Home Art Kritische Lichtkunst im Kunstmuseum Wolfsburg

Kritische Lichtkunst im Kunstmuseum Wolfsburg

von Markus Schraml
Macht! Licht! Kunstmuseum Wolfsburg

Die Ausstellung Macht! Licht! im Kunstmuseum Wolfsburg zeigt künstlerische Positionen, die sich politischen, ökologischen oder sozialen Fragen widmen und den Einsatz von Licht kritisch beleuchten. Denn Licht hat seine ausschließlich positive Konnotation längst verloren. Seit die Menschheit die Herrschaft der Sonne gebrochen hat und Licht künstlich erzeugen kann, ist der Ausstoß der nächtlichen Lichttransmissionen derart angewachsen, dass ohne Zurückhaltung von Lichtverschmutzung gesprochen werden kann. Die ständige Verfügbarkeit von Licht (zumindest in großen Teilen der Welt), das auf Knopfdruck ein- oder ausgeschaltet werden kann, bestimmt unser Leben in hohem Maße. Licht in Städten vermittelt Sicherheit, gleichzeitig ist der hohe Energieverbrauch vor allem bei veralteter Lichttechnik ein Problem.

In der großen Ausstellungshalle des Kunstmuseum Wolfsburg haben die Kuratoren Andreas Beitin und Holger Broeker auf 1500 m² eine Schau von rund 80 Lichtkunstwerken von 65 Künstler*innen zusammengestellt. Ausgehend von Werken aus der Sammlung des Museums wird ein Spektrum an Werken der Lichtkunst präsentiert, die sich auf eine ganze Reihe (gesellschafts-)politischer Themen fokussieren: Utopie/Dystopie, Ökologie/Biologie, Ökonomie, Gewalt/Macht, Kontrolle/Überwachung, Werbung/Manipulation, Aufklärung/Verunklärung, Grenze/Ausgrenzung sowie öffentlicher Raum.

Lori Hersbergers „Sunset 164“ (2006) wird in der Ausstellung Macht! Licht! In Wolfsburg gezeigt. © Lori Hersberger Studio, Foto: Hans-Georg Gaul

Lichtverschmutzung

Mit dabei ist Nana Petzet und ihre Arbeit „Lichtfalle Hamburg“ (2015/2018), mit der sie den enormen Rückgang von Insekten durch Licht thematisiert. Bei diesem Projekt handelt es sich um eine Skulptur aus blauem Licht, die auf einem Boot durch die Nacht geschickt wurde. Bei allen Fahrten ließ sich die hohe Attraktivität des blauen Lichts für nachtaktive Insekten nachweisen. „Lichtfalle Hamburg begreift die aktuelle Krise der Insekten als epistemischen Raum, in dem die Warenförmigkeit der Nacht und der Biodiversität sichtbar wird und als Verpflichtung nach Auswegen aus diesem Warendenken zu suchen“, schreibt Petzet, die dieses Projekt mit dem Biologen Bernd Reuter durchgeführt hat.

Manipulation

Licht ist auch in der Werbung eine treibende Kraft. Monica Bonvicini verdeutlicht dies mit ihrer widersprüchlichen Leuchtschrift NOT FOR YOU (2006). Oder Daniel Pflumms bekannte Leuchtkästen, wo der Schweizer Künstler Firmenschriftzüge etwa von Esso, Kraft Foods, Mastercard oder Microsoft zergliederte und animierte. Durch das Dekonstruieren der Logos wollte Pflumm auf die Absurdität von Werbebotschaften hinweisen.

Mariana Vassileva, Burned Hands, 2013, verkohltes Holz, Neon-System, Kunstmuseum Wolfsburg, Dauerleihgabe aus Privatsammlung, © Mariana Vassileva, Kunstmuseum Wolfsburg, Foto: Mariana Vassileva

Folter und Verschwörungstheorie

Gregor Schneider machte mit seiner Arbeit „High Security and Isolation Cell No. 2“ im Jahr 2005 auf Licht als Folter aufmerksam. Jemanden ständigem Licht auszusetzen, gehört zu den brutalsten Foltermethoden. Warren Neidich kreiert Neonlichtskulpturen als konzeptuelle, textbasierte Arbeiten, in denen es häufig um soziale Gerechtigkeit geht. Dabei bewegt er sich an der Grenze von Kunst und Wissenschaft. Mit „Pizzagate Neon“ (2016) thematisiert er die aufsehenerregende Verleumdungsaktion im Vorfeld des US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs. Es ging dabei um einen Kinderpornoring, in den angeblich auch Hillary Clinton verstrickt gewesen sein soll.

Die Skulptur „The Cow“ (2011) von Bernardí Roig ist ein Polyesterharzabguss einer geschlachteten Kuh, aus der ein Bündel Leuchtstoffröhren herausquillt. Sie ist Teil der Videoinstallation „Der Italiener“. © Bernardí Roig

Zur Ausstellung erscheint eine umfangreiche Publikation (jeweils in Deutsch und Englisch) im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König (gestaltet von Jan Kiesswetter, Berlin) mit Beiträgen von Andreas Beitin, Holger Broeker, Jo Joelson, Annette Krop-Benesch, Christoph Markschies, Julia Otto und Michael Schwarz.

Die Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg läuft noch bis 10. Juli 2022.


Mehr zum Thema


Weitere TOP-Artikel