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Phillip Lim designt lederfreie Tasche für Volvo

von Markus Schraml
Phillip Lim, Volvo Cars, Tasche

„Mode- und Autoindustrie sind beide Teil des Problems. Und nun müssen wir eine Lösung finden“, sagt Phillip Lim, renommierter Modedesigner mit Sitz in Manhattan. Am Beginn einer möglichen Lösung steht die Verwendung nachhaltiger Materialien. Ganz in diesem Sinne kooperierte der chinesisch-stämmige US-Designer mit Volvo Cars und gestaltete eine Handtasche aus einem Material, das Volvo für seine Auto-Interieurs verwendet. Es heißt Nordico und der schwedische Autobauer setzt es für die lederfreien Innenräume seiner künftigen Elektrofahrzeuge ein.

Nordico besteht aus recycelten Materialien wie PET-Flaschen, biobasiertem Material aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern in Schweden und Finnland sowie recycelten Korken aus der Weinindustrie. „Nachhaltigkeit gehört seit jeher zu unserer Marke“, sagt Lim, Mitgründer und Creative Director von 3.1 Phillip Lim. „Wir wollen in allem, was wir tun, eine nachhaltige Balance erreichen. In der Zusammenarbeit mit Volvo haben wir sofort gemeinsame Werte entdeckt. Wir können mit neuen Materialien nachhaltige Lösungen und gleichzeitig ein hochwertiges Design erreichen. Das ist für mich der ultimative Luxus.“

3.1 Phillip Lim ist eine globale Modemarke und gehört zu den Pionieren für verantwortungsvolle Mode. So kooperierte Lim mit Wissenschaftler*innen (unter anderem Charlotte McCurdy), um Modeaccessoires und Stoffe aus Algen bzw. aus im Labor gezüchteten Materialien zu entwickeln.

Nachhaltiger Luxus

Lim designte eine hellgraue Tasche für den Wochenendtrip, die an das klare skandinavische Design angelehnt ist. Sie besitzt dezente Fächer, einen Doppelriemen und eine spezielle „Signature“-Tasche. Der Modedesigner und auch Volvo folgen mit dieser Tasche einem Trend, der eine besondere Mischung aus Luxus und Nachhaltigkeit widerspiegelt. Genau zu diesem Thema haben die Trendforscher von „The Future Laboratory“ und Volvo den Materialbericht „Der Aufstieg des bewussten Designs“ erstellt.

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„Wir haben eine klare Vision, wo wir in Zukunft hinwollen“, sagt Robin Page, Designchef von Volvo Cars. „Der erste Schritt ist der Einsatz nachhaltiger, natürlicher und recycelter Materialien. Mit dieser Zusammenarbeit wollen wir auch die Designbranche herausfordern, neu über Materialien nachzudenken. Ob für den Laufsteg oder für Fahrzeuginnenräume: Wir tragen gemeinsam Verantwortung dafür, nachhaltige Alternativen zu finden.“

Wer in Zukunft kreislauforientierte Systeme, transparente Prozesse und wieder einen Anstieg der Biodiversität erreichen möchte, müsse zunächst nachhaltige Materialien und Materialströme etablieren, so zumindest die Meinung von Volvo. Das lederfreie Innenraummaterial ist dabei ein erster Schritt. Die weltweite Lederindustrie stellt in mehrfacher Hinsicht ein Problem dar: Zunächst leistet ihre Produktion (weltweit werden jährlich Häute und Felle von über einer Milliarde Tieren für die Lederproduktion verwendet) einen hohen Beitrag zur globalen Erwärmung. Wasserverbrauch, Umweltverschmutzung und die Verwendung einer beträchtlichen Menge an Chemikalien, um sicherzustellen, dass es nicht biologisch abgebaut wird, gehen mit der Lederproduktion einher. Mit der Ankündigung, bei elektrisch angetriebenen Modellen komplett auf Leder zu verzichten, unterstreicht Volvo sein Ziel, hochwertige, nachhaltige Alternativen für viele Materialien zu finden, die derzeit in der gesamten Branche (noch) verwendet werden.

Robin Page ist Chefdesigner von Volvo Cars. © Volvo Car Group

Bewusstes Design

Für Xu Gang, Mitbegründer von Bentu Design, sind die derzeitigen Probleme eine Herausforderung planetarischem Ausmaßes. „Die Gesellschaft steht vor der doppelten Bedrohung durch Ressourcenknappheit und Umweltzerstörung”, betont er. „Die Belastung für unseren Planeten hat dramatisch zugenommen. Die Entwicklung nachhaltiger Konzepte und die Verwendung nachhaltiger Materialien ist jetzt ein universelles Thema, das eng mit dem Überleben und der Entwicklung der Menschheit, wie wir sie kennen, verbunden ist“, wird er im Volvo-Bericht zitiert.

Marken und Designer*innen müssen deshalb umdenken. Manche haben es schon getan. Im Volvo-Bericht ist die Rede von vier Trends, „die die Materialwelt des bewussten Designs bestimmen werden.“ Zunächst sei dies die Entdeckung neuer nachhaltig hergestellter natürlicher Materialien wie etwa Wolle. So verwendet das Mode-Start-up „A New Sweden“ für seine Kleidungsstücke schwedische Wolle, die ohne Chemikalien oder andere Kunststoffzusätze verarbeitet wird. Oder Flachs: Diese Pflanzenfaser gilt als besonders nachhaltig, weil ihr Anbau fast keine Bewässerung erfordert und zugleich bindet der Flachsanbau laut World Linen in Europa jedes Jahr 250.000 Tonnen CO2.

Volvo verwendet für die nächste Generation seiner E-Fahrzeuge ausschließlich lederfreie Materialien. © Volvo Car Group

Besonders haltbar: Circulose

Ein enorm großes Potenzial haben recycelte Materialien. Ziel muss es hier sein, aus dem Weggeworfenen nicht nur etwas Neues, sondern sogar etwas Besseres zu machen. „Die Zukunft von Premium und Luxus wird sich um die grundlegenden ‚R’-Prinzipien drehen – Recycle, Repair, Reduce, Reuse, Repurpose und Rethink“, meint Wen Zhou, Mitgründer von 3.1 Phillip Lim. Ein Beispiel ist die schwedische Firma Renewcell, ein Unternehmen, das Mithilfe eines patentierten Verfahrens abgenutzte Kleidungsstücke, die Zellulose enthalten – wie z. B. Baumwolle und Viskose – zerkleinert und die so erhaltenen Fasern in Circulose verwandelt, eine neue Form von biologisch abbaubarem Material für Kleidungsstücke, das besonders langlebig ist. Circulose wird von Marken wie Levis und H&M in ihren bestehenden Produktionssystemen bereits eingesetzt.

Ein weiterer Trend sind laut dem Bericht „Regenerative Materialien“. Dabei geht es darum, nicht nur keinen negativen Einfluss auf die Umwelt zu haben, sondern sogar die Artenvielfalt wieder zu erhöhen. Ein erster Schritt ist die Nutzung von Abfall. So hat das in Kopenhagen ansässige Materialunternehmen Beyond Leather Materials sein eigenes Apfelleder namens Leap vorgestellt. Leap lässt sich in nur einem Tag herstellen, wobei 99 % weniger Wasser verbraucht und 85 % weniger CO2 emittiert werden als bei herkömmlicher Lederproduktion. Beyond Leather Materials hat sich zum Ziel gesetzt, das Material bis 2022 in industriellem Maßstab zu produzieren.

Materialien aus dem Labor

Schließlich wird es in Zukunft vermehrt experimentelle Textilien geben, wie zum Beispiel das Myzel, also das unterirdische Wurzelsystem der Pilze. Mycoworks entwickelte aus Mycel ein Pilzleder. Hermès hat angekündigt, dieses Material für seine Reisetasche „Victoria“ verwenden zu wollen. Ein weiteres Material dieser Kategorie ist Microsilk. Bolt Threads repliziert dabei die Eigenschaften von Spinnen produzierter Seidenproteine. Microsilk wird in einem Fermentationsprozess von Wasser, Hefe und Zucker mithilfe von Spinnen-DNA hergestellt.

Lederfrei. Interieur des Volvo C40 Recharge. © Volvo Car Group

Das Ende eines Systems

Neben all diesen Materialentwicklungen und neuen Anwendungen wird im Volvo-Bericht betont, dass auch die Ökosysteme hinter der Produktion von Materialien verändert werden müssen. Dies bedeutet, dass bei jedem Material, das verwendet wird, schon im Vorhinein immer auch das Gesamtbild betrachtet werden muss. Und das führt direkt zum Thema Kreislaufwirtschaft, einem Wort, das immer häufiger im Diskurs auftaucht und das zu Ende gedacht, nichts anderes bedeutet, als dass es keinerlei Abfall mehr gibt. Das Material, aus dem ein Produkt besteht, wird also an dessen Lebensende nicht weggeworfen, sondern wieder verwendet, wieder verarbeitet – und zwar vollständig. Damit so ein System Wirklichkeit werden kann, muss sich in den Köpfen der Wirtschaftskapitäne noch viel ändern, denn es bedeutet, das lineare Wirtschaften aufzugeben, das durch die brutale Ausbeutung der Ressourcen so gut funktioniert hat. Richtig betrachtet hat es natürlich nicht gut funktioniert, sondern die Welt in eine lebensbedrohliche Situation manövriert. Es ist deshalb unwahrscheinlich, dass die Transformation der Prozesse und Wirtschaftsweise innerhalb eines turbo-kapitalistischen Systems überhaupt möglich ist.


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