Home InnovationE-Auto laden: Wie grün ist der Strom aus öffentlichen Ladesäulen wirklich?

E-Auto laden: Wie grün ist der Strom aus öffentlichen Ladesäulen wirklich?

von Markus Schraml
An den meisten öffentlichen Ladesäulen in Österreich, Deutschland und der Schweiz lädt man heute den normalen Landes‑Strommix. Foto © Mohammed B. via Pexels

Zwischen Herkunftsnachweisen, Marketing und Realität – warum die Klimabilanz eines Elektroautos komplexer ist als viele Werbebotschaften vermuten lassen.

Wer sein Elektroauto an einer öffentlichen Ladesäule anschließt, geht oft davon aus, dass automatisch sauberer Ökostrom in die Batterie fließt. Schließlich werben zahlreiche Betreiber mit Begriffen wie „100 % erneuerbare Energie“ oder „grüner Ladestrom“. Doch was tatsächlich aus der Ladesäule kommt, ist deutlich komplizierter – und eröffnet eine Diskussion über Transparenz, Greenwashing und die tatsächliche Umweltbilanz der Elektromobilität.

Aus der Steckdose kommt meist der normale Strommix

Physikalisch unterscheidet sich der Strom an einer Ladesäule nicht von jenem, der Haushalte oder Unternehmen versorgt. Alle Kraftwerke speisen ihre Energie gemeinsam ins Stromnetz ein. Wind-, Wasser-, Solar-, Gas- oder Kohlekraftwerke lassen sich an der Steckdose nicht voneinander trennen.

Das bedeutet: Wer sein Fahrzeug lädt, bezieht in der Regel den aktuellen Strommix des jeweiligen Landes. Dessen Anteil erneuerbarer Energien wächst zwar kontinuierlich, besteht aber keineswegs ausschließlich aus Wind- und Sonnenstrom. Einzelne Anbieter – etwa kommunale Betreiber oder Energieversorger – deklarieren ihre Ladepunkte ausdrücklich mit 100 % Ökostrom. Doch auch hier fließen keine „grünen Elektronen“ direkt zum Fahrzeug.

Geladen wird meist mit herkömmlichen Strommix – auch wenn 100 % Öko angegeben ist. © Open AI

Was hinter dem Begriff Ökostrom steckt

Der Schlüssel liegt in sogenannten Herkunftsnachweisen. Für jede erzeugte Megawattstunde erneuerbaren Stroms wird ein digitales Zertifikat ausgestellt. Energieversorger oder Ladeinfrastrukturbetreiber können diese Zertifikate erwerben und ihrem Stromprodukt zuordnen.

Rechtlich ist das völlig korrekt. Physikalisch stammt der Strom jedoch weiterhin aus dem allgemeinen Netz. Die Zertifikate dokumentieren bilanziell, dass irgendwo im europäischen Stromsystem eine entsprechende Menge erneuerbarer Energie erzeugt wurde – nicht jedoch, dass genau in dem Moment Wind- oder Solarstrom das Elektroauto lädt.

Kritik: Grün auf dem Papier

Genau hier setzt die Kritik von Umwelt- und Verbraucherorganisationen an. Herkunftsnachweise schaffen Transparenz über die Bilanz eines Stromprodukts, führen aber nicht automatisch zum Ausbau neuer Wind- oder Solaranlagen. Unternehmen können weiterhin konventionellen Netzstrom beziehen und ihre Produkte durch den Zukauf von Zertifikaten als „100 % Ökostrom“ vermarkten.

Deshalb sprechen Kritiker von einem Greenwashing-Risiko: Die Werbeaussagen sind rechtlich zulässig, vermitteln vielen Verbrauchern jedoch den Eindruck, mit jedem Ladevorgang unmittelbar zusätzlichen Klimaschutz zu finanzieren. Tatsächlich handelt es sich häufig um ein bilanztechnisches Modell ohne unmittelbaren Zusatznutzen.

Smatrics, einer der größten österreichischen Schnellladeanbieter betont, sein Highspeed‑Netz mit „100 % erneuerbarer Energie von Verbund“ zu betreiben. © Smatrics

Die Branche arbeitet bereits an präziseren Lösungen

Ganz stehen geblieben ist die Entwicklung allerdings nicht. In ersten Projekten wird mit sogenannten granularen Herkunftsnachweisen gearbeitet. Statt den Ökostrom lediglich auf Jahresbasis zu bilanzieren, wird dabei im Stundentakt dokumentiert, aus welcher erneuerbaren Anlage die Energie stammt. LichtBlick und Granular Energy bieten für Geschäftskunden in Deutschland bereits einen stündlichen Nachweis an. Damit lässt sich wesentlich genauer ermitteln, ob Ladevorgang und Stromerzeugung tatsächlich zeitlich zusammenpassen. Viele diesbezüglich Projekte befinden sich allerdings noch im Pilotstadium – vor allem was den ambitionierten Viertelstundentakt betrifft.

Die Umweltbilanz hängt von mehreren Faktoren ab

Diese Debatte zeigt vor allem eines: Die Nachhaltigkeit eines Elektroautos lässt sich nicht allein anhand des Antriebskonzepts beurteilen. Neben dem Strommix spielt auch die Herstellung eine entscheidende Rolle. Insbesondere die Produktion großer Traktionsbatterien verursacht erhebliche Mengen an CO₂ und bindet große Mengen an Rohstoffen wie Lithium, Nickel oder Kobalt.

Gerade schwere Elektro-SUVs mit Batterien von über 100 kWh benötigen deutlich mehr Material und verbrauchen im Fahrbetrieb wesentlich mehr Energie als kompakte Elektrofahrzeuge. Dadurch verlängert sich auch der Zeitraum, bis der CO₂-Rucksack der Batterie durch den emissionsärmeren Betrieb ausgeglichen wird.

Das bedeutet keineswegs, dass Elektroautos keine Zukunft haben. Mit einem zunehmend erneuerbaren Stromsystem verbessert sich ihre Umweltbilanz kontinuierlich. Dennoch gilt: Je größer, schwerer und leistungsstärker ein Fahrzeug ausfällt, desto stärker steigen Energieverbrauch, Ressourcenbedarf und Umweltbelastung.

Der eigentliche ökologische Vorteil der Elektromobilität liegt daher weniger im elektrischen Luxus-SUV als vielmehr in effizienten Fahrzeugen, die möglichst klein dimensionierte Batterien mit einem möglichst erneuerbaren Stromsystem kombinieren. Erst dieses Zusammenspiel macht Elektromobilität zu einem wirkungsvollen Baustein für eine umweltfreundlichere Wirtschaftsweise.


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