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Die transformatorische Kraft von Social Design

von Markus Schraml
© Gerd Altmann, Pixabay

Ausgehend vom Begriff des Design Thinking, also der ganzheitlichen Herangehensweise an Probleme, ist in den letzten Jahren zunehmend die Rede von Social Design. Eine Bezeichnung, die auf Victor Papanek zurückgeht, der in den 1960er-Jahren von Designern soziale sowie moralische Verantwortung einforderte. Sie sollten Dinge gestalten, die die Menschen wirklich brauchen – und das mit Rücksicht auf die Umwelt. Der große Unterschied zum heutigen Verständnis von Social Design ist die Beteiligung der betroffenen Menschen, die Partizipation, die bei Papanek keine Rolle spielte.

Die Bereiche, in denen Social Design angewendet wird oder werden könnte, sind vielfältig und reichen von Projekten im öffentlichen Stadtraum über Gesundheitsfragen in Afrika bis hin zu strategischer Unternehmens- oder Kommunenberatung und sogar dem Verständlichmachen von Gesetzestexten. In den Projekten des Eindhovener Studios von Bernhard Lenger geht es oft um Public Awareness, um Kommunikationsarbeit. Lenger meint, in den Niederlanden würde bereits häufig anerkannt, dass Design auch systemische Dinge betrifft: „Also wie unsere Gesellschaft funktioniert, ist auch designt. Nicht von einem Designer, aber von jemandem, der darüber nachgedacht hat, wie wir unsere Steuern bezahlen, wie der öffentliche Raum aussehen soll, wie wir als Gesellschaft zusammenleben. Alle Aspekte in unserer Gesellschaft betreffen Design. Deshalb interessiert mich die Frage, inwieweit ich als Designer auf diese systemischen Dinge Einfluss nehmen kann“, sagt Lenger.

Bernhard Lenger (dritter von links) betreibt seine Agentur für Social Design von Eindhoven aus. Zusammen mit acht weiteren Designern hat er auch die „foundation we are“ gegründet, wo es um kollaboratives Design für soziale Veränderungen geht. Foto © Anne Lucassen

Der Designer aus Kärnten, der in den Niederlanden ein sehr viel offeneres Designverständnis vorfand, wurde durch seinen Einsatz für Ecocide bekannt. Dabei hat er die Anwältin Polly Higgins (1968-2019) bei ihrem Versuch unterstützt, massive Umweltverbrechen als Straftatbestand in den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen. Seine Aufgabe war, Gesetzestexte so zu vermitteln, dass sie nicht nur für Rechtsanwälte verständlich sind, sondern auch für Menschen ohne Jus-Studium.

Keine Veränderungen ohne die Menschen

Im Rahmen der jüngsten Vienna Design Week fand im LAUFEN space Wien ein Talk unter dem Titel „Social Design – Transforming Society?“ statt. Als Keynote-Speaker war der Belgier Jan Boelen eingeladen. Er ist künstlerischer Leiter des interdisziplinären Ateliers LUMA im französischen Arles. „Atelier LUMA untersucht die Implikationen und Möglichkeiten von Design. Design ist nicht nur gut oder schlecht, es betrifft unsere Produktionssysteme, unser Wirtschaftssystem sowie auch Fragen der Umwelt. Wie können wir unsere Beziehung zur Natur und unser Wirtschaftssystem umgestalten? Wie können wir Technologie so verwenden, dass Produkte und Materialien auf verantwortungsvolle Weise gemacht werden? Das ist unser Ansatz bei LUMA“, erläutert Boelen.

Jan Boelen ist Gründer und künstlerischer Leiter des Atelier LUMA, einem Designlabor im französischen Arles. © Z33/Jan Boelen/Veerle Frissen

Für Boelen existieren soziale Belange nicht im freien Raum, sondern manifestieren sich in der physischen Welt, etwa durch Standards und Normen. Diese bestimmen, wie Menschen miteinander in Verbindung treten, wie sie sich im Raum bewegen. Das bedeutet, Design hat nicht nur mit sozialen Fragen zu tun, sondern auch mit ökonomischen und technologischen. Diese Elemente müssten alle berücksichtigt werden, ansonsten würden keine sinnvollen Objekte entstehen, meint er. Alles habe einen festgelegten Preis. Alles werde auf bestimmte Art produziert und basiert auf einer bestimmten Technik oder Technologie. Außerdem würde die Art und Weise der Objekte auch eine bestimmte Kultur kreieren. „Bei dieser ganzen Geschichte mit der Nachhaltigkeit geht es nicht nur um Materialien oder neue Technologien, sondern um die Menschen. Wir müssen die Menschen und deren Verhaltensweisen in diese Prozesse miteinbeziehen und sie zu einem Teil einer neuen Kultur machen. Deshalb ist alles, was mit Nachhaltigkeits- und Umweltfragen zu tun hat Social Design“, betont Boelen.

In einem Projekt beschäftigt sich Atelier LUMA mit dem Material Salz. Arles liegt unweit des Mittelmeeres. Der Gedanke war, das Salz des Meerwassers als Ressource zu nutzen. Tatsächlich schaffte es das LUMA-Team aus dem Salz, nachdem es durch Wind und Sonne kristallisiert war, Wandverkleidungen zu machen, die feuerfest und antibakteriell sind. Dieses Projekt zeigt auch, dass es darum geht, die Perspektive zu verändern und Materialien zu erkennen, die direkt um uns herum reichlich vorhanden sind. „Wie können wir diese verwenden? Wie können wir Sonne und Wind dazu verwenden, um Dinge zu produzieren – ohne Emissionen und einem sehr niedrigen Carbon-Footprint“, stellt Jan Boelen die Frage. Dieser Ansatz stellt das Lokale in den Fokus. Lokale und regionale Ressourcen, Produktionsprozesse und Kooperationen sind ohne Zweifel ein plausibles Zukunftsszenario, in dem die Unabhängigkeit von internationalen Lieferketten und zentralen Versorgungsquellen zu resilienten Systemen führt.


Menschen, die Hilfe benötigen

Social Design-Unternehmen gibt es auch in Österreich. Seit mittlerweile zehn Jahren beschäftigt sich Harald Gründl vom Wiener Designstudio EOOS mit Social und Sustainable Designprojekten. Bekannt ist die Zusammenarbeit mit der Bill & Melinda Gates Stiftung für die Entwicklung einer Urin-Separations-Toilette. 2020 wurde mit EOOS NEXT eine eigene Firma gegründet, um die sozialen Designprojekte zusammenzufassen. „Wir verstehen Social Design nach dem Credo: People in need. Also Menschen, die unmittelbare Hilfe, sei es aus Designsicht oder aus technologischer Sicht benötigen. Das ist unser Wirkbereich auch im globalen Süden. In Nepal haben wir zum Beispiel eine Urin-Separations-Toilette gemeinsam mit der Helvetia-Stiftung als Gruppendesignprojekt weitergeführt. Wir haben zehn Toiletten für Bauern gebaut, die sehr vereinzelt leben – im Gebirge in Chitwan“, berichtet Gründl.

Urine Trap
EOOS, Urine Trap (Schema, Schnitt durch eine Spültoilette), 2019, © EOOS/grafisches Büro

EOOS NEXT arbeitet immer in Teams. So kooperieren die Designer in Nepal mit Sozialwissenschaftlern, die das Projekt vor Ort betreuen. Unterrichtsmaterialien werden von der Helvetia-Stiftung zur Verfügung gestellt. Die Aufgabe der Wiener Designer ist es, Pläne und Modelle anzufertigen und zu gewährleisten, dass dieser Technologietransfer funktioniert. Gerade im Social Design-Bereich benötigen Designer Partner. Auch Bernhard Lenger hält die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, Politikern und anderen Berufsgruppen für enorm wichtig: „Partnerschaften sind essenziell. Designer sind nicht die Helden unserer Zeit, auch wenn wir uns oft so positionieren: We solve all the problems. Das ist nicht wahr. Wir können heutige Probleme nicht alleine als Designer bewältigen“, ist sich Lenger sicher, denn dazu seien die Herausforderungen zu komplex: „Es ist wie ein gordischer Knoten. Zieht man an einer Stelle, wird der Knoten nur fester. Treffen wir eine Maßnahme, schaffen wir vielleicht fünf neue Probleme. Einfache Lösungen gibt es nicht mehr. Aber der Prozess, der Weg ist wichtig“, sagt Lenger.

Social Design für alternative Mobilität

Ein weiterer Bereich, in dem Social Design Veränderungen anstoßen kann, betrifft die Mobilität. Dazu hat EOOS NEXT im vergangenen Jahr das ZUV (Zero-Emission Utility Vehicle) präsentiert. Es ist ein Lastenfahrrad, das mittels 3D-Druck von THE NEW RAW seine eigentümliche Form erhielt. Nun ist dieses Fahrzeug Teil eines Films des weltgrößten Ingenieurbüros Arup. Die Protagonistin fährt auf dem ZUV durch ein London der Zukunft. Der Kurzfilm „Abundance“ wurde jüngst beim London Design Festival gezeigt. Auch in der Ausstellung „Regenerative Futures“ im V&A Museum war das ZUV vertreten – neben Arbeiten von Blast Studio und SPACE10. Zukunftsfähige Lösungsansätze in der Mobilität gehen in Richtung Vielfalt und Verknüpfung der Angebote, wie es etwa Sandra Philips von MovMi in Vancouver (Kanada) exemplarisch vormacht. Gerade Mobilität verlangt nach holistischer Betrachtungsweise und ist damit ein weites Feld für Social Design.

„Abundance“ ist ein kurzer Design-Fiction-Film, der in einem London der nahen Zukunft spielt und einen Tag im Leben einer regenerativen Designerin verfolgt. Dabei nutzt sie das ZUV von EOOS NEXT. © Exell Film / Foresight team at Arup
© Foresight team at Arup

10 Jahre Werkzeuge für die Designrevolution

EOOS NEXT-Gründer Harald Gründl hat schon vor zehn Jahren das „Institute of Design Research Vienna“ (IDAV) gegründet und die „Circular Design Rules“ aufgestellt. Alle Aspekte, die die Menschheit einem kreislaufwirtschaftlichen System annähern, sind darin bereits enthalten. Es sollte auch ein Weckruf sein, aber: „Sicher, es hat sich etwas verändert. Man darf Social Design machen, auch später und nicht nur für die Diplomarbeit“, sagt Gründl. „Aber nach 10 Jahren frage ich mich schon, waren wir laut genug? Waren wir konsequent genug? War der Impact hoch genug? Design hat zwar die Krise nicht allein verursacht, aber es hat mitgemacht, anstatt alternative Wege aufzuzeigen. Und das ist heutzutage am allerwichtigsten. Ich weiß nicht, wie die Zukunft aussieht, aber wir können mithelfen, Alternativen für die Zukunft zu gestalten. Das ist unsere Rolle.“

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