Home Architecture Historische Shikumen in Shanghai restauriert

Historische Shikumen in Shanghai restauriert

von Markus Schraml
Historische Aufnahme eines Eingangs zu einem Longtang in Shanghai
A Film by ShanghaiEye

Der Garten Zhang Yuan in Shanghai war einst berühmt für seine zahlreichen Attraktionen wie die erste elektrische Lampe Chinas, Vorführungen der Peking Oper oder die Herausforderungen des Kung Fu-Meisters Huo Yuanjia an westliche Boxer. Ab 1885 war dieses Privatareal von Zhang Shuhe (1850 – 1919) für die Öffentlichkeit zugänglich. Innerhalb des Geländes wurden im Lauf der Jahre Hunderte von traditionellen Shanghai-Häusern, sogenannte Shikumen gebaut. In diesem Baustil, der ab 1860 westliche und chinesische Elemente verband, waren in seiner größten Ausdehnung mehr als die Hälfte aller Häuser in Shanghai gebaut. Es sind zwei- bis dreistöckige Stadthäuser, die aneinandergrenzen. Ähnlich den Hutongs in Peking sind die Shikumen in engen Gassen angeordnet. Ebenso teilen beide historische Stadtformen das Schicksal, dass sie ab den 1980er-90er-Jahren zerstört wurden und großen Wohnkomplexen weichen mussten. Übrig geblieben sind einige sogenannte „Heritage Sites“, die – aufwendig restauriert – dieses faszinierende Erbe erahnen lassen.

Der Zhang Yuan-Garten verkam nach über 100 Jahren fast zu einem Slum. Ab 2018 wurden die dort lebenden Menschen umgesiedelt und mit der Renovierung des Gebietes begonnen. Im November 2022 wurden Teile des Areals wieder eröffnet. An der Restaurierung der historischen Gebäude war auch das Shanghaier Architekturbüro Neri&Hu beteiligt. Es erhielt den Auftrag für die Gestaltung des Blue Bottle Zhang Yuan Cafés.

Backstein, Holz, Metall

Lynden Neri und Rossana Hu wollten das vormals lebendige Treiben in den engen Gassen einfangen. Dabei haben sie entsprechend den denkmalpflegerischen Vorgaben die bestehende Bachsteinmauern, Türen sowie Fenster der ursprünglichen Fassade und die Lichthöfe unangetastet gelassen. Vor dieser Kulisse hat das Interieur-Team von Neri & Hu neue Gestaltungselemente eingefügt. Im Zentrum des Raums wurde ein metallenes Schrägdach eingefügt, das den Kaffeetresen überdacht und die Rückkehr zum Ursprung der Architektur symbolisieren soll. Dies ist der visuelle Mittelpunkt des Projekts.

Entlang der Außenwand des alten Gebäudes verbindet ein lang gestreckter Raum die Hauptstraße mit den Lichthöfen. Die enge Gassenstruktur des Außenbereichs setzt sich im Inneren fort, allerdings durch große Fensterflächen aufgelockert. An Wänden und Fenstern sind mehrere Bänke und kleine Tische platziert. Die visuelle Verbindung von Innen und Außen spielt auf den Charakter der Shikumen als höchst soziale Orte an.

Kalt und warm

Das Blue Bottle Café verströmt Lagerhauscharakter, was ganz dem Begriff Shikumen entspricht, was wörtlich übersetzt „steinernes Lagerhaustor“ bedeutet und sich auf die traditionellen Rundbogen-Eingänge aus Backstein bezieht. Die Dachkonstruktion besteht aus gebürstetem Edelstahl, während die Dachfläche aus perforiertem und gebogenem Stahl gefertigt ist, Materialien, die die Umgebung auf subtile Weise widerspiegeln.

Die Architekten ließen sich auch von den informellen, einfachen Befestigungen inspirieren, mit denen die Menschen einst ihre privaten Räume in die Gasse erweiterten. So wurden die vorhandenen Struktursäulen mit zusätzlichen Metallstangen und kleinen Plattformen ausgestattet, um als Lichtschienen, Beistelltische, Bänke und mehr zu fungieren. Abgesehen von einigen Markenmöbeln (Magis, Stellar Works) umfasst das Projekt auch eine Auswahl an wiederverwendeten alten Möbeln. Der gebrauchte Charakter vermittelt ein Gefühl von Wärme und Vertrautheit. Diese Holzmöbel sowie das Holz der Fenster und hohen Türen stellen ein Gleichgewicht zum verwendeten Stahl und Metall her. Warmes und Kühles verschmilzt zu einer ästhetisch ansprechenden Einheit.

Die vollständige Renovierung von Zhang Yuan soll 2026 abgeschlossen sein.


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