Home Design Die Tradition weitertragen – Marco Dessí designt D70 für Tecta

Die Tradition weitertragen – Marco Dessí designt D70 für Tecta

von Markus Schraml
D70 tecta

Marco Dessí hat ein Gespür für traditionelle Möbelmarken. Dem in Wien lebenden Südtiroler Designer gelingt es immer wieder, das Erbe von Firmen wie Lobmeyr, Wittmann oder Thonet respektvoll in die Zukunft zu tragen. Nun hat er für Tecta einen Sessel entworfen, der perfekt ins Portfolio des deutschen Bauhaus-Spezialisten passt und dabei gleichzeitig höchst zeitgemäß wirkt. Mit diesem Möbel setzt Tecta die Strategie fort, seinen historischen Stücken von Marcel Breuer, Walter Gropius oder Gerrit Rietveld zeitgenössische Entwürfe hinzuzufügen und dabei eine rote Linie zu bewahren. Auf jeden Fall hält Tecta-Chef Christian Drescher große Stücke auf den Neuzugang und setzt viel Energie und Hoffnung in den D70.

Im FORMFAKTOR-Exklusivinterview spricht Marco Dessí über seine Begeisterung für Tecta, einen Entwurf ohne Kompromisse und darüber, warum das neue Möbel den Beinamen „der Optimist“ trägt.

FORMFAKTOR: Warum hat der neue Sessel für Tecta den Beinamen „Optimist“?

Marco Dessí: Offiziell hat er den Namen D70, eine sehr technische Bezeichnung, wie viele Entwürfe im Tecta-Portfolio. Im Zuge des Entwurfsprozesses und in den Gesprächen darüber entstehen immer auch Assoziationen. Es sind diese verlängerten Vorderbeine, die den Sessel sozusagen in Form halten, die an den Segelmasten dieser kleinen Boote erinnern, die man Optimist nennt. Dieser Name hat uns sehr gefallen, nicht nur durch die Assoziation mit dem Segel, sondern auch durch die Entstehungszeit. Wir haben uns 2020 auf der Kölner Messe kennengelernt, sind ins Gespräch gekommen und dann hat uns die Pandemie getroffen. Das heißt, Reisen war nicht mehr möglich und damit auch das Nachjustieren der Prototypen vor Ort.

FORMFAKTOR: Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit?

Marco Dessí: Wir wurden von Christian Drescher eingeladen, einen Entwurf zu zeichnen. Vieles von dieser Arbeit passiert ja am Computer. Wir entwickelten im Studio den ersten Entwurf, der dann weiterentwickelt wurde. Dabei kamen auch entscheidende Ideen von Tecta. Zum Beispiel wollten wir das Bein ursprünglich in der Rückenlehne verstecken. Aber nachdem die ersten Fotos von der Sitzschale kamen, meinte Tecta, eigentlich ist dieses Bein so schön, wir sollten es zeigen. Man sieht, dass das Sesselbein zuerst rund und dann abgeflacht ist. Es ist ein Stahlrohr, das gedreht und abgepresst wird. Am Ende wird ein Loch hinein gelasert, wo man den Rücken einhängt. Das ist eine sehr schöne Metallarbeit – typisch Tecta.

FORMFAKTOR: Die Verwendung von Stahlrohr erinnert an das Bauhaus.

Marco Dessí: Ja, und auch die Offenlegung der Geometrie ergibt ein schönes konstruktives Gesamtbild. Das ist eben diese konstruktive Eleganz, die man von Bauhaus-Möbeln kennt. Es hat ein bisschen die Aura von Radikalität. Gerade weil man alles offenlegt und nichts versteckt. Das verbinde ich mit diesem avantgardistischen Gedanken des Bauhauses, der nie veraltet.

FORMFAKTOR: Sie schätzen das Bauhaus?

Marco Dessí: Es ist sicher eine der wichtigsten Bewegungen der Moderne und für mich immer wieder eine Inspirationsquelle.

Der D70 ist sehr wandlungsfähig. Je nach Stoffbespannung (von der deutschen Webmanufaktur ROHI) verändert sich der Charakter des Sessels erheblich. © Tecta, Foto: Sabrina Rothe

FORMFAKTOR: Wodurch zeichnet sich der D70 aus? Mir fällt auf, dass die Sitzfläche ungewöhnlich breit ist.

Marco Dessí: Ja, die breite, ovale Sitzfläche ist sehr charakteristisch, eigenständig und deshalb so passend für Tecta. Es ist auch seit Langem wieder ein sehr persönlicher Entwurf von mir. Ich musste keinerlei Kompromisse eingehen. Manchmal sind ja Kompromisse die Basis für einen Optimierungsprozess, aber hier hat einfach alles gepasst. Wir waren recht schnell immer einer Meinung.

FORMFAKTOR: Sie haben ihrer Faszination für den „Flying Furniture“-Katalog von Tecta Ausdruck verliehen. Wenn man eine Marke schon lange verehrt und dann eines Tages für sie arbeitet, besteht dann nicht die Gefahr, dass diese Verehrung hinderlich ist?

Marco Dessí: Es geht immer um die Beziehung zu den Menschen, mit denen man arbeitet. Auch wenn ich mich in Köln 2020 auf dem Tecta-Stand wie in einer Kunstgalerie gefühlt habe – diese Vielfalt an Entwürfen, aber gleichzeitig ein roter Faden – das hat mich schon sehr beeindruckt. Vor allem auch die Qualität der Ausführung. Gerade in einer Zeit, wo viele Möbel, wenn man sie von unten betrachtet, nicht schön ausgeführt sind, ist es umso erfreulicher, Unternehmen wie Tecta zu haben. Man versinkt aber nicht in der Verehrung, sondern man ist eher angetrieben. Und – wie gesagt – es geht um die Zusammenarbeit. Wenn Dein Gegenüber Dir ein gutes Gefühl gibt, dann ist man nicht gelähmt oder star-shocked.

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FORMFAKTOR: Sie haben sich zu einem Spezialisten für Marken mit Tradition entwickelt. Zum Beispiel der Sessel, den Sie vor zwei Jahren für Thonet gezeigt haben. Und jetzt Tecta.

Marco Dessí: Ja, auf der einen Seite komme ich ja vom Handwerk und habe in Wien mein Portfolio mit Traditionshäusern aufgebaut. Meine ersten Schritte ins Design waren mit Lobmeyr, einer Firma, mit der mich eine langjährige Kooperation und Freundschaft verbinden. Der Schlüssel zum Erfolg war auch dort immer, dass mein Design die Tradition nicht als Hürde gesehen hat, sondern sie weiterträgt. Ich finde den englischen Ausdruck „carrying history“ sehr gut. Es geht um ein Mitnehmen und ein Weiterdenken. Es gefällt mir, die Geschichte der Unternehmen zu lesen und daraus meinen eigenen Weg zu entwickeln, der diese Geschichte in die Zukunft trägt.

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FORMFAKTOR: Sie recherchieren viel. Hat sich durch die Recherche zu Tecta, ihre Einstellung zum Unternehmen verändert?

Marco Dessí: Durch die Recherche hat sich meine Begeisterung eigentlich noch verstärkt. Für mich besteht die Faszination von Tecta darin, dass sie so verschiedene Typologien schaffen. Jeder Entwurf ist eine eigenwillige Kreation für sich. Eigenwillige Typen, die aber in die Tecta-Familie aufgenommen werden. Es zieht sich ein roter Faden durch, und zwar mit einer Stilsicherheit und Selbstsicherheit, die ich kaum in einer anderen Firma erlebt habe.

FORMFAKTOR: Das gilt auch für die neuen Kreationen?

Marco Dessí: Gerade auch in den neuen Kreationen ist dies zu finden. Die alten Entwürfe sind schon sozusagen abgesegnet und haben ihre Liebhaber. Ich spüre bei Tecta eine Kultur, die sich ihrer Tradition bewusst ist, aber auch keine Probleme damit hat, weiterzumachen. Bei anderen Kunden sehe ich oft eine Ängstlichkeit, ihre angestammten Kunden zu verschrecken. Deshalb sieht man viele Firmen, die sehr homogen sind und Tecta ist dazu der Gegenentwurf.


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