Home Design Ökologische Avantgarde – ein&zwanzig in Mailand

Ökologische Avantgarde – ein&zwanzig in Mailand

von Markus Schraml

Die Gewinner des ein&zwanzig-Designwettbewerbs bekommen während Mailänder Designwoche 2022 wieder eine große Bühne. Nach zweijähriger Pause werden die 21 Konzepte / Produkte von talentierten Nachwuchsdesignern in der Officina 3 in Tortona ausgestellt (Via Tortona 31). Ein Thema in vielen der Arbeiten ist der Umgang mit Materialien. Das Spektrum reicht von upgecycelten Bananenfasern, Naturkautschuk, Glas und Jute bis hin zu schwarzem Granit. CO2-bindende Carbonfasern werden zu klimafreundlichen Pflanzgefäßen und aus Holzfasern entstehen multidimensionale textile Objekte.

Update 6. Juni

Am Abend der Ausstellungseröffnung wurde der Titel „Best of Best“ verliehen. Gewonnen hat Felix Landwehr mit seinem Verbindungssystem „Apio“, mit dem Möbel flexibel und modular zusammengesetzt werden können. Für Landwehr müssen ein Regal und andere Möbelkategorien heute mehr als eine einzige Funktion besitzen. Vor allem müssen sie sich den Lebensphasen der Nutzer anpassen lassen. Zudem kommt, dass Wohnraum immer teurer wird und somit individuelle Lösungen gefragt sind, um Nischen und beengte Raumsituationen maximal zu nutzen. Möbel von morgen müssen also flexibel, mobil und anpassungsfähig sein.

Apio, Felix Landwehr
Den Titel „Best of Best“ erhielt Felix Landwehr für sein knotenbasiertes Verbindungssystem „Apio“. © Felix Landwehr

Zukunftsorientiert

Es besteht kein Zweifel – die jungen Designer sind in Sachen umweltbewusste Herangehensweise die Avantgarde unserer Gesellschaft. So besteht der Stuhl „New Sources“ von Matthias Josef Geschwendtner aus Restmaterialien der Holzindustrie. Gefertigt wird er mit einem roboterbasierten Verfahren. Emilie Burfeind präsentiert mit „Sneature“, einer Wortkombination aus „Sneaker“ und „Nature“, einen biologisch abbaubaren Turnschuh mit einer Sohle aus Pilzmyzel. Sie greift damit das Problem der Bekleidungsindustrie auf, deren Produkte durch ihre Masse und oft kurze Lebensdauer enorme Emissionen verursachen. „Sneature“ besteht aus einem Garn von ausgekämmten Hundehaaren, Naturkautschuk und einer Sohle aus Pilzmyzel.

Emilie Burfeind zeigt mit „Sneature“ einen biologisch abbaubaren Turnschuh mit einer Sohle aus Pilzmyzel. © Emilie Burfeind
New Sources, Gschwendtner
Der Stuhl „New Sources“ von Matthias Josef Geschwendtner besteht aus Restmaterialien der Holzindustrie. © Matthias Josef Gschwendtner

Flexible Möbel für kleinen Wohnraum

Den steigenden Mietpreisen und den immer kleineren Wohnflächen tragen eine ganze Reihe von ein&zwanzig-Winnern Rechnung. Der „Active Desk“ von Johannes Choe ist ein Laptop-Schreibtisch, der an hybride Arbeitsumgebungen angepasst werden kann. Lenn Gerlach wiederum baut seinen Stuhl (mit dem sperrigen Namen „Traditional heritage, a collage of my origin“) aus der lokalen Weißtanne seiner Heimat. Holz ist bei richtiger Bewirtschaftung ein bedeutendes kohlenstoffnegatives Material. Die Weißtanne hat den Vorteil, dass sie aufgrund ihrer Eigenschaften gegen klimatische Veränderungen nahezu resistent und dadurch äußerst zukunftsfähig ist.

„LUDO“ von Teresa Egger ist ein hybrid einsetzbares Möbelstück, das von der ganzen Familie genutzt werden kann. Es dient als Beistelltisch oder Spielobjekt, denn durch jede 90 Grad-Drehung entsteht eine andere Interaktionsmöglichkeit. Durch die Verwendung des Materials Formsperrholz kann das Möbel in nur einem Pressvorgang hergestellt werden.

Leben in der Zukunft

Einen radikalen Ansatz wählte Anna Resei in ihrer spekulativen Arbeit „tele-nomadic sheltering unit“. Es geht darum, sich eine Zukunft vorzustellen, in der wir nur so viel besitzen, wie wir tragen können. Mit dieser Perspektive hat die Österreicherin eine modulare Struktur kreiert, die montiert, demontiert und vor allem – für den Ortswechsel – selbst getragen werden kann. Die Arbeit besteht aus einer Stahlkonstruktion, zwei recycelten Acrylglasplatten, einem gemusterten Sitzobjekt, Harzziegeln und einem kleinen Punktmatrix-Bildschirm, der zur Kommunikation mit anderen Tele-Nomaden dient. Als zentrales Material werden Textilien verwendet. So finden sich hier fünf verschiedene Jacquard-Stoffe, die in Zusammenarbeit mit EE Exclusives in den Niederlanden entwickelt wurden. Die Textilien haben auf jeder Seite unterschiedliche Farbgebungen und sind in der Qualität von Decken gefertigt. Die 3D-Texturen der Textilien wurden mit Füllgarn und die grafischen Umrisse mit Lasercut erstellt. Es sind unterschiedliche Aufstellungen möglich – als Schutz vor der natürlichen Umgebung. „tele-nomadic sheltering unit“ wurde bereits auf der Dutch Design Week 2021 präsentiert.

Um Reduktion durch Kombination geht es bei „LoPu“ von Lilli Seiler. Sie kombiniert Luftpumpe und Fahrradschloss. Zwei Funktionen in einem sind nicht nur praktisch, sie sparen auch Material und Produktionsaufwand. Henrieke Neumeyer und Moritz Müller experimentierten für „Converging disciplines – exploring digital crafts“ mit keramischem 3D-Druck als Möglichkeit des Glasblasens. Es geht darum, digitale Prozesse und Handwerk zu verschmelzen. Durch die Veränderung digitaler Parameter entstanden horizontale und vertikale Strukturen unterschiedlicher Stärke, die dann in Glas geformt wurden. Massimo Scheidegger und Nora Giuliana Iannone haben das Pflanzgefäß „Future Artifact – Charby“ entwickelt. Indem sie Pflanzenkohle in den Fasergussprozess integrierten, entstand ein leichtes, einfach zu produzierendes Material, das ideale Nährstoffbedingungen schafft. Die verwendete Pflanzenkohle ist in der Lage, das Hundertfache der CO2-Masse des Fassungsvermögens zu speichern.

Der Nachwuchswettbewerb ein&zwanzig wird vom deutschen Rat für Formgebung ausgerichtet. Die Ausstellung in Mailand (Officina 3, Via Tortona 31) läuft vom 6. bis 12. Juni 2022. Der „Best of Best“-Titel wird am Eröffnungsabend bekannt gegeben. Übrigens werden auch die Gewinnerinnen und Gewinner des letztjährigen Nachwuchswettbewerbs anwesend sein.

Weitere Gewinner sind:

Projekt: A softer wood, Designerin: Isabella Braunreuther

Projekt: Etagenregal 1200Y, Designer: Steffen Och

Projekt: Layers of time, Designerin: Lucie Ponard

Projekt: Caparica, Designer: Justus Hilfenhaus

Projekt: Living Beings, Designerin: Nelli Singer

Projekt: Knit, Designer: Lucy Braun und Lars Schiwietz

Projekt: Sabu, Designerin: Julia Huisken

Projekt: Volta, Designerin: Marie Radke

Projekt: Fagus noir, Designer: Lars Zinniker und Gabriel Köferli

Projekt: Rythm, Designerin: Judith Kamp

Projekt: Gongsaeng Garden: PLANT Collection, Designer: Jinwoo Chae


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