Was jahrzehntelang als stinkendes Abfallproblem galt, wird zum regulatorisch abgesicherten Wachstumsmarkt: Klärschlamm. Grund ist der endliche Rohstoff Phosphor, den die EU seit 2014 als kritisch einstuft – und der auch in Österreich künftig zurückgewonnen werden muss.
Neue Gesetze machen Rückgewinnung zur Pflicht
Mit der Abfallverbrennungsverordnung 2024, seit 1. Jänner 2025 in Kraft, zieht Österreich hinter der Schweiz und Deutschland nach. Kläranlagen ab 20.000 Einwohnerwerten – rund 85 Prozent des heimischen Klärschlammaufkommens – dürfen ihren Schlamm ab 2033 nicht mehr auf Feldern ausbringen, sondern müssen ihn verbrennen. Aus der Asche wiederum ist Phosphor zurückzugewinnen. Das Potenzial ist beträchtlich: Österreichs rund 630 kommunale Kläranlagen erzeugen jährlich zwischen 230.000 und 250.000 Tonnen Klärschlamm-Trockensubstanz, darin enthalten sind an die 6.000 Tonnen Phosphor. Gelänge die vollständige Rückgewinnung, ließen sich damit je nach Berechnung bis zu 50 Prozent des heimischen Phosphordüngerbedarfs decken und Importe reduzieren. Aktuell liegt die technische Rückgewinnung laut einer parlamentarischen Anfrage bei praktisch null.
Vom Klärschlamm zum Dünger: Die Technik
Etabliert haben sich vor allem thermochemische Verfahren wie AshDec – ursprünglich von der Wiener Firma ASH DEC entwickelt –, bei denen Asche im Drehrohrofen unter Zugabe von Alkaliverbindungen behandelt wird, sowie nasschemische Ansätze wie TetraPhos oder Ash2Phos, die Phosphate mit Säuren herauslösen. Vorreiter sind Deutschland, Schweden, Frankreich und die Schweiz, wo die Bodenausbringung von Klärschlamm schon länger verboten ist. In der österreichischen Hauptstadt hat Wien Energie Ende 2024 in Simmering eine Trocknungsanlage in Betrieb genommen, was die Voraussetzung für eine spätere Phosphorgewinnung schafft. 2025 sollen zusätzlich rund 2.000 Tonnen Wiener Klärschlammasche über einen externen Partner zu Dünger verarbeitet werden. Der Anlagenbauer Andritz wiederum profitiert europaweit von steigenden Aufträgen, seit die neuen Verordnungen in Kraft sind. Für den Grazer Technologiekonzern ist der Bereich Klärschlamm längst zum eigenen Geschäftsfeld geworden.

Private Investoren wittern das große Geschäft
Wo Gesetze einen Markt erzwingen, folgt privates Kapital. Ein Beispiel dafür ist die Wiener EverYield AG, die sich nicht als klassischer Entsorger wie Remondis oder Veolia versteht, sondern als Projektentwickler und Betreiber von „Energy Campus“-Anlagen. Das Prinzip: Klärschlamm wird getrocknet, zu Pellets gepresst und vor Ort in Monoverbrennungsanlagen verwertet – Strom und Wärme werden vermarktet, aus der Asche wird Phosphor gewonnen. CEO Mario Mildner beschreibt das Modell im Gespräch mit dem Anleihen-Finder so: Rund 50 Prozent der Erlöse sollen aus kommunalen Entsorgungsgebühren kommen, weitere 30 Prozent aus Energieverkauf, der Rest aus Phosphorprodukten. Finanziert soll das Wachstum unter anderem über eine Unternehmensanleihe mit 9 Prozent Zinskupon werden, deren Volumen bereits von 30 auf bis zu 50 Millionen Euro aufgestockt wurde. Als erstes Großprojekt nennt das Unternehmen den übernommenen Energy Campus Murau-Murtal in der Steiermark, wo ab 2028 Klärschlammverwertung und Phosphorrückgewinnung starten sollen. Laut Mildner evaluiert EverYield derzeit 84 mögliche Standorte, 39 davon in Österreich, und sieht europaweit Bedarf für rund 1.000 vergleichbare Anlagen.
Chancen und offene Fragen
Ob sich dieses Kalkül flächendeckend ausgeht, ist unter Branchenkennern umstritten. In Deutschland liegen die Marktpreise für Klärschlammentsorgung derzeit bei ca. 100 Euro pro Tonne, während Baukosten für neue Anlagen zuletzt stark gestiegen sind. Auch der Absatzmarkt für Recyclingdünger ist noch klein, die düngemittelrechtliche Anerkennung mancher Produkte ungeklärt. Was für Betreiber wie EverYield spricht, sind langfristige, gesetzlich abgesicherte Verträge mit Kommunen – ein Cashflow-Modell, das von Investoren zunehmend als Infrastruktur-Anlage mit stabilen, konjunkturunabhängigen Erträgen wahrgenommen wird.
Doch erst die kommenden Jahre werden zeigen, ob sich aus der Klärschlammverwertung tatsächlich ein neuer heimischer Wachstumsmarkt entwickelt. Ausschlaggebend werden Projekte wie jenes in der Steiermark sein – ebenso wie die Frage, ob private Betreiber die prognostizierten Erlöse aus Energie und Phosphor tatsächlich realisieren können.