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Fabrice Berrux und Alberto Bonaldo im Interview

von Markus Schraml
Fabrice Berrux design für Bonaldo

Ganz im Zeichen seines internationalen Anspruchs engagierte der italienische Möbelhersteller Bonaldo den französischen Designer Fabrice Berrux, um weitere neue Facetten in sein Portfolio zu bringen. Für beide Seiten war es eine Premiere: Das erste Mal arbeitet ein Designer aus Frankreich für Bonaldo, andererseits hat Berrux noch nie mit einem italienischen Unternehmen kooperiert. Beide gingen mit bestimmten Erwartungen in diese Zusammenarbeit. Im Interview sprechen Alberto Bonaldo (Managing Director Bonaldo) und Fabrice Berrux über kreative Impulse, Herangehensweisen, Inspirationsquellen und vor allem die gemeinsamen Projekte. Es entstanden drei ganz unterschiedliche Möbel: der Sessel Stone, das Sofa Panorama und das eigenwillige Bücherregal Cabinet de Curiosité, die alle drei erstmals auf dem diesjährigen Salone in Mailand präsentiert wurden.

Wie kam es zur Kooperation mit Bonaldo?

Fabrice Berrux: Ich wollte schon lange einmal mit einem italienischen Unternehmen zusammenarbeiten und Alberto Bonaldo suchte neue Inspirationen. Daraus ergab sich dann die Kooperation mit Bonaldo.

Dies ist Ihre erste Zusammenarbeit mit einem italienischen Möbelhersteller. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Berrux: Ich erwartete mir eine herzliche, konstruktive, fruchtbringende und erfüllende Zusammenarbeit. Und genau so war es dann auch. Es war wirklich eine schöne Erfahrung, frühmorgens in Venedig zu landen und kurz darauf im Werk festzustellen, dass bereits an der Entwicklung der Prototypen meiner Kollektionen gearbeitet wurde. Jedes Projekt wurde von einem Experten begleitet und auch die Idee hinter dem Entwurf wurde nie aus den Augen verloren.

Warum hat sich Bonaldo dazu entschlossen, erstmals mit einem französischen Designer zu kooperieren?

Alberto Bonaldo: In der Tat ist Fabrice der erste französische Designer, der für uns entwirft, und er erweitert die internationale Bandbreite der Designer, mit denen wir zusammen arbeiten. Wenn wir ein internationales Unternehmen sein wollen, sind Einflüsse, Inspirationen und Ideen aus aller Welt enorm wichtig und Designer sind in dieser Hinsicht eine unserer wichtigsten Inspirationsquellen.

Woher nehmen Sie die Inspirationen für Ihre Projekte und Entwürfe?

Fabrice Berrux: Ich betrachte mich als multisensorischen Schwamm. Ich nehme ununterbrochen alles auf, was mich umgibt, und sehe mir alles ganz genau an, was für meine zahlreichen Studien nützlich sein kann. Meine Freude an der Vielfalt, ein wenig Glück und Zielstrebigkeit erledigen den Rest. Die Tatsache, dass die drei Produkte, die ich für Bonaldo entworfen habe, in unterschiedlichen Welten verwurzelt sind und verschiedene Geschichten erzählen, ist eine bewusste Entscheidung, oder besser gesagt, spiegelt meine Arbeitsweise wider. Mein Ziel ist es nicht, einen bestimmten Stil aufzuerlegen. Jedes neue Projekt ist ein eigenes Kapitel, und so folge ich stets meiner momentanen Eingebung. Am Stand von Bonaldo auf dem Salone del Mobile zeigte das gelungene Nebeneinander dieser drei unterschiedlichen „Kapitel“, dass Cabinet de Curiosité, Panorama und Stone dennoch gemeinsame „Gene“ haben. Nämlich ihre markant geometrischen Formen und, wie ich hoffe, eine gewisse funktionelle Eleganz.

Was war bei der Umsetzung der drei sehr unterschiedlichen Produkte die größte Schwierigkeit?

Alberto Bonaldo: Wir betrachten jedes neue Produkt als neue Herausforderung und mit dieser Einstellung sind wir auch den Projekten von Fabrice Berrux begegnet. Sehr spannend war für uns der Einsatz unterschiedlicher Technologien. So mussten wir für Cabinet de Curiosité eine CNC-Fräse verwenden, für Stone Schaumstoff formen und autogen schweißen und Panorama maßgeschneidert mit Stoff beziehen sowie mit unterschiedlich dichten PU-Schaumstoffen arbeiten, dank denen ein optimaler Komfort und eine optimale Kombinierbarkeit der sechseckigen Module gewährleistet werden kann. Ebenso inspirierend waren auch die intensive Zusammenarbeit und der konstante Austausch mit Fabrice, wenn es darum ging, konkrete Probleme zu überwinden.

Was ist die Idee hinter dem Entwurf des Bücherregals Cabinet de Curiosité?

Fabrice Berrux: Ich habe Bücherregale, Bücher und die Gegenstände drumherum immer geliebt. Dieses Bücherregal ist eine Hommage an meinen Pariser Großvater. In seiner Wohnung gab es ein Zimmer, das mich besonders fasziniert hat, mehr als alle anderen. Es war das Zimmer, in dem er abends und bis spät in die Nacht saß – sein Arbeitszimmer, oder besser seine Wunderkammer. Es war ein Ort des Nachdenkens, des Schaffens und der Erinnerungen, in dem ein buntes Durcheinander von Büchern, Bildern, Masken, Skulpturen und tausend anderen „unverzichtbaren“ Gegenständen herrschte. Einige Jahrzehnte später wurde dank Bonaldo aus diesem Cabinet de Curiosité ein individuell zusammenstellbares Bücherregal mit architektonischem Touch. Jedes Modul besteht aus einer Front und einer unterschiedlichen Anzahl an Fenstern oder Nischen zur Aufbewahrung, Ordnung und Präsentation von Büchern, Souvenirs oder Kunstgegenständen. Sein Name erklärt sich von selbst. Und die charmante Art, mit der er vom gesamten Team von Bonaldo ausgesprochen wurde, hat mir sofort gefallen und meine Wahl letztlich bestätigt.

Wohin passt Ihrer Meinung nach das Regal am besten?

Berrux: Dank seiner Modulbauweise passt es – je nach Anzahl der gewählten Elemente – gut ins Wohnzimmer, aber auch in einen intimeren Kontext, wie das Schlafzimmer.

Die Modulbauweise findet sich auch beim Sofa Panorama wieder. Was war hier der Entwurfsgedanke?

Berrux: Die Kollektion Panorama umfasst Sofas, Sessel und Poufs, mit denen sich Wohnlandschaften ganz nach den persönlichen Vorstellungen gestalten lassen. Die geometrischen Formen der Module laden dazu ein, die verschiedenen Elemente miteinander zu kombinieren, um aus dem Wohnzimmer den wärmsten und einladendsten Raum des Zuhauses zu machen. Dabei wünsche ich mir, dass Panorama Verbindungen entstehen lässt. Denn die Kollektion wurde gezielt entwickelt, um damit Orte der Gemeinsamkeit, Komfortinseln, schützende Kokons zu gestalten, in und auf denen man so richtig entspannen kann. Allein oder zusammen mit anderen.

Welche Bedeutung hat die Welt der Natur für zeitgenössisches Design und für Sie selbst?

Berrux: Die improvisierten Sitzgelegenheiten, die ich auf meinen langen Spaziergängen in der Natur genutzt habe, haben mich schon immer inspiriert. Manchmal war das ein Baumstamm, manchmal ein Fels, manchmal andere überraschend komfortable Naturformationen. Und in diesem Geist habe ich auch versucht, den Sessel Stone zu entwerfen. Das Ergebnis ist „in Stein gemeißelter“ Komfort, eine schützende, einladende Schale. Das Projekt spricht damit ein Thema an, das mich sehr beschäftigt und universelle Bedeutung hat: das der gezähmten Natur. Abgesehen davon stelle ich fest, dass wir heute, unabhängig von diversen Trends, stets auf der Suche nach dem Sinn der Dinge sind. Wir bevorzugen Produkte, die es uns leicht machen, einen lebendigen, aber zugleich entspannten Alltag zu erleben.

Fabrice Berrux design für Bonaldo
Alberto Bonaldo und Designer Fabrice Berrux: Die Zusammenarbeit ist für beide in zweifacher Hinsicht eine Premiere. © Bonaldo
Fabrice Berrux' Cabinet de Curiosité
Das Cabinet de Curiosité ist ein ganz besonderer Aufbewahrungsort für Erinnerungsstücke und Lebensbegleiter. © Bonaldo
Cabinet de Curisosité von Fabrice Berrux
Jedes Modul des Bücherregals besteht aus einer Front und einer unterschiedlichen Anzahl an Fenstern oder Nischen zur Aufbewahrung, Ordnung und Präsentation. © Bonaldo
Fabrice Berrux' Stone für Bonaldo
Stone ist ein Sessel mit schützender, einladender Schale. © Bonaldo, Paolo Golumelli
Bonaldo u. Fabrice Berrux
Filigrane Beine und der plastische Sitz ergeben einen spannenden Kontrast. © Bonaldo
Fabrice Berrux' Designs für Bonaldo
Panorama ist ein Sofa in Modulbauweise, das zahlreiche unterschiedliche Kompositionen erlaubt. © Bonaldo
Fabrice Berrux desingt für Bonaldo
Die Kollektion Panorama wurde gezielt entwickelt, um damit Orte der Gemeinsamkeit, Komfortinseln und schützende Kokons zu gestalten. © Bonaldo, Paolo Golumelli

Sie lehren an der Designschule École Bleue in Paris. Welche Bedeutung hat diese Tätigkeit für Sie?

Berrux: Meine Lehrtätigkeit nimmt einen wichtigen Platz in meinem beruflichen Leben ein. Anderen etwas zu vermitteln, bedeutet, in erster Linie zu lernen. Zuerst an der École Nationale des Beaux Arts in Dijon und dann an der École Bleue in Paris habe ich nie aufgehört, die vielen Ideen und diese vagen Konzepte, die mich besonders anzogen und meine Arbeit von jeher inspiriert haben, verständlich zu machen. Ohne diese Notwendigkeit des Erklärens hätte ich mir nie die Mühe gemacht, Klarheit in meine Gedanken zu bringen und zu lernen, mit den richtigen Worten Ratschläge zu geben, von denen ich hoffe, dass sie nützlich sind.

Wie wichtig ist es für Bonaldo, immer wieder auch mit Personen zusammenzuarbeiten, die von Hochschulen, die aus der Lehre kommen?

Alberto Bonaldo: Die Produkte von Bonaldo zeichnen sich neben ihrem hochwertigen Design insbesondere durch technische Aspekte aus. Es ist für uns daher von zentraler Bedeutung, stets mit Orten der Forschung, Bildung und Innovation, wie den Universitäten, technischen Hochschulen und Designschulen, in Kontakt zu stehen. Ein Beispiel für diese Art der Kooperation ist auch die Zusammenarbeit mit Carlo Bartoli, der am Politecnico in Mailand sowie an der Kunstfachhochschule ISIA in Florenz und Rom unterrichtet. Seit über 20 Jahren arbeiten wir mit ihm bereits zusammen, eben weil wir technischen, technologischen und designbezogenen Input benötigen.

Welche Bedeutung haben die Produkte, die Fabrice Berrux gestaltet hat, für das Portfolio von Bonaldo?

Alberto Bonaldo: Fabrice ist einfallsreich, hat einen lebendigen Stil und sehr originelle Ideen. Er betrachtet die Produkte aus einer innovativen und originellen Perspektive und das ist genau das, was wir bei Bonaldo für unsere Kollektionen suchen.

[su_note note_color=”#f1f1f2″ radius=”2″]Fabrice Berrux ist Absolvent der École Nationale des Beaux Arts in Dijon und gründete 1987 die Gesellschaft „18 Août“, die außergewöhnliche Objekte entwirft, die etwa im Museumsshop des Centre Georges-Pompidou in Paris verkauft werden. Neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Designer lehrt Berrux an der Designschule École Bleue in Paris.[/su_note]

Das Interview wurde vom Pressebüro ERGO zur Verfügung gestellt.

Im Video spricht Fabrice Berrux über das Cabinet de Currosité.

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