Home Architecture Ein Haus in Beirut – Annabel Karim Kassar im V&A

Ein Haus in Beirut – Annabel Karim Kassar im V&A

von Markus Schraml
The Lebanese House, V&A

Die Installation The Lebanese House: saving a house; saving a city im Victoria and Albert Museum (V&A) in London thematisiert die architektonischen Rekonstruktionsbemühungen in Beirut nach der verheerenden Hafen-Explosion im August 2020. Annabel Karim Kassar hat dafür die Fassade eines Beiruter Gebäudes nachgebaut, an dessen Restaurierung sie zur Zeit der Explosion gearbeitet hatte und das davon, wie viele andere historische Bauwerke auch, massiv betroffen war. Das „Bayt K“ ist eines der wenigen osmanisch-venezianischen Häuser, die es noch in Beirut gibt.

„Nach der katastrophalen Explosion im Jahr 2020 ist Beiruts architektonisches Erbe – phönizisch, klassisch, byzantinisch, osmanisch und venezianisch – in großer Gefahr. Wir fühlen uns geehrt, vom V&A eingeladen worden zu sein, um auf den potenziellen Verlust unseres kollektiven Kultur- und Designerbes aufmerksam zu machen, sollte Beiruts glorreiche Architektur weiter verfallen“, sagt Annabel Kassar.

Die französisch-libanesische Architektin hat als Herzstück der Installation eine vier Meter hohe, dreifache Arkade entworfen, einer typischen Form der traditionellen libanesischen Architektur des 19. Jahrhunderts und eine Re-Kreation der Fassade des „Bayt K“. Neben der Arkaden-Struktur interpretierte Kassar einen „Liwan“ neu. Das waren große Eingangshallen in libanesischen Residenzen. Den darin enthaltenen kleinen Salon stattete sie mit einer Liegegelegenheit und Beistelltischen aus. Die Architektin kreierte auch stufenförmige Sitzgelegenheiten mit bunten Matratzen und Nackenrollen, wo man sich über das Thema in entspannter Ruheposition näher informieren kann.

Das digitale Archiv

Die Installation wird von einer digitalen Plattform begleitet, auf der Interessierte zahlreiche Beispiele architektonischer Elemente vorfinden, wie sie für die historische Baukultur Beiruts bezeichnend sind: gipsbemalte Decken, Fachwerkdächer aus Holz, Balkone, Gesimse und vieles mehr. „Diese Schau versucht, wichtige Lektionen in der Stadterneuerung und -sanierung zum Ausdruck zu bringen, die auch anderswo angewendet werden können. Lokale und internationale Gemeinschaften müssen mobilisiert und direkt einbezogen werden, um ihr gemeinsames urbanes Erbe zu schützen. Bei dieser Restauration geht es nicht darum, die Geschichte zu wiederholen, sondern darum, einen neuen, lebendigen Zweck für traditionelle Gebäude zu finden. Ein Ansatz, der im Mittelpunkt meiner Arbeit steht“, betont Kassar.

Annabel Karim Kassar hat außerdem drei Filme in Auftrag gegeben, die die Installation begleiten. Die Dokumentationen der Regisseure Wissam Charaf und Florence Strauss versuchen, die emotionalen Auswirkungen der Explosion zu erforschen, indem sie Menschen in ganz Beirut interviewt haben und die Auswirkungen auf verschiedene Bevölkerungsentwicklungen sowie öffentliche und private Räume analysieren.

Bewahrung des bauhistorischen Erbes

Annabel Karim Kassar gründete ihr Architekturbüro 1994 in Beirut. Schon am Ende des libanesischen Bürgerkriegs hatte sie zusammen mit anderen einen internationalen Wettbewerb zum Wiederaufbau des Souks gewonnen, dem traditionellen Marktplatz im Herzen des alten Beirut. 2016 erhielt sie die London Design Biennale Medal für den Libanon-Pavillon im Somerset House. 2017 stellte die Architektin Handle With Care vor, ein Projekt, das sich auf die Konservierung von „Bayt K“ für die Beirut Design Week konzentriert. Diese Ausstellung war eine öffentliche Intervention, die darauf abzielte, die enorme Wichtigkeit der Erhaltung und Restaurierung der historischen osmanisch-venezianischen Gebäude der Hafenstadt aufzuzeigen – insbesondere nach dem libanesischen Bürgerkrieg und dem darauffolgenden ungebremsten kommerziellen Bauboom.

Die Eröffnung der Installation „The Lebanese House: saving a house; saving a city“ fällt mit dem London Festival of Architecture (noch bis 30. Juni) zusammen. Ganz im Sinne des Themas des Festivals „Act“ versucht die Ausstellung, Besucher zu ermutigen, sich am Wiederaufbau der Stadt und der Erhaltung ihres architektonischen Erbes kollektiv zu beteiligen. Die Installation ist über das Festival hinaus bis zum 21. August 2022 geöffnet, wobei während der gesamten Dauer eine Reihe von Fortbildungsgesprächen unter der Leitung von Annabel Karim Kassar stattfinden werden.

Annabel Karim Kassar im V&A. Foto © Mark O’Flaherty

Beirut Mapped

Die Explosion im Hafen von Beirut am 4. August 2020 war in der gesamten Stadt zu spüren. 218 Menschen kamen dabei ums Leben, rund 7.000 wurden zum Teil schwer verletzt und 300.000 verloren mit einem Schlag ihr Obdach. Christopher Turner, Kurator für Kunst, Architektur, Fotografie und Design am V&A, betont den Wunsch des Museums, die Kampagne von Annabel Karim Kassar zu unterstützen: „Seit seinen Anfängen hat sich das Museum für die Erhaltung der Architektur auf der ganzen Welt eingesetzt, und mit unserem Programm Kultur in der Krise fungieren wir weiterhin als Ressource und Zentrum für den Schutz des kulturellen Erbes der Welt. Das redaktionelle Projekt des V&A, Beirut Mapped, untersucht die Auswirkungen der Explosion und ihre wirtschaftlichen und politischen Folgen aus der Perspektive von Künstlern und Schriftstellern, die dort wohnen“, erläutert Turner.


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