Home Art Neue Porzellankunst aus Nordeuropa – AfterGlow

Neue Porzellankunst aus Nordeuropa – AfterGlow

von Markus Schraml
Irene Nordli, AfterGlow

„Outsourcing und Fabrikschließungen haben zu enormen Wissens-, Identitäts- und Kulturverlusten geführt – mit großen sozialen Folgen für die davon betroffenen Communitys“, schreibt Knut Astrup Bull, Kunsthistoriker und Kurator am Nationalmuseum in Oslo, in Bezug auf den Niedergang der Keramikproduktion im Westen und speziell den nordeuropäischen Ländern. Viele Fabriken wurden in den letzten Jahrzehnten geschlossen und die Produktion in Niedriglohnländer verlegt.

Das New Nordic Porcelain Forum möchte das fast vergessene Know-how wieder aufleben lassen. Es wurde von Catrine Danielsen und Bettina Køppe 2018 gegründet und versteht sich als Netzwerk nordischer Künstler, die ein Interesse an der Arbeit mit Porzellan und der historischen Bedeutung dieses Materials haben. Das Forum lud 13 Keramikkünstler zu Residenzen in renommierten Porzellan-Werkstätten in Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden ein. Die Ergebnisse wurden in einer Ausstellungsserie unter dem Titel „AfterGlow – New Nordic Porcelain“ präsentiert. Der begleitende Katalog ist bei arnoldsche erschienen.

Komponenten werden selbstständig

Das Buch gewährt tiefe Einblicke in die Geschichte der nordischen Porzellanproduktion aber auch die moderne Porzellan-Kunstszene. Vor allem die Autoren Glenn Adamson und Neil Brownsword gehen näher auf Aspekte des modernen künstlerischen Umgangs mit diesem traditionsreichen Material bzw. dessen Produktionsprozesse ein. Im Hauptteil des Bandes kommen die 13 Künstler selbst zu Wort und beschreiben ihren jeweiligen Zugang zum Material, den Einfluss des Ortes sowie das daraus resultierende Projekt. So arbeitete Ann-Britt Haglund zwei Wochen lang in der norwegischen Porsgrunds Porselænsfabrik, der Porselenverkstedet 1400° sowie in der Gustavsberg porslinsfabrik in Schweden und beschäftigte sich mit Tassen-Henkel: „In der Porzellanfabrik gab es Kisten voller Henkel für Tassen – könnten diese Haushaltsporzellan-Komponenten etwas Eigenständiges werden – ohne Tasse? Diese Frage inspirierte mich zu meinen Henkel-Kompositionen“, erläutert Haglund.

Ann-Britt Haglund arbeitet an ihren Henkel-Skulpturen. © Dorte Krogh

Ready-Mades neues Leben einhauchen

Heidi Bjørgan ist eine Keramikerin, die seltene Objekte sammelt. Diesen Objekten gibt sie eine zweite Lebenschance, indem sie sie in einen neuen Kontext stellt oder sogar neue Funktionen hinzufügt. Für die AfterGlow-Ausstellung arbeitete sie im norwegischen Norsk Teknisk Porselen (NTP). Dort verwendete sie Produktionsabfälle und fertigte daraus etwas Neues, wobei sie die Form eines umgedrehten alten Lampenschirms vergrößert und auf ein Podium aus glasiertem Ton setzt. Die Idee der Funktion bzw. der Illusion einer Funktion spielte dabei eine wichtige Rolle.

Funktion versus Ästhetik

Auch Michael Geertsen kreierte seine Arbeit „Technical Classicism“ im NTP. Den Aufenthalt dort beschreibt er als Herausforderung, sowohl in technischer als auch künstlerischer Hinsicht. „In technischer Hinsicht, weil der Porzellanton bei NTP aufgrund der Herstellungsweise in der Fabrik so verdammt hart ist“, sagt Geertsen. Die Schwierigkeit in einem künstlerischen Sinne bestand darin, aus den sehr klaren funktionellen Objekten bei NTP großzügige, dekorative Vasen mit historischen Referenzen zu gestalten. „Wenn ich mit Porzellan statt mit Steingut arbeite, stoße ich auf eine Mauer von technischen Hindernissen, die meinen künstlerischen Ambitionen entgegenstehen.“ Die Lösung war, übrig gebliebene Teile aus der Produktion mit leichten Modifikationen neu zu kombinieren. Im Endergebnis stehen äußerst dekorative Objekte mit einer geradezu gloriosen Ausstrahlung.

Michael Geertsen, Technical Classicism, AfterGlow
Michael Geertsens Arbeit „Technical Classicism“ ist im Norsk Teknisk Porselen (NTP) entstanden. Der Umgang mit dem Material fiel im schwer. Doch das Ergebnis lohnt die Mühe. © Dorte Krogh

Irene Nordlis Figurinen sind in der schwedischen Gustavsbergs porslinsfabrik entstanden. Schon vor 25 Jahren kreierte sie lieber Figuren als Gefäße. „Mein Prozess wird von der Entdeckung neuer, überraschender Kombinationen gleitet. Ich interessierte mich für Dinge, die uns allen vertraut erscheinen. Ich beschäftige mich damit und lasse meine eigenen Erfahrungen und Ansichten einfließen, um das vertraute Material in ein neues Licht zu setzen“, erklärt Nordli. Die Künstlerin bewegt sich abwechselnd zwischen dem Bedürfnis, die figurativen Aspekte zu erhalten und andererseits in verschiedene Stufen der Abstraktion vorzudringen.

Ausführliches Interview mit Irene Nordli, das in ihrem Studio in Heestrand (Schweden) für Norwegian Crafts aufgezeichnet wurde.

Porzellan und Gesellschaft

Die Essays im Buch „AfterGlow“ belegen nicht nur die reiche Handwerksgeschichte Skandinaviens und Finnlands, sondern zeigen auch, welche Bedeutung die Keramikindustrie für den gesellschaftlichen Aufbau nach dem 2. Weltkrieg hatte. Funktionelle Haushalts- und Sanitärprodukte wurden benötigt und Firmen wie Gustavsberg in Schweden oder Arabia in Finnland lieferten. Sie machten einen nicht zu unterschätzenden Teil zum Beispiel für den Aufbau des schwedischen Wohlfahrtsstaates aus, wobei praktische, haltbare Erzeugnisse mit hochwertigem Design kombiniert wurden. Persönlichkeiten wie Kaj Franck in der Arabia-Fabrik oder Stig Lindberg in der Gustavsberg Porzellanfabrik sorgten mit ihrem fundierten Kunstverständnis dafür, dass massenhaft verkaufte Alltagsprodukte für nordische Haushalte nicht nur funktionell, sondern auch schön waren.

Die „AfterGlow“-Ausstellungen liefen bzw. laufen in der Kunsthall Grenland in Norwegen vom 12. März – 15. Mai 2022, im Clay Keramikmuseum Danmark (Dänemark) von 26. März – 21. August 2022 sowie im Gustavsbergs Porslinsmuseum in Schweden vom 4. Juni 2022 – April 2023.

Die beteiligten Künstler waren Heidi Bjørgan, Ane Fabricius Christiansen, Michael Geertsen, Ann-Britt Haglund, Mette Hannemann, Kirsi Kivivirta, Veera Kulju, Irene Nordli, Pauliina Pöllänen, Andrea Scholze, Anne Tophøj, Martin Woll Godal und Karol Zarbock.

Das Buch „AfterGlow“ gewährt erhellende Einblicke in die nordeuropäische Industrie- und Designgeschichte. © arnoldsche, Coverfoto: Dorte Krogh

AFTERGLOW – New Nordic Porcelain. Herausgeber: Bettina Køppe, Catrine Danielsen, Andreas Rishovd. Mit Beiträgen von Glenn Adamson, Neil Brownsword, André Gali, Mirjam Gelfer-Jørgensen, Ulrika Schaeder, Elise Simonsson u. Peder Valle, 200 S., 24 × 30 cm, Englisch, ISBN 978-3-89790-656-3- Verlag: arnoldsche


Mehr zum Thema


Weitere TOP-Artikel