt von einem außergewöhnlichen Gespür für Gestaltung. Dabei wird der sympathische Maker-Charakter durch die glänzend glasierte Keramik auf ein Niveau gehoben, das eine sehr viele breitere Zielgruppe ansprechen dürfte.

Im FORMFAKTOR-Gespräch erzählt Natascha Madeiski von der Idee zur neuen Kollektion, dem Erinnerungswert von Dingen und Kunst mit Funktion.


FORMFAKTOR: Ihre Leuchten wirken wie freundliche Zeitgenossen, die man gerne um sich hat. Was war der Ausgangspunkt für die Kollektion „flaming stars“?

Natascha Madeiski: Es war ursprünglich ein sehr intimes Projekt, das während COVID entstanden ist, wo man sich mehr mit den Dingen beschäftigt hat, die einen umgeben. Alle Objekte, die ich dafür verwendete, hatte ich schon. Es wurde nichts Neues gemacht, nichts produziert. Zu jener Zeit war jeder sehr in sich gekehrt. Mich hat das zum Gedanken geführt, dass man oft gar nicht so weit schauen muss. Vieles ist schon da, man muss es nur sehen. Ich glaube, das ist auch der Zeitgeist, dass man darauf achtet, was schon vorhanden ist und sich überlegt, was man daraus machen kann, anstatt immer wieder neu zu beginnen. Ich möchte das gar nicht als eine Art Nachhaltigkeitsprojekt sehen, sondern es geht um ein generelles Umdenken in unserer Einstellung zur Welt um uns herum und den Dingen darin.

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FORMFAKTOR: Das Projekt, das dieser jetzigen Kollektion zugrunde liegt, heißt Mash Up. Inwieweit musste es für pulpo verändert oder angepasst werden?

Natascha Madeiski: Im Grunde ist es genauso wie die ursprüngliche Idee. Wir haben die Objekte allerdings etwas vergrößert. Ursprünglich verwendete ich zum Beispiel eine kleinere Styroporkugel, hatte aber sehr wohl auch eine größere zur Verfügung. Und Patrick (L’hoste Anm.) bevorzugte die größere. Durch meine Arbeitsweise mit den ursprünglichen Objekten – sie wurden direkt von den Prototypen abgegossen – habe ich die Prototypen teilweise verloren. Für die Serienproduktion braucht man natürlich einen beständigen Prototypen, aber das war für mich am Anfang des Projekts nicht notwendig. Ich arbeitete vielmehr mit Formen der einzelnen Elemente.

FORMFAKTOR: Das heißt, es gab keine ganzen Prototypen, sondern sozusagen Prototypen der Bestandteile?

Natascha Madeiski: Ich habe ein Archiv von Formen erstellt, die ich dann recht spontan zusammengebaut habe. Für die Serienproduktion arbeiten wir anders. Jetzt gibt es sieben festgelegte Objekte und die jeweiligen Prototypen dazu aus Gips. Auch der Prozess des Zusammenbauens funktioniert jetzt anders. Das per Hand zu machen, wie ich zu Beginn, kann man sich in der Produktion nicht leisten.

FORMFAKTOR: Die Leuchten bestehen aus Keramik?

Natascha Madeiski: Ja, aus Keramik. Ursprünglich habe ich Steingut verwendet. Sie sehen relativ kompliziert aus, aber im Grunde kann man sie aus nur zwei Teilen herstellen.

FORMFAKTOR: Es gibt auch eine Sonderedition.

Natascha Madeiski: Dafür verwenden wir dasselbe Material, aber es gibt einen dritten Arbeitsschritt, bei dem eine Silberlasur aufgetragen wird. Dann wird das Ganze nochmal gebrannt, aber mit einer viel niedrigeren Temperatur.

Video der Ursprünge der flaming stars – als sie noch Mash Up hießen. © Natascha Madeiski

FORMFAKTOR: Sie arbeiten künstlerisch. Wie ist ihr Zugang als Künstlerin zum Design?

Natascha Madeiski: Es geht darum, wie man zu den Dingen kommt. Ich habe ja nicht Produktdesign studiert, sondern Architektur. Lange Zeit unterrichtete ich Architektur. Über das Unterrichten kam ich in eine Makers Group, wo ich mich dann mit Keramik zu beschäftigen begann. Dort habe ich mir den Umgang damit autodidaktisch beigebracht unter Anleitung der tollen Fachleute, die es dort gab.

FORMFAKTOR: Woraus ziehen Sie Ihre Inspirationen?

Natascha Madeiski: Das kann ein Urlaub sein, wo man Dinge entdeckt. Oft hat es einen architektonischen Zusammenhang. In diesem konkreten Fall war die Idee, dass man einfach eine Pause macht und sich ansieht, was einen umgibt, darüber reflektiert, was man hat. Die verwendeten Elemente haben eigentlich keinen objektiven Wert, aber sie besitzen für mich einen persönlichen Wert. Erinnerungsstücke, die vielleicht zwanzig Jahre lang im Schrank lagen. Die Kreationen bestehen aus genau solchen Objekten. Der Ballon zum Beispiel, oder alte Prototypen aus anderen Projekten, für die ich jetzt eine neue Verwendung gefunden habe.

FORMFAKTOR: Gab es am Anfang sehr viele Elemente, die Sie dann aber nicht verwendet haben?

Natascha Madeiski: Ja, da gibt es noch mehr. Ich habe eine Vorselektion getroffen. Aber die Elemente, die jetzt nicht dabei sind, hebe ich trotzdem auf, denn man kann das Spiel ja weiter spielen.

Talk in Mailand mit Ursula und Patrick L’hoste, Sebastian Herkner, Natascha Madeiski und Robert Thiemann. © pulpo

FORMFAKTOR: War es von Beginn an klar, dass es Leuchten sein sollen?

Natascha Madeiski: Ja. Ich arbeite gerne an dieser Grenze von Gebrauchsobjekt und Skulptur. Das finde ich sehr spannend. Und ich glaube, dass sich Leuchten in dieser Hinsicht besonders gut eignen. Ich habe wirklich ein Faible für Leuchten.

FORMFAKTOR: Als Künstlerin kann man Bilder malen, abstrakte Dinge schaffen oder eben auch funktionelle Objekte. Warum haben Sie letzteren Weg gewählt?

Natascha Madeiski: Ich tue mir schwer mit Dingen, die keine Funktion haben. Ich denke, das hat mit meinem Architekturstudium zu tun. Ich brauche einen Grund und einen Sinn hinter dem Ganzen. Ich kann mir Kunst ansehen, damit habe ich kein Problem, aber selbst so etwas zu schaffen, fällt mir schwer. Das kann ich vor mir selbst nicht rechtfertigen. Es gibt allerdings Drucke von mir. Aber das sind eher Skizzen, eine 2-D-Erarbeitung eines 3-D-Objekts.

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FORMFAKTOR: Die „flaming Stars“ bewegen sich in diesem Grenzbereich zwischen Kunst und Design.

Natascha Madeiski: Sie gehören sicher in die Collectible Designsparte. Die mag ich und sammle auch selbst solche Dinge. Ich finde es schön, Objekte zu kreieren, die sich nicht so leicht einordnen lassen. Im Design ist es ja oft so, dass es sich an einen Kontext anpasst. Die flaming stars passen sich nicht an.

FORMFAKTOR: Einerseits erscheinen die Objekte vertraut und rufen Erinnerungen hervor, die aber eher unbestimmt bleiben. Sie scheinen zum Betrachter zu sprechen.

Natascha Madeiski: Sie haben etwas Menschliches. Ich sage immer: Different characters with an attitude. Es sind einfach kleine Charaktere.

FORMFAKTOR: Vielen Dank für das Gespräch!


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