Home Design Die Poesie liegt im Prozess – Stefan Diez

Die Poesie liegt im Prozess – Stefan Diez

von Markus Schraml
Costume, Magis, Stefan Diez

Mit der Lancierung von „Costume“, einem neuartigen Sofasystem für Magis beweist Stefan Diez einmal mehr seine besondere Fähigkeit, Alltagsgegenstände völlig neu zu denken. Die oftmals bahnbrechenden Innovationen, mit denen Diez Office seit Jahren überzeugende Gestaltungsarbeit leistet, rühren von einem Drang zum Experimentieren her. Im Studio in München arbeitet der deutsche Designer mit seinem Team an neuen Lösungen, die das Siegel „innovativ“ auch wirklich verdienen. So schuf er für Vibia mit PLUSMINUS ein Lichtsystem, das auf einem leitenden, flexiblen Band basiert oder für Midgard die enorm leichte, vollkommen eigenständige Leuchtenkollektion AYNO, die die Traditionsmarke in die Zukunft führen soll. Die wahre Poesie beim Kreieren liege im Prozess selbst, sagt er. Folgerichtig präsentiert Diez auf seiner Website ausführliche Making-Of-Fotostrecken mit einer Konsequenz, wie es sonst kaum ein Designstudio tut.

Im formfaktor-Exklusivinterview spricht Stefan Diez über schlüssige Formen, seine Arbeit als Experimentierfeld und den häufig verwendeten Ausdruck „work in progress“, der etwas Unfertiges beschreibt und den Fokus explizit auf den Designprozess richtet.

formfaktor: Mehrere Ihrer Projekte werden auf Ihrer Homepage mit dem Zusatz „work in progress“ betitelt. Warum?

Stefan Diez: Der Grund dafür liegt darin, dass Firmen Projekte vorstellen wollen, sobald sie vom Entwurf, vom Design, vom Prototypen her fertig sind und funktionieren – noch bevor die Massenproduktion startet und sie damit größere finanzielle Investitionen tätigen. Man möchte den möglichen wirtschaftlichen Erfolg testen, indem man das Produkt zum Beispiel auf einer Messe dem Publikum vorstellt. Und man möchte sichergehen, dass man der Erste mit einer Idee ist. Sicher soll damit auch das ständige Verlangen der Medien nach Neuem befriedigt werden. Aber der wichtigste Punkt ist der Schutz der Investition, also bevor Hunderttausende von Euro fließen, wollen Unternehmen einfach das Marktpotenzial testen. Wir veröffentlichen das Produkt zu diesem Zeitpunkt dann auch auf unserer Website unter dem Titel „work in progress“, damit die Menschen nicht glauben, man könnte es schon kaufen.

formfaktor: Wie andere Designer*innen auch arbeiten Sie mit Auftraggebern häufig über sehr lange Zeiträume an Projekten. Bei „Costume“ hat es 4 Jahre gedauert, bis es jetzt veröffentlicht wurde. Wie sieht der Austausch zwischen Designstudio und Unternehmen dabei aus?

Stefan Diez: Das ist jedes Mal völlig unterschiedlich. Es gibt immer eine Art Briefing, einen Wunsch, der im Raum steht, eine Lücke, die zu schließen ist. In der Regel überprüfen wir zunächst einmal diese erste Idee der Firmen auf ihre Relevanz für uns als Designstudio. Ist sie möglicherweise zu groß oder zu klein formuliert. So versuchen wir den Spielraum hinter der Fragestellung auszuloten. Und dann erstellen wir unser eigenes Briefing noch einmal neu. Dieses Re-Briefing geht danach an den Hersteller und ist meistens auch Bestandteil der ersten Präsentation.

formfaktor: Wie sah das bei „Costume“ für Magis aus?

Stefan Diez: Das war relativ schwierig. Ich kann aber gar nicht mehr sagen, warum es eigentlich so schwierig war, auf diese Lösung zu kommen, weil sie jetzt so einfach erscheint. Es standen mehrere Probleme im Raum: Das erste war, wie geht man mit dem Wechsel der Komponenten um? Also wie werden sie zusammengehalten und wie kann man als Konsument ohne Fachkenntnisse einen Polsterbezug darauf spannen. Textilien sind unterschiedlich elastisch und wenn man das nicht richtig macht, entstehen sehr schnell Falten. Das wollten wir verhindern. Deshalb ist dieses Festspannen bei „Costume“ sehr raffiniert. Es zieht von allen Seiten, von unten, von seitlich wird der Stoff in den Körper richtig hineingezogen. Es hat schon eine Weile gedauert, um auf diese Idee zu kommen. Das zweite Problem war, wie kann man die unterschiedlichen Körper miteinander verbinden. Bei herkömmlichen Systemen verbindet man zum Beispiel die Armlehnen mit Schrauben an den Körper. Wenn sie wieder entfernt werden, bleibt dann ein Loch.

Der Groschen ist bei uns erst nach einigen Versuchen gefallen, als wir darauf gekommen sind, dass man das Aufspannen des Stoffes mit der Verbindung der Komponenten kombinieren muss. Aber das war anfangs überhaupt nicht klar. Denn wir hatten ganz grundsätzlich damit begonnen, uns zu fragen, wie sieht denn der Aufbau eines Sofas überhaupt aus. Wie könnte man es neu aufbauen? Dazu gab es mehrere Ansätze: Ganz am Anfang stand die Idee, es aus Spritzguss zu machen, weil Magis diesbezüglich sehr viel Erfahrung hat. Dann kamen wir zur Idee, das Innenleben eines Sofas modular aufzubauen und eine komplett fertige Housse darüber zu ziehen. Das hätte aber zu einer Vielzahl von Houssen geführt. Lange Rede, kurzer Sinn: Es hat einfach mehrere Anläufe gebraucht und Magis hat sich die jeweils angeschaut und immer wieder Input geliefert. Es war ein riesiges Hin und Her – ein Pingpong.

formfaktor: Dieser Prozess des Experimentierens ist im Diez Office sehr wichtig. Bei jedem neuen Projekt werden auch immer Making-of-Fotos publiziert. Warum?

Stefan Diez: Die Motivation dahinter, warum wir das überhaupt zeigen, ist, wir wollen unsere Freude an der Arbeit kommunizieren. Es richtet sich natürlich an ein spezielles Publikum, das sich dafür auch interessiert. Unsere Arbeit ist ein Experimentierfeld. Und Experiment bedeutet immer auch, dass etwas schief gehen kann.

formfaktor: Wie kam es eigentlich zu dieser Vorliebe fürs Probieren und Experimentieren?

Stefan Diez: Dafür gibt es einen ganz genauen Startpunkt. Im Jahr 2006 habe ich eine Einladung der imm Cologne erhalten, das „Ideal House“ zu bespielen. Zusammen mit anderen jungen Designern ging es dabei immer um einen antagonistischen Dialog, wo zwei Parteien sozusagen gegeneinander antreten. Formalisten gegen Funktionalisten. Das war eigentlich ganz spannend, weil Gegensätze gezeigt wurden, wie man Design verstehen kann. Unser Partner damals war Dieter Rams, der zu dieser Zeit ziemlich in der Versenkung verschwunden war. Und wir hatten unser Studio gerade mal drei Jahre und kaum etwas auf dem Markt. Es war eigentlich eine Notlösung. Ich wollte zeigen, an was ich arbeite und dachte dann einfach, ich will nicht ein ideales Haus zeigen, eine fertige Wohnvision – so ein Bullshit hat mich überhaupt nicht interessiert – sondern ich wollte zeigen, dass es bei uns im Studio um Experimente geht und das unser Haus eher ein Labor ist, indem es nichts Fixes gibt. Deshalb haben wir eine Kulisse gebaut, die hinten offen war. Alles war unfertig. Der Hintergrund war, einfach den Prozess hinter dem Entwerfen zu zeigen. Das hat im Januar 2006 stattgefunden und ich glaube, ich war einer der ersten Designer, der das so gezeigt hat. Konstantin (Anm. Grcic) hat das dann etwa ein halbes Jahr später im Haus der Kunst gemacht, wo er viele Modelle zeigte. Ansonsten war das damals eher unüblich, aber es hat ein sehr schönes Echo verursacht. Dadurch sind viele Anknüpfungspunkte entstanden, um mit Leuten über die Arbeit zu sprechen. Viel mehr, als man über ein fertiges Projekt hätte sprechen können. Aus dieser Geschichte ist ein Prinzip geworden. Und ich habe die Prozesse weiterhin dokumentiert.

formfaktor: Es geht dabei ja auch um Transparenz. Dass man Einblick in seine Arbeit gewährt. Was deshalb interessant ist, weil es bei Ihnen oft um Erfindungen, Innovationen geht, die sonst gerne geheim gehalten werden.

Stefan Diez: Es ist einfach eine Grundsatzentscheidung. Geheimnisse kann man haben und wenn sie strategisch helfen, ist das eventuell auch gerechtfertigt. Es bedarf auf jeden Fall einiges an Energie, um ein Geheimnis aufrecht zu erhalten. Denn der natürliche Zustand eines Geheimnisses ist das gelüftete Geheimnis. Das bedeutet, man müsste sein Studio vor Blicken von außen schützen, was dazu führt, dass man selbst nicht mehr rausschauen kann. Und auf das hatte ich keine Lust. Ich will mit offenen Karten spielen. Auch wenn wir zum Beispiel mit neuen Produkten wie „Costume“ für Magis oder mit „AYNO“ für Midgard auf den Markt gehen, dann sagen wir, dass dieses Produkt recycelbar ist, dass man es zerlegen kann usw. Das möchte ich nachvollziehbar darstellen. Es soll nicht ein blödes grünes Versprechen bleiben, dass irgendwo auf einem Zertifikat steht.

formfaktor: Was fasziniert Sie an der Gestaltung von Leuchten?

Stefan Diez: Licht kann Räume schaffen. Das ist ein interessanter Bezug zur Architektur. Licht ist an sich ein Raum schaffendes Medium. Wenn es draußen dunkel ist, ergibt es einen Lichtkreis und innerhalb dessen nimmt man die Umwelt anders wahr. Das war mein ursprüngliches Interesse: Licht, Lichtkegel, Lichtfokus. Gerichtetes Licht hat viel mit fokussieren, mit senden und empfangen, mit Schein und Sein und Perspektive zu tun. Dahinter stecken viele sympathische Überlegungen. Auslöser war auch der Wechsel von Halogenlampen zu LEDs, die den Umgang mit Licht völlig revolutioniert haben. Dadurch, dass sie kaum mehr heiß werden, kann man ganz andere, waghalsigere Konstruktionen schaffen. Das hat den Spielraum vergrößert (oder mutmaßlich vergrößert) und hat schon ausgereicht, um mich mit der Thematik zu beschäftigen. Eine grundsätzliche Idee, die ich von meinem Beruf habe, ist, dass ich mich nicht mit Dingen beschäftigen will, wo sich in letzter Zeit überhaupt nichts geändert hat. Ich versuche immer Projekte anzugehen, wo sich gerade Dinge verändern, seien es Materialien, Verfahren, Prozesse oder Marktveränderungen.

formfaktor: Sie sind bekannt für technisch-innovative Lösungen. Welchen Stellenwert räumen Sie aber der Ästhetik ein? Ergibt sich die Form immer und ausschließlich aus der Funktion?

Stefan Diez: Die Form ergibt sich auf irgendeine Art und Weise immer. Sie folgt einer gewissen Logik, die sich aus dem Prozess heraus ergibt. Wir entwerfen im Studio weniger die Symptome des Prozesses, sondern wir entwerfen den Prozess. Die Poesie steht hinter dem Wie und die Form ist sozusagen das Resultat oder die Auswirkung davon. Die Form ist immer nur eine mögliche Form, die mehr oder weniger schlüssig auf dieses Prinzip zurückgreift. Je schlüssiger, desto besser und überzeugender ist das in der Regel. Je beliebiger die Form, desto schwammiger war der Prozess. Dann hat man sein Vorhaben nicht richtig im Griff. Ich denke, dass die stärksten Lösungen spezifische Lösungen sind. Spezifisch bedeutet, dass man im Nachhinein erkennen kann, worum es bei diesem Projekt eigentlich gegangen ist, womit sich die beschäftigt haben, was die Designer*innen eigentlich wollten.


Mehr zum Thema


Weitere TOP-Artikel