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Sebastian Herkner über den Loungechair 119 für Thonet

von Markus Schraml
Sebastian Herkner, Thonet

Die erfolgreiche Stuhlfamilie 118, die Sebastian Herkner für Thonet entworfen hat und die 2018 auf den Markt kam, war Ausgangspunkt für eine Weiterentwicklung in Richtung Sessel. Der Neue trägt die Nummer 119 und bringt die Thonet-DNA ins Wohnzimmer bzw. in die Hotellobby. Herkner schafft es, die typischen Merkmale wie Bugholz und Geflecht auf einen Loungechair zu übertragen. Die zeitgemäße Erweiterung der Produktpalette des deutschen Traditionsherstellers wird damit entscheidend vorangetrieben.

Im Rahmen der Mailänder Designwoche hatte FORMFAKTOR die Gelegenheit, einen ersten Blick auf das neue Design zu werfen. Beim Interview im SieMatic Showroom Monte Santo sprach Sebastian Herkner über die Marke Thonet, seine Erdung in Offenbach und soziale Nachhaltigkeit. Außerdem erzählte der deutsche Designer, was sich durch den enormen Erfolg der letzten Jahre für ihn geändert hat.

formfaktor: Du hast schon den Stuhl 118 für Thonet designt und auch den Messestand für Thonet auf der imm cologne 2020. Welche Bedeutung hat für Dich das Unternehmen Thonet?

Sebastian Herkner: Thonet ist die deutsche Möbelmarke schlechthin mit einer 200-jährigen spannenden Geschichte. Sehr visionär. Als 12-jähriger Junge hatte ich einen solchen Stuhl (Anm.: zeigt auf ein 214er-Modell) vom Sperrmüll mitgenommen, ohne zu wissen, wer der Hersteller ist. Das habe ich einmal bei einem Talk in München gesagt und der anwesende Peter Thonet hat ein bisschen komisch geschaut. Was ! – jemand hat diesen Stuhl weggeworfen. Aber mir fiel dieser Stuhl auf und danach habe ich recherchiert. Das hat irgendetwas in mir geweckt. Ich hatte ja damals Design gar nicht auf dem Schirm. Design kam in den 90ern nicht in der Zeitung, nicht bei Wetten, dass..? vor. Höchstens Modedesign. Auch in der Schule war es kein Thema. Da ging es um Bildhauerei, Malerei, Fotografie. Auf jeden Fall habe ich diesen Stuhl mit nach Hause genommen, abgeschliffen und so stand er dann in meinem Jugendzimmer. Das war meine erste Berührung mit Thonet. Während des Studiums sind wir dann von Offenbach nach Frankenberg hochgefahren und haben die Fabrik besichtigt. Dort sahen wir, wie das Bugholz gebogen wird. Das war die zweite Berührung. Ich fand Thonet toll. Es gab ein paar Firmen, die ich als Junger gut fand. Das waren neben Thonet, Moroso oder auch Vitra.

formfaktor: Später kam der Kontakt zu Thonet über Norbert Ruf?

Sebastian Herkner: Ich habe für Dedon eine Kollektion entworfen. Damals war Norbert Ruf dort in der Produktentwicklung. Als er zu Thonet wechselte, hat er mich gefragt, ob ich für das große Jubiläum nicht einen Stuhl machen möchte. Es ging darum, den Frankfurter Stuhl neu zu interpretieren – einen ehrlichen, einfachen Massivholzstuhl zu einem guten Preis. Es war wichtig, dass der Preis bei unter 400 Euro beginnt. Manchmal bekommt man als Designer von den Firmen so eine Art Carte blanche und der Hersteller muss dann schauen, wie er den Preis hinbekommt. Nicht so in diesem Fall. Das ist natürlich spannend, sich zu überlegen, wie bekommt man das hin.

formfaktor: Beim 118 ging es ja auch darum, die Marke Thonet zeitgemäßer zu machen, zu modernisieren. Das zeigt sich vor allem im Hochglanzlack.

Sebastian Herkner: Die Farben kamen von mir. Ein Ziel war natürlich auch, einen Stuhl zu kreieren, der sowohl im Restaurant als auch zu Hause stehen kann. Und er musste zu Thonet passen – vom Visionären als auch vom Reduzierten her. Und diese Attribute hat er: das Bugholz des Sitzrahmens, das Geflecht usw. Als dann die Messe kam, wurde ich gefragt, welche Oberflächen ich denn möchte. In erster Linie kommt dafür Buche infrage, weil es sich gut biegen lässt. Thonet hat die Standardfarben Schwarz, Weiß und so einen Grünton. Ich wollte aber etwas Besonderes und kam dann mit den Hochglanzfarben um die Ecke. Man kennt sie aus den 20ern, Eileen Gray bei ClassiCon, von Klavieren oder in Japan und China gibt es diese Teeschalen-Lackkultur. Am Anfang war man bei Thonet skeptisch, aber sie haben sich dann breitschlagen lassen, einen Stuhl in dunkelblau auf der Messe 2018 zu zeigen und das ist super angekommen. Sowohl bei der Presse, aber auch beim Handel und in der Folge dann bei den Konsumenten. Und in Mailand, ein paar Monate später, haben wir schon alle sechs Farben gezeigt.

formfaktor: Das war doch ein genialer Einfall. Hochglanzlack auf einen Thonetstuhl zu applizieren?

Sebastian Herkner: Ich mochte das halt. Das bringt nämlich eine gewisse Eleganz, wofür Thonet ja nicht unbedingt steht. Aber zum Beispiel für den französischen oder italienischen Markt braucht man das. Oder in einer tollen Altbauwohnung in Wien. Die Jahre zuvor war alles skandinavisch mit Pastelltönen und ich dachte, jetzt ist es Zeit, dass das Ganze etwas schicker wird. Das hat Thonet noch einmal auf eine neue Ebene gebracht. Und das ist das Schöne, dass man als Designer seine eigene Vision für eine Marke umsetzen kann.

Vorschau: der Loungechair 119 in dunklem Rot. Auch
ein loses Sitzkissen, das wie anno dazumal an den Hinterbeinen befestigt wird, soll verfügbar sein. © Thonet

formfaktor: Kommen wir noch einmal zurück zur Thonet-Tradition des Holzbiegens. Das ist ein interessantes Verfahren mit industriellem Charakter. Und dennoch wird dabei teilweise mit hohem körperlichen Einsatz von Menschen gearbeitet.

Sebastian Herkner: Da steckt eine Menge Manpower dahinter. Beim 119er sieht man es nicht, weil er lackiert ist, aber wenn das gebogene Holz sichtbar bleibt, dann sieht man, dass die Maserung hier herumläuft. Heute werden oft Kanthölzer zusammengeleimt und gefräst. Dann sieht man, dass die Maserung nicht herumläuft. Das ist also wirklich ein Qualitätsmerkmal und ein Zeichen, dass es Handarbeit ist. Natürlich kommen teilweise Maschinen zum Einsatz. Das sind so alte, grün lackierte Maschinen, die seit 60, 70 Jahren in der Werkstatt stehen und die helfen manchmal beim Biegen. Aber bei diesem Sessel ist es komplett Manpower: Zwei Jungs. Da habe ich wirklich Respekt. Toll, dass es Leute gibt, die das noch machen. Toll, dass es junge Leute gibt, die einen solchen Handwerksberuf lernen wollen. Aber es wird natürlich immer schwieriger dafür Nachwuchs zu finden. Das ist generell ein Problem, ob es Polsterer, Glasbläser oder Holzfertiger sind. Mein Bruder hat einen Landschaftsgarten-Betrieb: Dafür Auszubildende zu finden ist schwierig.

formfaktor: Ich nehme an, es ist eine Kombination aus Handwerk und moderner Technologie.

Sebastian Herkner: Für den Sessel wird ein größeres Kantholz verwendet, das gebogen und danach CNC-gefräst wird. Das ist eine perfekte Verbindung aus Handwerk und Technologie. Es geht darum, eine gute Lösung sowohl in ästhetischer als auch ökologischer und schließlich ökonomischer Hinsicht zu finden. Und das geht mit der richtigen Kombination von moderner Technologie und Handwerk.

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formfaktor: Du warst in den letzten Jahren extrem erfolgreich und hattest enorm viele Aufträge. Was hat sich mit dem Erfolg für Dich geändert? Wie sieht es mit der Work-Life-Balance aus?

Sebastian Herkner: Der Erfolg ist nicht mein Erfolg alleine. Ich habe ein Büro und ein fünfköpfiges internationales Team, das mit mir arbeitet. Das ist ganz wichtig zu sagen. Darunter sind Thailänder, Schweizer, Franzosen, die alle nach Offenbach gezogen sind. Also nicht nach Berlin oder München. Wir sind ein familiäres Team. Die gehörten eigentlich alle ebenfalls auf die Bühne, wie die Handwerker auch. Nicht zu vergessen die Presse. Die hat mich damals wahnsinnig gepusht. Der Bell Table war überall in der Presse und keiner wollte ihn produzieren. 2011 bekam ich den Newcomer-Preis und jetzt bekomme ich den Elle Deco „Designer of the Year“. Meine Mutter sagte, den hast Du doch schon mal bekommen. Und ich: Ne, Mama, das war der Newcomer, jetzt bin ich schon bei den Alten. (lacht) Natürlich habe ich viel dafür gearbeitet und am Anfang viel dafür geopfert. Ich hatte kaum Urlaub. Und als ich dann meinen Mann kennengelernt habe, sind wir das erste Mal seit, glaube ich, acht Jahren in Urlaub gefahren. Da saß ich dann am Strand von Thailand und das hat mich voll angekotzt, weil ich nichts mit mir anzufangen wusste. Seitdem aber liebe ich Urlaub. Er war es auch, der es fertig gebracht hat, dass ich Samstag / Sonntag zu Hause bleibe. Aber ich mache nach wie vor sehr viel selber. Die Steuer am Wochenende. Da kommt vielleicht der Schwabe durch, ich weiß es nicht. Wichtig für mich war, dass ich in Offenbach geblieben bin. Ich glaube, das erdet. Und der Freundeskreis ist wichtig. Auch die Erziehung. Ich komme ja aus keinem Kreativ-Haushalt, sondern aus schaffe, schaffe, Häusle baue und Campingurlaub mit Zelt. Erst durch das Design und durch die Messen kam ich dann weiter raus: Philippinen, Indonesien, Kolumbien, Zimbabwe. Das ist schon ein Privileg, eine tolle Erfahrung und große Inspirationsquelle.

formfaktor: Zu Deiner Zeit war es wahrscheinlich leichter, mit dem Design zu beginnen als jetzt. Durch die Pandemie hat es der Designnachwuchs besonders schwer. Welchen Rat kannst Du Anfängern und Absolventinnen geben?

Sebastian Herkner: Es war leichter, ja. Ich konnte die Plattformen für Jungdesigner in Köln und Mailand nutzen. Ich konnte Leute treffen und Klinken putzen auf der Messe. Na ja, und heute kann ich aussuchen. Deshalb engagiere ich mich auch für den Nachwuchs. Gestern erst war ich in Darmstadt bei der Preisverleihung des hessischen Designpreises für junge Designer. Ich bin in der Jury für Jungdesigner in Köln und ich habe mich auch dafür eingesetzt, dass die Preisträger dieses Jahres im nächsten Jahr auch noch gezeigt werden. Weil sie brauchen die Sichtbarkeit.

Ich möchte nicht in deren Haut stecken. Da bin ich wirklich privilegiert, dass ich in dieser Krisenzeit Aufträge habe und sogar neue Projekte beginnen konnte. Und die jungen Leute haben tolle Ideen und denken sehr nachhaltig und zeitgemäß. Die brauchen natürlich eine Bühne und Kontakte. Ich gebe immer den Rat, bleibt, wo ihr seid. Ihr müsst nicht nach Mailand. Bleibt, was weiß ich, in Budapest oder wo auch immer. Ihr braucht Internet, einen Flughafen und ein Umfeld, dass ihr euch finanziell leisten könnt. Es geht auch darum, sich wohlzufühlen. Es hat keinen Sinn, irgendwo in Paris in einer kleinen Kammer zu sitzen und drei Nebenjobs zu haben, weil man sich sonst die Miete nicht leisten kann.

formfaktor: Heutzutage ist ständig die Rede von Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft. Und davon, dass Designer mit ihrem holistischen Ansatz eine Rolle bei der Transformation spielen könnten. Das kommt vor allem auch von den Nachwuchsdesigner*innen. Wie ist Deine Einstellung zu diesem Thema?

Sebastian Herkner: Ich kann wirklich sagen, dass alle meine Hersteller glaubhaft und ernsthaft daran arbeiten. Sonst könnte ich das auch gar nicht so kommunizieren. Thonet fertigt wirklich in Deutschland bzw. Italien. Das heißt, es wird schon mal nicht um die ganze Welt geschickt. Es gibt einmal die Nachhaltigkeit im Klimaschutz und bei Materialien usw. Es gibt aber auch eine Nachhaltigkeit im sozialen Bereich. Bei Thonet werden Arbeitsplätze erhalten, das finde ich ganz wichtig. Toll ist zum Beispiel bei Wittmann, wie die Polsterung mit dem Federkern dort noch immer gemacht wird. Das ist einer der wenigen Hersteller, der das überhaupt noch selbst macht. Das Sofa kann nach 20 Jahren repariert werden. Und diesen Service bietet Wittmann. Ich weiß nicht, ob, wenn ich ein Sofa online bestelle, dieser Service auch angeboten wird. Es geht einfach um Wertschätzung von Design. Es geht um das Wiederverwenden im Sinne von reparieren, neu aufpolstern. Erneuern und weitergeben. Einen anständigen Entwurf, wie dieser hier von Marco Dessí, (Anm: hebt Dessís 520 für Thonet an) den kann ich auch weitergeben. Ich glaube, wir müssen alle umdenken.

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formfaktor: Hättest Du nicht Lust einmal etwas ganz anderes zu designen?

Sebastian Herkner: Damals beim Camping wollte meine Mutter in jede Kirche in Frankreich und ich habe gefühlt alle gesehen. Unlängst waren wir in Lübeck oben an der Ostsee. Diese Städte dort – auch Stralsund zum Beispiel – sind so großartig, weil sie nicht so stark zerbombt wurden. Dort gibt es wahnsinnig tolle Kirchen. In einer gab es einen sehr schönen Altar und Kandelaber auf ihm. Also Kirchenmobiliar zu designen, das würde mich interessieren. Taufbecken, Stühle, Bänke. Allerdings werden kaum Neue gebaut, heutzutage.

formfaktor: Wie geht es jetzt mit dem Loungechair 119 weiter? In welcher Phase befindet sich die Produktion?

Sebastian Herkner: Das ist jetzt mal die Preview. Der Sessel ist zu 97 % fertig. Es gibt noch ein paar Details, die noch nicht passen. Im Januar wird er dann richtig groß vorgestellt und ab dann ist er auch lieferbar.


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