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Werte schaffen – Interview mit Anna und Paolo Bartoli

von Markus Schraml
Paolo, Anna und Carlo Bartoli. © Bartoli Design

Einfachheit und Balance sind zwei Schlagworte, die auf eines der renommiertesten Designstudios Italiens uneingeschränkt zutreffen. Bartoli Design kreiert Möbel, die von enormer Expertise in Bezug auf Herstellungstechnologien und -prozesse sowie Handwerk und Tradition zeugen. Die Ergebnisse sind hervorragende Beispiele eines „Made in Italy“, das sich seiner Wurzeln und seiner Stärken vollends bewusst ist.

Das Studio wurde von Carlo Bartoli 1960 gegründet, wobei sein Interesse zu Beginn der Architektur und dem Interieur galt. Aufgrund wiederkehrender Krisen im Baugewerbe konzentrierte er sich zunehmend auf Möbeldesign. Sein Bestreben war es, mehr Einfachheit in die Kultur zu bringen. Schon bald arbeitete er für namhafte Marken, was zu Produkten wie dem Gaia Lehnstuhl für Arflex führte, der in die permanente Sammlung des MoMA New York und die Kollektion der Milano Triennale aufgenommen wurde. Zahlreichen Einladungen in weltbekannte Museen und vielen Preisen folgte schließlich 2008 der XXI Compasso d‘Oro ADI, die wichtigste Designauszeichnung Italiens. Ein Jahr zuvor waren Carlo Bartolis Kinder Paolo und Anna ins Familiengeschäft eingestiegen und brachten neue Ideen und neue Herangehensweisen mit. Aufbauend auf den Erfolgen ihres Vaters, entschied nun ein Trio über den zukünftigen Weg. Die generationenübergreifende Arbeit führte dazu, dass heute ein sehr weites Feld im Designbereich bearbeitet werden kann. Von Produktdesign über Art Direktion bis hin zu Markenstrategien umfasst die Angebotspalette des Studios das volle Spektrum an Design Services. Wobei der Fokus auf Einfachheit sowie der Balance von Ästhetik und Funktion noch immer die Richtung vorgibt.

Im formfaktor-Exklusivinterview sprechen Anna und Paolo Bartoli über Arbeitsprozesse innerhalb der Familie, italienische Designgeschichte und den richtigen Umgang mit neuen Technologien.


formfaktor: Bei den vielen verschiedenen Möbelkategorien, in denen Bartoli Design gestaltet hat, fällt auf, dass sehr viele Tische darunter sind. Was ist die Herausforderung, wenn Sie einen Tisch designen?

Paolo Bartoli: Ein neues Produkt zu designen ist immer eine Herausforderung, weil man ja etwas Originelles gestalten möchte. Das Hauptziel eines Designers ist immer, mit neuen Mitteln, Werte zu schaffen. Tische und Stühle werden seit Jahrhunderten entworfen, sodass jemand denken könnte, dass neue Lösungen unmöglich wären. Dennoch ist es möglich, weil sich unsere Kultur weiterentwickelt und auch der Geschmack für Möbel und die Technologien sich ändern. Die Designsprache entwickelt sich mit der Kultur weiter. In manchen Fällen, wie bei den ausziehbaren Tischen Sushi, Nori und Maki, die wir für Kristalia entworfen haben, werden neue Eigenschaften durch neue leichtere, stärkere und dünnere Materialien oder neue Produktionstechnologien möglich.

formfaktor: Manche Leute sagen: Einen guten Stuhl zu designen ist die schwerste Aufgabe für einen Designer. Stimmt das?

Paolo Bartoli: Es stimmt. Ein Stuhl ist eine Kombination von zumindest drei Faktoren: Ästhetik, strukturelle Performance und ergonomischem Sitzen. Es ist, als würde man versuchen, eine schöne Skulptur zu schaffen, die gleichzeitig komfortabel, stark genug und dennoch leicht für den Contract-Bereich und den Versand sein soll – und das Ganze natürlich zum best möglichen Preis. Wenn man die erforderlichen Zutaten hat, liegt es am Designer, das richtige Rezept für ein feines Abendessen zu finden!

Noch einmal – manche meinen alles sei gesagt, aber jedes Jahr beweisen Designer das Gegenteil. Wir haben viele Stühle designt und dabei versucht in jedes Design neue interessante Features oder einige Überraschungen einzubauen. Ein Stuhl, der aufgrund seiner quadratischen Form unbequem aussieht, kann sehr bequem sein, wenn man erst auf ihm sitzt – dank der Eigenschaften des Materials, das für die Herstellung verwendet wurde.

formfaktor: Wie funktioniert der Arbeitsprozess zwischen Ihnen drei? Gibt es verschiedene Aufgaben für Carlo, Paolo und Anna? Wie kann man sich das vorstellen?

Anna Bartoli: Wir drei haben jeder einen anderen Zugang zur Gestaltung, sei er eher frei oder eher funktional, dennoch ist es eine Tatsache, dass wir im Team arbeiten. Gewöhnlich reden wir sehr viel über unsere Projekte, die sich in der Entwicklungsphase befinden – Carlo würde sagen – zu viel – und wir sind unserer eigenen Arbeit gegenüber sehr kritisch. Unsere Designs werden gründlich analysiert, bevor wir sie dem Kunden präsentieren. Außerdem tauschen wir uns in den Entwicklungsstufen eines Designs immer wieder aus, um Feedbacks zu bekommen. Das führt zu einer Reihe unterschiedlicher Perspektiven und einem vielfältigeren Gesamtbild. Es ist eine enorme Bereicherung, die man eben erhält, wenn drei Köpfe zusammenarbeiten. Wir kämpfen und hinterfragen unsere Designs – so ist es eben in unserer Familie.

formfaktor: Welche Bedeutung haben Materialien in Ihrer Arbeit? Wie gehen Sie damit um?

Paolo Bartoli: Wir möchten die Materialien in unseren Designs auf angemessene Weise verwenden und lassen uns auch von Materialien und Oberflächen inspirieren. Sie helfen uns, unsere Designvision in interessante Produkte umzusetzen. Manchmal suchen wir nach bestimmten Eigenschaften, manchmal nach der Faszination, wie Materialien aussehen und sich anfühlen. Aber es muss immer die richtige Balance zwischen Eigenschaften und Ästhetik gewahrt bleiben. Das macht das Interessante aus und bestimmt unser Design. Für manche unserer Entwürfe war das Material der Ausgangspunkt. Zum Beispiel beim Stuhl 1085 für Kristalia. Uns wurde ein sehr dickes Naturleder überlassen und wir wurden gebeten, daraus „etwas zu entwerfen“. Weil wir viel Erfahrung im Design von Stühlen haben, wurde es ein Stuhl – auch wenn die Designentwicklung nicht ganz leicht war. Einfach aussehende Produkte sind ganz und gar nicht einfach zu gestalten und zu entwickeln.

formfaktor: Was haben Sie noch nie designt – würden es aber gerne einmal? Vielleicht etwas komplett anderes?

Anna Bartoli: Ja, bitte – gebt uns eine neue Herausforderung … ein Fahrrad, zum Beispiel.

formfaktor: Wie beginnen Sie ein Projekt? Was sind die ersten Schritte?

Anna Bartoli: Die Inspiration kann aus vielen verschiedenen Richtungen kommen. Es kann Kunst sein oder eine notwendige Funktion oder eine neue Umgebung, in der ein Produkt verwendet werden soll oder ein Material, das für ein bestimmtes Produkt noch nie verwendet wurde. Das hilft abseits des Weges zu denken und das Offensichtliche zu vermeiden. Aber man muss nicht jedes Mal etwas von Grund auf neu erfinden, weil wir glauben, dass Produkte innerhalb unserer Kultur leben müssen, um verstanden und akzeptiert zu werden. In der Regel ist eine Papierskizze der Ausgangspunkt, um grobe Ideen festzuhalten, die dann später ausgearbeitet werden. Es könnte auch ein grobes Modell sein, das wir als Designtool verwenden, eine dreidimensionale Skizze. Erst in einem späteren Stadium des Entwicklungsprozesses gehen wir über zu CAD und detaillierten Modellen.

formfaktor: Gibt es Unterschiede, wenn Sie für eine italienische Firma arbeiten oder für Firmen in anderen Ländern?

Paolo Bartoli: Italienisches Design ist aus den Anforderungen der Architekten entstanden und ist deshalb eng mit der Entwicklung des Wohnens verbunden. Viele italienische Möbelfirmen begannen als Familienunternehmen, Handwerker, die sich zu großen Unternehmen entwickelten. Es gibt immer noch eine enge Verbindung zwischen den großen italienischen Möbelherstellern und den Tausenden von kleinen Handwerksbetrieben, die es den größeren Herstellern erlauben, in der Produktion flexibel zu sein und eine so hohe Produktionsqualität zu erreichen. Italienische Unternehmen verbinden Qualität und Handwerkskunst in einem Massenproduktionsprozess. Deshalb gibt es diese diffuse Design-, Fertigungs- und Technologiekultur, die das Land durchdringt. Unternehmen im Ausland sind häufig mehr geschäftsorientiert und spezialisiert in ihren Prozessen, jedoch weniger flexibel und aufgeschlossen.

formfaktor: Was ist heutzutage die Hauptaufgabe und Funktion eines Designers?

Anna Bartoli: Sicher müssen Designer mehr und mehr wie Orchesterdirigenten agieren, indem sie die Kompetenzen verschiedener Professionisten integrieren und die Arbeit vieler verschiedener Leute koordinieren, damit ein Design erfolgreich ist. Produktdesign allein ist zu wenig. Man muss alles davor, danach und rundherum berücksichtigen. Unser Ziel ist es, auf die Vorgaben des Kunden mit dem richtigen Produkt, Service, der Strategie zu antworten, um so eine Designvision voranzubringen. Manchmal werden wir gefragt, ein Produkt zu designen, wo wir das Gefühl haben, dass der Kunde zuerst eine neue Strategie brauchen würde.

formfaktor: Welchen Rat können Sie jungen Designer*innen geben, die ihr eigenes Studio gründen wollen?

Anna Bartoli: Solange man jung ist, sollte man versuchen, in verschiedensten Umgebungen und mit verschiedensten Menschen zu arbeiten. Egal ob als Freiberufler oder als Praktikant in Unternehmen, wo man von innen heraus verstehen lernt, wie sie funktionieren, was später, wenn man freiberuflich tätig sein will, hilfreich sein kann. Nutze die Chance, ins Ausland zu gehen und zu reisen. Als Ausgangspunkt sollte man den Job wählen, den man wirklich mag. Design mit Sinn und nicht nur für‘s Geld.

formfaktor: An welchen Projekten arbeiten Sie gerade?

Paolo Bartoli: Wir arbeiten an neuen Produkten mit integrierten Technologien, um die Umgebung, in der wir leben, zu steuern. Es ist herausfordernd mit den Möglichkeiten von neuen Technologien, die so vieles bieten, zu arbeiten, aber wir sollten uns davon nicht überwältigen lassen. Wir persönlich möchten nicht Zeit nur mit der Handhabung des Ganzen verschwenden. Deshalb mögen wir das Konzept „Easy invisible technology“: Verwende sie, um zu bekommen, was Du brauchst, aber fühle Dich nicht davon kontrolliert. Am Ende werden wir vielleicht feststellen, dass wir gar nicht so viel Technologie benötigen oder zumindest sollte sie sehr einfach sein, mit möglichst wenig Wartungsaufwand durch den Benutzer. Idealerweise sollten das Produkte sein, die man ohne Bedienungsanleitung verwenden kann – von uns, Kindern oder Großeltern. Das ist auch: Design für alle.


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