Home Design Die Kunst der Zurückhaltung – Jasper Morrison designt Moca

Die Kunst der Zurückhaltung – Jasper Morrison designt Moca

von Markus Schraml
Moca, Morrison, Vitra

In den alltäglichsten Objekten und Produktkategorien das Besondere zu finden, ist Jasper Morrisons Mission. Der vom deutschen Rat für Formgebung im vergangenen Jahr zur „Personality of the Year“ gekürte Designer sieht es als eine seiner wichtigsten Aufgaben, an der Verbesserung von Dingen zu arbeiten, mit denen wir uns umgeben und die wir tagtäglich benutzen. Der jüngste Streich auf der Suche nach dem „Supernormalen” ist der Stuhl Moca für Vitra. Ein Möbel, das auf den ersten Blick nicht groß auffällt, das aber durch die gewohnt sorgfältige Detailarbeit des britischen Studios, welche aus dem ständigen Streben, das Thema Stuhl voranzutreiben resultiert, begeistert. Morrisons Stuhlkreationen wollen den Raum niemals beherrschen, sondern die Atmosphäre darin unterstützen, bereichern. Moca erscheint zunächst wie ein alter Freund, ein Möbel, das man zu kennen glaubt und schon tausendfach gesehen zu haben meint. Doch der Stuhl aus zwei gebogenen Stahlrohren und zwei Furnierholzschalen stellt vor allem in ergonomischer Hinsicht eine Weiterentwicklung dar. Im formfaktor-Interview erklärt Jasper Morrison die Hintergründe zur Entstehung des Moca und seine generelle Faszination für Stühle:

(Weitere Neuheiten von Vitra im Anschluss an das Interview)

formfaktor: Warum haben Sie für Moca gerade diese Stuhlart gewählt, die aus den 1950er und -60er Jahren stammt?

Jasper Morrison: Mir ist aufgefallen, dass einige der schöneren Kaffeehäuser diese Typologie kürzlich übernommen haben und ich denke, dass sie sich sehr gut dazu eignet, an solchen Orten eine gute Atmosphäre zu schaffen. Der Ursprung liegt wahrscheinlich im Schulstuhl, weshalb sie meistens sehr klein sind und sich nicht stapeln lassen. Das gab die Möglichkeit, den Stuhl mit besseren Proportionen, besserem Komfort sowie der Option zu stapeln zu aktualisieren.

formfaktor: Wie haben Sie die Ergonomie verbessert?

Jasper Morrison: In puncto Ergonomie bei Stühlen dreht sich alles um das relative Verhältnis der Winkel von Sitz- und Rückenlehne zueinander sowie um die Krümmung von Sitz- und Rückenlehne. Ein flacher Sitz und eine flache Rückenlehne sind nicht komfortabel, selbst wenn die Winkel stimmen. Es stellt sich auch die Frage, wo sich die Rückenlehne relativ zum Sitz befindet – ist sie zu hoch oder zu niedrig wird der Stuhl nicht bequem sein.

formfaktor: Wie verbessert Moca nun den Alltag?

Jasper Morrison: Es geht vor allem um die Atmosphäre. Wenn man einen Raum mit einem einzigen Stuhlmodell einrichtet oder auch nur eine Küche mit vier Stühlen und der Stuhl zu laut und ausdrucksstark ist, wird das die Atmosphäre zerstören. Man muss also ruhigere Ausdrucksformen finden, um das richtige Gleichgewicht und eine Natürlichkeit in der Atmosphäre zu erreichen.“

formfaktor: Was unterscheidet einen guten von einem schlechten Stuhl?

Jasper Morrison: Wie ich bereits erwähnt habe, wäre ein schlechter Stuhl übermäßig ausdrucksstark und zu sehr darum bemüht, Aufmerksamkeit zu erregen. Mit falschen Winkeln und Krümmungen und zu wenig Überlegungen in Bezug auf den natürlichen Charakter des fertigen Stuhls.

formfaktor: Was fasziniert Sie so an Stühlen?

Jasper Morrison: Es ist das interessanteste Puzzle und immer ein neues. Es gibt so viele verschiedene Arten von Stühlen, dass man nie das Gefühl hat, ein Design wiederholt sich. Im Lauf der Jahre haben wir viel darüber gelernt, wie wir die Performance verbessern können. Es ist einfach ein großes Vergnügen, einen guten Stuhl zu machen.

formfaktor: Braucht die Welt einen weiteren Stuhl?

Jasper Morrison: Die Eigenschaften von Stühlen haben sich, wie auch die Eigenschaften von Autos oder vielen anderen Dingen, in den letzten 20 oder 30 Jahren enorm verbessert. Es wird immer einen Platz für einen noch besseren Stuhl geben. Wenn wir in zehn Jahren aufhören würden, uns Gedanken über Stühle zu machen, würden sich alle beschweren. Ich habe nie verstanden, warum diese Frage so oft in Bezug auf Stühle gestellt wird und nicht über irgendetwas anderes.“

formfaktor: Wie denken Sie über Themen des Materialrecyclings und die Veränderung von Produktionsprozessen bis hin zum Modell der Kreislaufwirtschaft?

Jasper Morrison: Das ist sehr wichtig. Wir selbst haben uns sehr hohe Standards gesetzt, in Bezug auf die Zerlegbarkeit, das Recycling und die Möglichkeiten des Reparierens von Produkten. Wir designen sie so, dass sie sowohl optisch als auch strukturell eine lange Lebensdauer haben. Wenn ein Stuhl 20 Jahre lang oder mehr genutzt werden kann, ist sein ökologischer Fußabdruck im Vergleich zu Modeprodukten, Elektronik oder den Transport wirklich irrelevant.

formfaktor: Wie wird die aktuelle Krise die Wirtschaft und die Produktionsprozesse beeinflussen und welche Rolle können Designer*innen dabei spielen?

Jasper Morrison: Ich bin sicher, dass es Veränderungen geben wird, aber es ist sehr schwer, Vorhersagen zu treffen. Ich glaube, dass es wichtiger ist, sich darauf zu konzentrieren, bessere Produkte zu entwickeln, egal was sonst so passiert.

Moca Jasper Morrison, Vitra

Moca vereint das gesammelte Wissen von Jasper Morrison und das Know-how von Vitra in sich. © Vitra

 

 

Vitra Herbst-Kollektion 2020

Der Moca-Stuhl von Jasper Morrison ist Teil der Vitra Herbst-Kollektion. Außerdem präsentiert der Schweizer Möbelhersteller eine Re-Edition des Chaise Tout Bois von Jean Prouvé. Eine Entwurfsvariante aus dem Jahr 1941 kommt so erstmals in die Serienproduktion, wobei Höhe und Sitzgeometrie heutigen Anforderungen angepasst wurden. Die im vergangenen Jahr in Mailand präsentierte Designstudio „Vases Découpage“ von Ronan & Erwan Bouroullec wurde zur Serienreife weiterentwickelt. Die handwerklich anmutenden Objekte bestehen jeweils aus einem gegossenen, zylinderförmigen Gefäß und einem Set aus Platten und Stäben aus Ton, die am Gefäß angebracht oder einfach darin platziert werden können. Schließlich hat Konstantin Grcic mit Citizen einen Lounge Chair designt, der durch seine ungewöhnliche formal-ästhetische Gestaltung das auffälligste Möbel der neuen Kollektion ist. Dem nun präsentierten Ergebnis gingen mehrjährige gemeinsame Forschungen von Grcic und Vitra voran. Inspirationen lieferte die sich verändernde Arbeitswelt der Tech-Unternehmen im Silicon Valley. Dieser neue Ansatz im Hinblick auf ergonomisch-dynamisches Sitzen verwendet Stahlrohr und Stahlseile und verbindet das Ganze zu einer Kreatur, die aus einer anderen, bisher unbekannten Welt zu stammen scheint. Ganz untypisch für einen Lounge Chair ist der freie Blick auf die Konstruktion. Die Sitzfläche ist mit drei Stahlseilen auf den Rahmen aufgehängt, was eine in alle Richtungen leicht schwingende Bewegung möglich macht. Für zusätzliche Dynamik und Flexibilität sorgt das drehbare Untergestell. Citizen wird in einer Highback und einer Lowback-Variante erhältlich sein.

Neue Form, neue Konstruktion, neue Dynamik des Sitzens – „Citizen“ von Konstantin Grcic. © Vitra


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