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Fritz Kahn – Pionier der Informationsgrafik

von Markus Schraml
Fritz Kahn, Taschen

Fritz Kahn … wer? Mediziner, Aufklärer, Humanist, Kreativdirektor, populärwissenschaftlicher Buchautor, die Liste der Berufe und Leistungen des 1888 in Halle an der Saale geborenen Kahn ist lang. Heute mag sein Name vergessen sein, doch sein Einfluss zu Lebzeiten war enorm. Von heute aus betrachtet interessant sind die Infografiken in seinen populärwissenschaftlichen Büchern vor allem zur Physiologie des Menschen. Das erklärte Ziel war es, die Funktionsweise des menschlichen Körpers einem breiten Publikum verständlich zu machen. Er griff dabei auf die Kraft der Bilder zurück und gestaltete in Zusammenarbeit mit Illustratoren Infografiken, die häufig mittels Analogien zur Welt der Maschinen die Vorgänge im Menschen erklären sollten.

„Seine Bilder unterhalten und informieren über etwas, das andernfalls kalt und klinisch wäre“, schreibt Steven Heller im Vorwort zur erweiterten Kahn-Monografie, die im Taschen-Verlag erschienen ist. Es handelt sich um eine Fortführung des weltweit ersten Buches über Fritz Kahn aus dem Jahr 2009 von Uta und Thilo von Debschitz. Der erste Taschen-Bildband erschien 2013. Beide Bücher sind vergriffen.

(links) „Die Tragkraft der Haare.“1929, (rechts) „Das Tageswachstum der Haare: Der menschliche Körper produziert täglich 30 m Haarsubstanz.“ 1929 © Taschen

Die produktivste Phase im Schaffen von Kahn waren die 1920er-Jahre. Der Berliner Arzt hatte ein Händchen dafür, die komplizierte Welt der Biologie und Anatomie für Laien verständlich zu machen. Er tat dies mit äußerst fantasievollen Bildern. Als die fünfteilige Reihe „Das Leben des Menschen“ (sein Hauptwerk) 1922 erschien, war er bereits ein bekannter Autor. Schon als Student hatte er Artikel in Feuilletons veröffentlicht und seine publizistische Arbeit auch später neben seiner Tätigkeit als Gynäkologe und Chirurg fortgesetzt. So erschien 1919 „Die Zelle“ und 1920 das erfolgreiche Werk „Die Juden als Rasse und Kulturvolk“, womit er gegen den neu aufkommenden Antisemitismus argumentierte.

Der Kreativdirektor

Einen Teil der Illustrationen für „Das Leben des Menschen“ findet Kahn in Lehrbüchern und Fachzeitschriften, die meisten lässt er jedoch neu anfertigen. Die Leistung, für die er noch heute wertgeschätzt wird, beruht auf seinen ästhetisch experimentellen Erklär-Bildern. Diese entwickelt er gemeinsam mit freischaffenden Kreativen. Uta und Thilo von Debschitz beschreiben seine Rolle als die eines Kreativdirektors, der alle Entscheidungen in Bezug auf Text- und Bildgestaltungen trifft.

Alle Illustratoren, die für Kahn arbeiteten, mussten über ein hohes Maß an Vorstellungskraft verfügen. Ihnen oblag es, sehr komplexe physiologische Zusammenhänge und Vorgänge in leicht verständliche Visualisierungen zu verwandeln. In seiner Wohnung richtete Kahn ein Studio ein, wo er eng mit Grafikern und Malern zusammenarbeiten konnte. Die Leitidee einer Illustration kam stets von Kahn, die er mit publizierten Bildern oder eigenen Skizzen veranschaulichte. In der Folge vermittelte er dem jeweiligen Illustrator biologisches Hintergrundwissen und/oder sie arbeiteten sich selbst mittels Fachliteratur in das Thema ein. Die auf Basis dieser Informationen entstehenden Entwürfe wurden dann gemeinsam weiterentwickelt.

„Genau wie der Künstler mit dem Pinsel eine Landschaft malt, so malt auch der Wissenschaftler einen Entwurf des Universums“, schreibt Kahn. In seinem Anliegen als Aufklärer nimmt die Infografik einen enorm hohen Stellenwert ein. Seine Bildmetaphern sind derart ausdrucksstark, dass sie die Leserschaft ins Thema geradezu hineinziehen. Es handelt sich nicht um eine Bebilderung, sondern das Bild übernimmt die erklärende Führerschaft. Je nach Motiv dienen die Illustrationen einerseits als verlockendes Signal, andererseits als erhellende Analogie.

Die Illustratoren

Kahns Zusammenarbeit mit Illustratoren kann in zwei zeitliche Phasen unterteilt werden. Die erste begann bereits 1913 und währte bis 1922. Zu den herausragenden Arbeiten dieser Schaffensphase zählen die Bildsequenzen „Märchenreise auf dem Blutstrom“ und „Reiseerlebnisse einer Wanderzelle“ von Arthur Schmitson, einem renommierten Wissenschaftsmaler, der bereits zahlreiche medizinische Atlanten illustriert hatte. Weitere Mitarbeiter waren die Malerin Toni N. Haken – sie gestaltete für Kahn komplexe Darstellungen wie die farbenkräftige „Darmschleimhaut“ oder der Kunst- und Miniaturmaler Georg Helbig, der Kahns Frühwerke „Die Milchstrasse“ und „Die Zelle“ illustriert hatte. Er zeichnete für „Das Leben des Menschen“ unter anderem die visuellen Analogien „Die Hauptformen der menschlichen Knochen“ und „Die Atmung“.

Märchenreise auf dem Blutstrom: „Einfahrt in eine Drüsenhöhle. Ideales Landschaftsbild aus der mikroskopischen Struktur des Menschenkörpers.“ Bildunterschrift Kahn, 1924 © Taschen

Ab 1923 (bis 1932) setzte Kahn auf neue Visualisierungen und ausgesprochen moderne Gestaltungen. Die Umsetzungen kommen in erster Linie vom Grafiker Ottomar Trester (Infografiken), von Roman Rechn, Bauhausanhänger (komplexe räumliche Darstellungen und kubistisch-surrealistische Collagen) und vor allem Fritz Schüler, der viele der Mensch-Maschine-Analogien, darunter auch das Meisterwerk „Der Mensch als Industriepalast“ gestaltete. Vorläufer dieser Grafik finden sich in US-amerikanischen Illustrationen. Es ist der Versuch, biologische Funktionen des Körpers, die dem menschlichen Auge verborgen sind, in Form von bekannten technischen Prozessen darzustellen. Das fast lebensgroße Plakat wird 1926 veröffentlicht und sofort ein voller Erfolg. Kurioserweise diente es sogar als Lehrmittel im Biologieunterricht, war in Arztpraxen sowie Apotheken zu finden und zierte die Wohnung von Salvador Dalí. Fritz Schüler kooperierte für die Weltausstellung 1929 mit Mies van der Rohe.

Das Plakat „Der Mensch als Industriepalast“ ist Kahns bekannteste Infografik. Die menschlichen Figuren darin veranschaulichen bestimmte Aktivitäten einzelner Zellen oder Organe, sie stehen aber auch für das Leben an sich. © Taschen

Der Weg in die USA

Fritz Kahn (1888 – 1968) und seine Familie wurden 1933 von den Nazis ausgewiesen. Zunächst eröffnete er ein Grafikstudio in Jerusalem, danach ging die Reise nach Frankreich und schließlich dank Fürsprache von Albert Einstein 1941 in die USA. Nahezu alle Originalzeichnungen gingen auf der Flucht bzw. aufgrund eines Bombenschadens im Kosmos-Verlag verloren. 1965 veröffentlichte er eine dritte Version seines Menschenbuches unter dem Titel „The Human Body“. Die fantasiesprühenden Grafiken der 20er-Jahre mussten auf Wunsch des amerikanischen Artdirectors jedoch nüchterneren Gestaltungen weichen.

Fritz Kahn, Berlin, ca. 1914. Er stellte das herkömmliche Text-Bild-Verhältnis auf den Kopf. © Taschen

Die Natur hat Vorrang

Fritz Kahn wollte Vorgänge der Natur niederschwellig vermitteln. Er machte sich dafür die Kraft von Bildern zunutze. Dass er dabei auf Analogien aus dem Industriezeitalter zurückgriff, bedeutet nicht, dass er die Maschinenwelt der Biologie gleichsetzen (oder gar voranstellen) wollte – im Gegenteil – sie diente ihm lediglich als Mittel zum Zweck. Und dieser Zweck hieß Vermittlung der Natur des Menschen. Die Idee des „neuen Menschen“ ist bei Kahn keineswegs in einer Verbindung von Mensch und Maschine zu sehen, sondern impliziert die Forderung, dass der Mensch seine naturgegebenen Potenziale wirklich nutzen soll.

Übrigens betreibt Co-Autor Thilo von Debschitz eine eigene Website zu Fritz Kahn.

Fritz Kahn. Infographics Pioneer. Uta and Thilo von Debschitz. Hardcover, 19,6 x 25,5 cm, 1,46 kg, 400 S., ISBN 978-3-8365-9007-5 (Deutsch, Englisch, Französisch). Verlag: Taschen


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