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Steile Lernkurve Richtung online – Ars Electronica Festival 2020

von Markus Schraml
Infinitely Yours von Miwa Matreyek (US) ist eine traumhafte Meditation über Klimaveränderung und das Anthropozän. Goldene Nica in der Kategorie Computer Animation. © Foto: Keida Mascaro

Das Ars Electronica Festival stieß im Jahr 2020 in neue Dimensionen vor. Die Coronavirus-Pandemie zwang die Veranstalter, umzudenken – sinnvollerweise wurde auch gleich weitergedacht. Neben einem verkleinerten reellen Festivalgeschehen in Linz nahm der digitale Teil unerwartete Ausmaße an. Der künstlerische Leiter Gerfried Stocker spricht von 40 weltweiten Teilnehmer*innen, die man sich erhofft hatte, schließlich waren es 160 Netzwerkpartner, die sich am Online-Festival beteiligten. Das beweist die Strahlkraft des Ars Electronica Festival als mittlerweile wichtigste Veranstaltung im Bereich digitale Kunst. Die Vielzahl der Teilnehmer*innen rund um den Globus stellte das Team in Linz vor eine Herkulesaufgabe. Dass alle Livestreams ohne größere technische Probleme koordiniert und über die Bühne gebracht werden konnten, ist der reichen Erfahrung der Ars Electronica-Mitarbeiter*innen zu verdanken. Ein Probelauf (in vergleichsweise sehr kleinem Rahmen) war sicher das Home Delivery-Angebot der Ars Electronica, dass schon seit einigen Monaten läuft und eines der gewinnendsten Angebote in der Corona-Zeit ist.

Mit der Aufteilung des Online-Festival-Programms auf vier Youtube-Channels versuchten die Veranstalter zumindest ein wenig Übersicht in die Fülle zu bringen. „All diese Programmangebote haben wir zu einem schier unüberblickbaren Onlineprogramm verwoben. Im Verlauf der vergangenen fünf Tage haben wir auf vier Channels 627 Sessions parallel gestreamt“, berichtet Martin Honzik, Managing Director des Festivals. „Dass das ohne technische Pannen ablaufen würde, haben wir vorab natürlich alle inständig gehofft, es aber offen gesagt nicht erwartet.“ Die im Rahmen des Festivals gestreamten Videos wurden bisher mehr als 56.837 Mal abgerufen. Im Hinblick auf die Views der Livestreams gibt Gerfried Stocker aber zu bedenken, dass dies erst der Anfang sei. „Es war klar, dass unsere Talks, Lectures und Konferenzen nicht untertags, quasi nebenbei im Büro konsumiert werden würden, sondern dann, wenn die Leute die notwendige Zeit und Ruhe dafür haben“, erklärt er. Deshalb werden in den kommenden Wochen Hunderte Videos noch geschnitten und eingefügt. In einem Mix aus Ars Electronica Blog und Mediathek sollen sie übersichtlich zugänglich gemacht werden. Auch der Aufbau einer Online-Videosammlung der globalen zeitgenössischen digitalen Kunst erscheint machbar. Außerdem wird gerade an einer Dokumentation gearbeitet, die die Künstler*innen bei ihren Vorbereitungen und Auftritten zeigt.

Das reelle Angebot in Linz selbst war eingeschränkt, aber in dieser Form ausverkauft. 3.490 Tickets wurden für den Besuch von „Kepler’s Garden“ – erstmals auf dem Campus der Johannes Kepler Universität Linz – angeboten und alle verkauft. Die Innenstadt-Festivalmeile mit OK im OÖ Kulturquartier wurde von 1.664 Menschen besucht. Für die Kunstuniversität interessierten sich 1.284 Besucher*innen und für das Ars Electronica Center 2.223. Erstaunlich ist, dass trotz der Corona-Beschränkungen immerhin 668 Künstler*innen physisch in Linz anwesend waren. „Unser erstes Gastspiel auf dem Campus der Johannes Kepler Universität Linz musste Corona-bedingt natürlich etwas zurückhaltend ausfallen, trotzdem denke ich, dass der Besuch hier sehr reizvoll war“, meint Martin Honzik. Ein großes Lob spricht Honzik den Besucher*innen aus, denn es gab keinen einzigen Fall, in dem die Security einschreiten musste, etwa weil sich jemand geweigert hätte, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Die diversen Auflagen stießen somit auf Verständnis und Akzeptanz beim Publikum. Meinrad Lukas, Rektor der Johannes Kepler Universität Linz zeigte sich von der ersten Zusammenarbeit mit Ars Electronica begeistert. Die Verbindung von Kunst und Wissenschaft erachtet er für wegweisend für die Stadt. „Auch die geplante Technische Universität muss sich dieser Verschmelzung von wissenschaftlicher Forschung und technologischer Innovation mit künstlerischer Kreativität und Reflexion verschreiben“, betont Lukas. „Hier eröffnet sich die Riesenchance, in Linz einen international bedeutsamen Hub zu schaffen, der sich dem verschreibt, was angesichts neuer Technologien wie KI überall heiß diskutiert wird: Wie schaffen wir es, technologische Innovation zur sozialen Innovation werden zu lassen, wie schaffen wir es, Technologieentwicklung, um die so dringend notwendige gesellschafts- und demokratiepolitische Dimension zu erweitern?“

Das Programm 2020 begeisterte zuallererst mit Auftritten (reell oder online) von Musiker*innen sowohl aus dem klassischen als auch dem avandgardistisch-elektronischen Bereich. Auch die Ausstellungen zogen (abstandsgemäß) viele Besucher*innen an. Vor allem die „CyberArts“ im OÖ Kulturquartier, in der die Preisträger*innen des Prix Ars Electronica 2020 gezeigt wurden, fand Anklang. Inhaltlich, also in den Talks, Key Notes und Präsentationen, kam vor allem eines zum Ausdruck: Die Welt braucht dringend Veränderungen. Technologie kann dabei helfen, aber nur, wenn die Menschen sehr viel mehr Ahnung als bisher davon haben, und zwar nicht nur bzgl. Anwendung, sondern auch über die Hintergründe. So sagte etwa Julian Nida-Rümlin (Prof. f. Philosophie u. politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München) im Rahmen des Symposiums „Die Geister, die ich rief!“, dass digitale Tools als Unterrichtsunterstützung durchaus sinnvoll seien, dass aber das Zurücknehmen der Lehrenden der völlig falsche Weg sei. Denn das humanistische Bildungsziel müsse sein, Urteilskraft, kritische Distanz, Reflexion und Autonomie zu stärken. Und dies könne nur im direkten Kontakt zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen erreicht werden. Diesbezüglich muss auch der Einsatz von KIs kritisch betrachtet werden. Keynote-Speaker Uli Meyer (Prof. u. Abteilungsleiter am Inst. f. Soziologie der JKU / Linz) betonte, dass die Datenbasis (also die Daten, mit denen Künstliche Intelligenzen gefüttert werden) für sozio-technische Konstellationen sehr genau betrachtet werden müsse. In das „Training“ von KIs müssten auf jeden Fall auch die Normen und Werte der Menschen integriert werden. Schließlich sei die Frage: Wer macht was mit den Daten? vor allem im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz zu beleuchten.

Video-Führung durch die Cyber Arts Ausstellung im OK in Linz

Alles in allem hat sich der mutige Schritt der Ars Electronica-Organisatoren nach vorn bewährt. Und trotz des Erfolges auch im digitalen Bereich, war aus vielen Statements das Bedauern herauszuhören, dass das Festival nicht in der gewohnten Art und Weise durchgeführt werden konnte. Die ganze Stadt Linz als große Party der Hör-, Schau- und Innovationslust, das spielte es 2020 nur in sehr begrenztem Maße. Dennoch: „Wir haben dieses Jahr zunächst notgedrungen und dann mit großer Begeisterung eines der größten Experimente in der Geschichte von Ars Electronica durchgeführt. Das genau zu analysieren wird uns die nächsten Wochen noch beschäftigen“, so Gerfried Stocker. „Schon jetzt steht aber außer Streit, dass wir eine Lernkurve hingelegt haben, die sich sehen lassen kann. Ich darf an der Stelle gleich zur nächsten Ars Electronica einladen, die von 8. bis 12. September 2021 auf dem herrlichen Campus der Johannes Kepler Universität Linz und auch online stattfinden wird. So viel ist sicher.“


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